Als die Bilder vor gut 100 Jahren laufen lernten, war das Kino eine Jahrmarkt-Attraktion. Die Städte eroberte es erst später, aber dann richtig. Die Lichtspielhäuser trugen klingende Namen, die ihren Status verdeutlichten: Atlantis, Residenz, Europa, Universum oder Gloria – viele machten ihren Namen alle Ehre. Auch in Konstanz gab es in zentraler Lage lange einen „Filmpalast“.

2017 wäre das Scala-Kino 80 Jahre alt geworden, aber dazu ist es nicht gekommen. Wie in vielen deutschen Städten musste ein Traditions-Kino in der Innenstadt schließen, weil sich mit anderweitiger Nutzung mehr Umsatz machen lässt. Der aus Konstanz stammende Dokumentarfilmer Douglas Wolfsperger hat dem Filmtheater, in dem er einst lernte, das Kino zu lieben, und in dem viele seiner eigenen Werke ihre Premiere hatten, nun ein filmisches Denkmal gesetzt: „Scala Adieu“.

Der Schriftzug "Scala Filmpalast" wird entfernt – es ist das Ende des Programm-Kinos.
Der Schriftzug "Scala Filmpalast" wird entfernt – es ist das Ende des Programm-Kinos. | Bild: Douglas Wolfsperger Filmproduktion

Der sarkastische Titelzusatz „Von Windeln verweht“ ist ein Hinweis auf die heutige Nutzung des Gebäudes durch eine Drogeriekette. Die neckische Anspielung auf den Hollywood-Klassiker „Vom Winde verweht“, ähnlich alt wie das Scala, ist nicht der einzige Anflug von Humor – satirische Seitenhiebe sind seit seinem Spielfilm-Debüt „Lebe kreuz und sterbe quer“ (1985) so etwas wie ein Markenzeichen Wolfspergers.

Dass der heute in Berlin lebende Filmemacher auch anders kann, hat er in seinem bislang persönlichsten Film gezeigt: „Der entsorgte Vater“ (2008) handelt von Männern, denen – wie ihm – der Zugang zu den eigenen Kindern verwehrt wird. Diese Betroffenheit prägt auch „Scala Adieu“, denn Wolfsperger hat sich selbst zum Protagonisten gemacht, der durch den Film führt. Anders als sonst spricht er zudem einen Kommentar. Bislang kam er stets ohne Erläuterungen aus.

Radikal subjektiver Ansatz

Dieser radikal subjektive Ansatz ist womöglich der einzige Weg, um dem Dokumentarfilm ein überregionales Interesse zu verschaffen – weil das Scala stellvertretend für all die anderen geschlossenen Traditionshäuser stehen soll. Das verdeutlicht auch der Epilog, wenn Wolfsperger davon spricht, wie „traurig und wütend“ ihn das alles mache, aber gleichzeitig betont, dass es nicht nur um ein Kino und nicht nur um Konstanz gehe: „Es geht darum, dass Orte, an denen wir träumen, zu Orten werden, an denen wir kaufen; dass nur noch zählt, was sich rechnet, und nicht das, was von Wert ist.“ Deshalb sei die Geschichte des Scala „eine Tragödie“.

Diese Tragödie schildert Wolfsperger aus Sicht jener, die das genauso sehen. Zu Wort kommen in erster Linie Menschen, denen das Kino ähnlich viel bedeutet hat wie dem Filmemacher. Es ist ja nicht so, dass Konstanz nun ohne Kino wäre, im Gegenteil: Wenige hundert Meter weiter gibt es ein modernes Multiplex-Kino.

Regisseur Douglas Wolfsperger (links) und sein Kameramann machen Aufnahmen in Konstanz.
Regisseur Douglas Wolfsperger (links) und sein Kameramann machen Aufnahmen in Konstanz. | Bild: Douglas Wolfsperger Filmproduktion

Aber das Scala war ein Hort der Filmkunst, und darum geht es den Mitgliedern jener Bürgerinitiative, die versucht hat, das Ende des „Filmpalasts“ zu verhindern. Der Kampf ging genauso aus wie in den anderen Städten, in denen die Kultur keine Chance gegen den schnöden Mammon hatte. Das ist zumindest die Perspektive, die „Scala Adieu“ anbietet, und natürlich wirkt das zwangsläufig einseitig.

Wolfsperger beginnt den Film als Erzählung eines Mannes, der in seine alte Heimat zurückkehrt, in der man sich „geborgen und geschützt“ fühlt. Das ist die Fallhöhe, denn natürlich geht es auch um Heimatverlust. Dann wird es polemisch: Wolfsperger hat einen Termin mit Uli Burchardt. Der Konstanzer Oberbürgermeister, erzählt er, sei „ein vielbeschäftigter Mann“. Das Bild dazu zeigt den CDU-Kommunalpolitiker quasi beim Däumchendrehen, dabei wartet er vermutlich bloß darauf, dass es losgeht. Er hält einen Monolog über die Schönheit der Stadt, den Wolfsperger schließlich mit der Frage beendet, ob man jetzt zum eigentlichen Thema kommen könne.

Nicht immer ganz fair

Der Hinweis erfolgt aus dem Off, nicht im Gespräch, und soll den Politiker offenkundig diskreditieren – eine etwas unfeine Methode, die der Film gar nicht nötig hat. Später konterkariert Wolfsperger die Ausführungen des Oberbürgermeisters über die Strategien der Stadtentwicklung mit Zitaten aus dem Buch „Ausgegeizt!“, das Burchardt vor seiner Wahl geschrieben hat: „Zerstören wir nicht, was da ist, sonst bleibt uns am Ende nur Sand, der zwischen unseren Fingern zerrinnt.“

Allein aufgrund seiner häufigen Präsenz wird der Politiker automatisch zum Gegenspieler, was nicht ganz fair, aber leicht zu erklären ist: Offenbar wollten sich weder der Kino-Betreiber noch der Besitzer der Drogeriemarktkette, die in Konstanz vor allem von Kunden aus der Schweiz profitiert, vor der Kamera äußern. Das tun mit umso mehr Engagement und Empörung die Kino-Liebhaber, unter ihnen Christoph Nix, Intendant des Stadttheaters, und Eva Mattes, viele Jahre Darstellerin der Konstanzer Tatort-Kommissarin Klara Blum. Einziger Gegenredner neben Burchardt ist ein Mitglied des Kulturausschusses. Während die anderen den Verlust einer schützenswerten Kulturstätte bedauern, sieht der Mann in der Scala-Schließung „kein großes Drama“.

Schauspielerin Eva Mattes ist Kino-Liebhaberin und kommt in "Scala Adieu" zu Wort.
Schauspielerin Eva Mattes ist Kino-Liebhaberin und kommt in "Scala Adieu" zu Wort. | Bild: Douglas Wolfsperger Filmproduktion

Der Rest ist eine mit interessanter Musik unterlegte Hommage Wolfspergers an seine Heimat mit ihm selbst als Reiseführer. Die schönste Szene zeigt ihn entspannt mit den Füßen im Wasser eines weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannten Brunnens von Peter Lenk. Die Arbeiten des südbadischen Bildhauers sind von jener sympathischen Bosheit, die auch viele Filme Wolfspergers geprägt hat – aber dafür waren Trauer und Wut in diesem Fall wohl zu groß.