Was bringt Rock gegen Rechts? Im besten Fall Ermunterung, Solidaritätsgefühl, Wertschätzung – für alle, die nicht rechts stehen. Dass Rechtsradikale von heute auf morgen ihre Meinung ändern, sobald die "Toten Hosen" in der Stadt sind, wird niemand ernsthaft erwarten.

Das Konzert in Chemnitz zeigt aber: Auch die Idee, allen anständigen Bürgern ein Signal des Beistands zu geben, hat ihre Tücken. So gab es aus nachvollziehbaren Gründen Kritik an der Teilnahme einer Punk-Band mit dem Namen "Feine Sahne Fischfilet". Diese hat noch vor wenigen Jahren Texte wie folgenden gesungen: "Wir stellen unseren eigenen Trupp zusammen und schicken den Mob dann auf euch rauf. Die Bullenhelme – sie sollen fliegen. Eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein und danach schicken wir euch nach Bayern, denn die Ostsee soll frei von Bullen sein." Das finden Polizisten nicht so witzig und alle, die einen funktionierenden Rechtsstaat schätzen, auch nicht.

Von einer Popkultur der bürgerlichen Mitte war nichts zu sehen

Nun hat sich besagte Band inzwischen von diesen Texten distanziert. Auch wird sie nicht mehr vom Verfassungsschutz beobachtet. Es muss möglich sein, sich von plump linksextremer Rhetorik zu einer gemäßigten Haltung fortzuentwickeln, ohne deshalb einem lebenslangen Festivalverbot zu unterliegen. Fragt sich nur, ob eine solche Band dem Ziel dient, all jene aufzumuntern, die nicht rechts stehen.

Zur verbreiteten Fehlannahme von Konzerten gegen Rechts gehört nämlich die Vorstellung, dass "nicht rechts" zwingend "links" bedeuten muss. Tatsächlich aber müsste das vorrangige Ziel doch lauten, die gesellschaftliche Mitte zu gewinnen, statt die Ränder weiter zu stärken. Und hier offenbart die Musikindustrie eine bemerkenswerte Lücke.

Denn von einer Popkultur der bürgerlichen Mitte war nichts zu sehen in Chemnitz: kein Mark Forster, kein Max Giesinger, kein Johannes Oerding. Der Durchschnittsbürger dieser Stadt sollte sich mit Künstlern wie Marteria, Kraftklub und Casper eingeladen fühlen. Es scheint schwer vorstellbar, dass diese Rechnung aufgegangen ist. Und so steht infrage, ob der so selbstbewusst formulierte Festivalslogan "Wir sind mehr" überhaupt den Tatsachen entspricht.

Die üblichen Verdächtigen

Zu Recht wird dieser Tage immer wieder angemahnt, Demonstrationen gegen Rechtsextremismus nicht zwangsläufig mit dem Etikett "links" zu versehen. Schließlich sei der Kampf gegen Nationalismus und Rassismus Bürgerpflicht bis weit ins konservative Lager hinein. Soll diese Aussage ihre Gültigkeit behalten, so ergeben Konzerte gegen Rechts nur dann einen Sinn, wenn auf ihnen mehr Künstler auftreten als bloß die üblichen Verdächtigen.

Es gehört zur Tragik dieser Szene, dass ebendiese üblichen Verdächtigen offenbar bewusst unter ihresgleichen bleiben wollen (Initiatoren von "Wir sind mehr" war die Punkband Kraftklub). Und dass Künstler aus der politischen Mitte erkennbar nichts dagegen haben, ihnen die Initiative zu überlassen. So galt in Chemnitz als Konzerthöhepunkt der gemeinsame Auftritt von Campino ("Die Toten Hosen") und Rodrigo Gonzalés ("Die Ärzte").

Ein schaler Nachgeschmack von Feigheit

Ein wahrer Höhepunkt wäre gewesen, hätte Campino für diesen Auftritt Helene Fischer gewonnen. Doch die hat sich gestern erst nach viel öffentlichem Druck zu einem schmallippigen, weitgehend nichtssagenden Statement durchringen können ("Musik als Zeichen der Verbundenheit und immer ist es Liebe, die gewinnt...").

So hinterlässt das Chemnitzer Konzert den schalen Nachgeschmack von Feigheit. Vertreter der deutschen Popkultur werden nicht müde, die angeblich so hohe gesellschaftliche und politische Relevanz ihrer Kunst zu betonen. Gilt es aber, diese Relevanz einmal wirklich zu beweisen – auch auf die Gefahr hin, dabei einen Teil der bisherigen Plattenkäufer zu verlieren –, so ducken sich alle weg. Übrig bleibt, wer auf einem Konzert gegen rechte Gewalt null Risiko eingeht: Links-Rapper und Punk-Bands.