Es gibt ja diese Momente, auf die man lange gewartet hat, ohne es selbst zu wissen. Einen solchen Moment gab es vor gut zehn Jahren, als der Trompeter Paolo Fresu, der Akkordeonist Richard Galliano und der Pianist Jan Lundgren mit ihrer CD „Mare Nostrum“ herauskamen – einem Album voll von melodischem Jazz, der verschiedene Musiksprachen zu einer verschmolz und den man doch nicht mit dem gängigen Begriff Worldjazz belegen mochte. Schließlich kommen ihre Musiker nicht aus „aller Welt“, sondern von einem einzigen Kontinent – aus Europa. Aus Italien, Frankreich und Schweden. Und genau darauf hatte man vielleicht gewartet, ohne es zu wissen: auf einen eigenständigen europäischen Jazz, der sich nicht primär an US-amerikanischen Stilen orientiert, sondern auf die musikalischen Eigenheiten der eigenen Länder vertraut. Ein Aha-Erlebnis.

Das Projekt „Mare Nostrum“ gibt es noch immer. Genauer gesagt das Trio mit dem Italiener Fresu, dem Franzosen Galliano und dem Schweden Lundgren. Auf das erste Album ließen sie vor zwei Jahren „Mare Nostrum II“ folgen. Und im Mai geht es ins Studio für Folge drei. Das jedenfalls erzählte der Pianist Jan Lundgren beim Konzert in der Allensbacher Gnadenkirche. Das Trio ließ als Zugabe sogar eine Kostprobe hören, die für das neue Album geplant ist.

Bis dahin spielen sie erst mal die Titel von den beiden ersten Alben. Man kann sie ohnehin nicht häufig genug hören, Stücke wie „Chat Pitre“ mit seiner heiteren Melancholie, die schlichte und doch unendlich traurige Melodie aus „Seagull“ oder das Monteverdi-Arrangement „Si dolce è il tormento“, dessen Titel (deutsch: „Süß ist die Qual“) bereits alles besagt. Jeder der Musiker hat Eigenkompositionen beigesteuert, jeder hat etwas aus seinem Heimatland mitgebracht. Das macht ihre Musik trotz der ruhigen Grundstimmung so vielseitig. Das Sehnsuchtsinstrument Akkordeon, die Poesie der melodisch geführten Trompete und die nordische Weiträumigkeit verbinden sich hier mit größter Selbstverständlichkeit.

Eine herzliche Selbstverständlichkeit prägt auch den Umgang der drei Musiker miteinander. Ihre Stücke sind gereift. Man merkt, dass sie schon häufig zusammen gespielt haben. Doch anstatt sie einfach nur routiniert abzuspulen, reichern sie sie mit kleinen Freiheiten und Varianten an, die sie neu und lebendig klingen lassen. Und auch wenn ihre Musik vordergründig nicht auf Virtuosität und ausgedehnte Improvisation angelegt ist, ist die Könnerschaft dieses Trios, die vor allem in der Virtuosität des Ausdrucks liegt, doch offensichtlich.

Mit Ansagen und Geschichten rund um ihre Stücke gehen sie recht sparsam um. Die Musik steht für sich selbst. Und das ist auch gut so. Es macht Spaß, ihnen dabei zuzuschauen, wie sie über die Musik miteinander kommunizieren, wie Richard Galliano und Paolo Fresu förmlich miteinander zu tanzen beginnen, oder wie Fresu beinahe vom Stuhl rutscht, wenn sein emotionales Spiel ihn besonders mitnimmt.

Gelegentlich lassen sich die Musiker auch zu ein paar übermütigen Einfällen hinreißen, dann erklingen kurz ein „O Susanna“ im Klavier oder die Marseillaise im Akkordeon und bringen das Publikum zum Lachen. Aber bald darauf tauchen sie wieder ein in die unendliche Weite ihres Ausdruckskosmos’. Jeder einzelne Musiker des Trios war bereits in anderen Besetzungen zu Gast in der Allensbacher Reihe „Jazz am See“. In dieser Konstellation aber war es das erste Mal. Auch das so ein Moment, auf den man schon lange gewartet hatte, ohne dass es einem vielleicht bewusst war.