Einer der ganz Großen im Rock- und Pop-Geschäft gab sich dieses Jahr auf dem Meersburger Schlossplatz die Ehre: Sir Thomas John Woodward, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Tom Jones. „It’s Not Unusual“ hieß seiner erster Nummer-eins-Hit, veröffentlicht wurde er im Januar 1965. Da war John F. Kennedy gerade mal etwas über ein Jahr tot, ein gewisser Lyndon B. Johnson war Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und Konrad Adenauer schickte sich gerade an, seinem Nachfolger Ludwig Erhard (widerwillig) Platz im Amt des deutschen Bundeskanzlers zu machen. Über fünf Jahrzehnte lang blieb Tom Jones eine feste Größe auf den Bühnen dieser Welt, und auch wenn die ganz großen Hits zuletzt ausblieben – auf eine treue Fan-Gefolgschaft kann der mittlerweile 77-jährige Grandseigneur, den Königin Elizabeth II. im Jahr 2006 zum Ritter schlug, sich auch heute noch verlassen.

Immerhin rund 2500 Fans waren nach Meersburg gekommen, um ihr Idol endlich einmal live zu erleben – und sie wurden nicht enttäuscht, im Gegenteil. Ein bestens aufgelegter Sänger präsentierte sich an diesem Abend seinem Publikum, und seine auch im Alter noch ungemein kraftvolle Stimme faszinierte von der ersten Minute an. Kaum zu glauben, dass dieser Mann schnurstracks auf die 80 zugeht – lediglich die relativ sparsamen Bewegungen, mit denen er auf der Schlossplatz-Bühne agierte, ließen erahnen, dass er wirklich nicht mehr der Jüngste ist. „I was born with the gift of a golden voice“ (Ich wurde mit dem Geschenk einer goldenen Stimme geboren) sang er in „Tower Of Song“, einem Leonard-Cohen-Cover – spontaner Beifall prasselte da im Publikum auf: ein magischer Moment.

Und sie klang an diesem Abend auch deshalb so gut, die goldene Stimme, weil die Kollegen am Mischpult höchst professionelle Arbeit ablieferten: Sehr sauber und transparent war der Sound auf dem sicherlich schwierig zu beschallenden Schlossplatz, und das bei durchaus Respekt einflößender Lautstärke.

Abgerundet wurde dieser furiose Auftritt durch die neunköpfige Begleitband des Meisters, die beeindruckende instrumentale Akzente setzte: „Delilah“, Jones’ Mega-Hit aus dem Jahr 1968, wurde völlig umarrangiert und überraschte mit einem ganz ungewohnten, aber ziemlich gut passenden Latin-Touch, „Burning Hell“ (eine John-Lee-Hooker-Komposition) erklang so knochentrocken, als hätten Jones und seine Mitstreiter ihr ganzes Leben in den Baumwollfeldern Louisianas verbracht. Einsamer Höhepunkt des Konzerts war das bereits erwähnte Leonard-Cohen-Cover „Tower Of Song“: ein vergleichsweise stiller Moment, in dem man ahnte, dass auch ein Tom Jones sich seiner Sterblichkeit sehr bewusst ist – und dass er vielleicht auch deshalb auf der Bühne immer noch alles gibt.

Obwohl gebürtiger Waliser, ist Jones in vielem die perfekte Verkörperung des britischen Gentleman – abgesehen von seinen zahllosen Groupie-Affären vielleicht, aber die hat ihm selbst seine Gattin Linda immer wieder verziehen, die im April 2016 verstarb. Fast den gesamten Auftritt über trug Jones ein elegantes Dinner-Jackett, legte es erst ab, als er „You Can Leave Your Hat On“ sang, mit der dazu passenden Verszeile „Baby, take off your coat“ (Baby, zieh’ deinen Mantel aus).

Von Randy Newman stammt dieser Song, bekannt geworden ist er in der Fassung von Joe Cocker, und Tom Jones und seine Truppe intonierten ihn in Meersburg in einer ungemein fetzigen, knalligen Version, veredelt durch drei Bläser, die für die nötige Portion Glamour sorgten.

Schön zu sehen, dass es immer noch Alt-Stars gibt, die den Ehrgeiz haben, jeden Abend auf der Bühne das Beste zu geben, und die sich immer noch eine stilistische Flexibilität bewahrt haben, die für Überraschungen gut ist: Die unüberhörbare Affinität zu Blues und Gospel, die der gealterte und gereifte Tom Jones an diesem Tag auf dem Schlossplatz offenbarte, war etwas, was nicht unbedingt erwartet werden konnte, und sie gab diesem Auftritt seine besondere Note. Gut, den einen oder anderen Hit hat der eine oder der andere im Publikum vermutlich schon vermisst – aber für das reine Abnudeln seiner Evergreens ist sich Sir Tom Jones wohl echt zu schade, und das muss man dem Sänger auch hoch anrechnen.

Als Kontrastprogramm zum Auftritt des Ritters Ihrer Majestät darf das Konzert vom Abend zuvor gewertet werden: Runrig enterten da die Bühne des Meersburg Open Airs, die Heroen des keltischen Folk-Rock, die auch schon auf auf über vier Jahrzehnte Bühnenpräsenz zurückblicken können.

Ganz in der Tradition des schottischen Rebellentums gegen die britische Herrschaft verorten sie sich: Der Bandname (Raon Ruith auf Gälisch) bezeichnet das traditionelle System der Landnutzung, wie es in Schottland vor der Vertreibung der ortsansässigen Bevölkerung durch die britischen Landlords praktiziert wurde. Teilweise auf Gälisch, teilweise auf Englisch schreiben die sechs Musiker ihre Songs, oft im Chorgesang vorgetragen.

Frontmann Donnie Munro verließ die Band 1997, um (wenig überraschend) eine politische Karriere zu starten, Nachfolger Bruce Guthro, ein schottisch-stämmiger Kanadier, ist, wie sich in Meersburg zeigte, ein mehr als vollwertiger Ersatz. Mit allerlei Statements zwischen den einzelnen Songs unterhielt er die rund 3300 Fans auf dem Schlossplatz, machte sich auch ein wenig über Tom Jones, der ihm 24 Stunden später nachfolgen sollte, lustig und war sichtlich angetan von den schottischen Fahnen, die hier und da im Publikum geschwenkt wurden (eine hing sogar von einem Fenster des Barockpalais der Galerie Bodenseekreis herab).

Verglichen mit anderen Celtic-Rock-Formationen – wie etwa den stilverwandten irischen Horslips – sind Runrig so etwas wie die Soft-Variante: Perfekt zur untergehenden Abendsonne passende, aber relativ glatt anmutende Soli entlockt Gitarrist Malcolm Jones seinem Instrument; fetzig wird es meist nur dann, wenn er zum Dudelsack greift. Hart an der Kuschelrock-Grenze entlang balanciert das alles manchmal („Harvest Moon“), aber den Fans auf dem Schlossplatz gefiel’s. Interessanterweise klangen vorzugsweise Songs vom aktuellen, vergangenes Jahr erschienenen Album „The Story“ signifikant erdiger: „Onar“ etwa oder „The Place Where The Rivers Run“ (zweifellos der Höhepunkt des Konzerts).

Sollte – wie die Band mehrmals öffentlich erklärt hat – dies tatsächlich das letzte je erschienene Studio-Album gewesenen sein, wäre es auf jeden Fall ein krönender Abschluss einer langen, erfolgreichen Karriere im Pop-Geschäft.