Es war der 28. Juni 1816, da vermerkte Johann Wolfgang von Goethe in seinem Tagebuch den ersten schönen Tag des ganzen Jahres. Zwei Wochen am Stück soll es zuvor durchgeregnet haben, und noch Anfang Juni, so heißt es, sei in manchen Gegenden Deutschlands Schnee gefallen. Der kälteste Sommer seit 1601 sorgt in ganz Europa für Missernten und Hungersnöte. Und er sorgt für noch etwas: eine neue Epoche der Kunstgeschichte.

Ohne das „Jahr ohne Sommer“ nämlich, so lautet eine gängige These der Kunstwissenschaft, hätte es die Romantik nie gegeben. Manche Tage nämlich sind gar nicht erst richtig hell geworden, ein eigenartiger Schleier verdeckte das Tageslicht. 1816 entstanden Bilder wie Caspar David Friedrichs „Küstenlandschaft im Abendlicht“, jene leuchtend roten Abendhimmel über verstörend magischen Landschaften. Was um alles in der Welt war nur mit dem Klima los?

Heute weiß man es: Der Tambora war ausgebrochen, ein Vulkan östlich der indonesischen Insel Sumbawa. Die Eruption war wahrscheinlich die heftigste seit etwa 26¦000 Jahren. Die ausgestoßenen Partikel sollten noch über Jahre hinweg in der Atmosphäre bleiben und vor allem auf der Nordhalbkugel spektakuläre Abendstimmungen erzeugen: Ein zeitlich befristeter Klimawandel, der sich aufs Gemüt vieler Künstler auswirkte und somit eifrig an der Kunstgeschichte mitschrieb.

200 Jahre später wiederholt sich die Geschichte, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Eine frappierende Häufung von sturzflutartigen Regenfällen, Gewittern und sogar Tornados beunruhigt die Menschen. Schlägt sich auch dieser Klimawandel in der Kunst nieder?

Die Kulturwissenschaftlerin Anna Wiese hat auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage Werke von Künstlern wie Dan Peterman und Tue Greenfort untersucht. Anders als noch bei den Romantikern, sagt sie, werde das Klima heute in sehr bewusster, kritischer Form thematisiert. Und anders als in der Romantik handele es sich dabei zumeist um ganze Werkreihen, die einen Prozess beschreiben. So etwa in „My Sky“ von Dan Peterman: Das Projekt beschreibt von einer Flugreise des Künstlers über die Berechnung des dadurch verursachten CO2-Ausstoßes bis zum Pflanzen von Bäumen als Wiedergutmachung den Zwiespalt des modernen Menschen zwischen Konsumbedürfnis und Verantwortungsbewusstsein.

Subtiler, aber nicht weniger kritisch, geht das Künstlerkollektiv Superflex vor. In ihrem Video „Flooded McDonald‘s“ zeigen sie die gespenstische Atmosphäre einer gefluteten Fast-Food-Filiale. Gäste sind nicht mehr zu sehen, dafür aber die von ihnen zurückgelassenen Cola-Becher und Burger-Schachteln: Einsam treiben sie im stetig steigenden Wasser.

Lässt sich aus so verschiedenen Ansätzen wie bei Dan Peterman und Superflex dennoch eine gemeinsame Grundströmung ausmachen? Durchaus. Galt Natur in der Romantik noch als Quelle der Inspiration, so wird sie heute zur Folie der kritischen Selbstbefragung. Wo Künstler Natur thematisieren, kommt gleich das schlechte Gewissen ins Spiel: Jeder Baum ein Mahnmal, jede Landschaft eine Anklage.

Das ist einerseits ein Problem. Denn Kunst wird in einer solchen Wahrnehmung schnell zur Propaganda: Betroffenheitsrhetorik verdrängt einen offenen Diskurs, der Interpretations-Spielraum schrumpft. In der Kunstszene selbst ist diese Entwicklung umstritten. Vertreter eines Artivismus kämpfen für eine Kunst, die sich politisch einmischt und als Dienstleister an der Gesellschaft versteht. Gegner sehen darin eine Vereinnahmung und beschimpfen Artivisten wie etwa das Berliner Zentrum für politische Schönheit als PR-Agentur. Andererseits: Gerade diese Auseinandersetzung beweist überhaupt erst eine lebendige Kunstszene.

Ohnehin sind sogenannte Artivisten schlecht beraten, allzu forsch den Zeigefinger zu erheben. Am Klimawandel nämlich, schrieb einmal der Berliner Kunstkritiker Raimar Stange, trage die Kunst eine gehörige Portion Mitschuld – weil sie sich in der Vergangenheit nur allzu gerne auf eine vom Philosophen Immanuel Kant formulierte Definition des Erhabenen berufen habe. Der Mensch, heißt es bei Kant sinngemäß, werde sich im Gefühl des Erhabenen seiner eigenen Überlegenheit über die Natur („selbst in ihrer Unermesslichkeit“) bewusst. Exakt diese, bis heute weit verbreitet vorherrschende Hybris, sagt Stange, sei Ursache für die drohende Klimakatastrophe: „Diese ist also auch ,powered, by art‘.“

 

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