Mit seinem bunt gemusterten Hemd, der auffallend glitzernden, mit Halbedelsteinen besetzten Brosche und der Designer-Handtasche im Anschlag sitzt Simon Czapla zwischen seinen Bildern im Konstanzer Gewölbekeller. Er wippt nervös mit dem Knie, wirft skeptische Blicke durch den Raum. Es ist der Nachmittag vor der Vernissage seiner Ausstellung „Spieglein Spieglein“. „In diese Wände die Befestigungen für die Bilder zu bekommen, macht keinen Spaß“, sagt der 33-Jährige und deutet auf die jahrhundertealten und mit breiten Fugen durchzogenen Steinmauern. Vor Ausstellungsbeginn soll alles makellos sein. Czapla ist Perfektionist.

Denn auch wenn der gebürtige Konstanzer optisch wie ein Paradiesvogel daherkommt, ist Czapla für einen jungen Künstler nur so idealistisch, wie man es eben sein kann, wenn man von seiner Arbeit leben will. „Natürlich gibt es Künstler, die sagen: Ich brauche den wirtschaftlichen Erfolg nicht, ich lebe von der Kunst allein. Aber am Ende des Tages will ich auch etwas essen, mit Freunden etwas trinken gehen oder verreisen“, erklärt Czapla.

Ziemlich unromantisch für einen jungen Künstler. Ebenso unromantisch wie seine Anfänge in der Kunst. „Jeder erzählt, dass er als Kind gerne gemalt hat – das habe ich auch, auch wenn das pathetisch klingt“, sagt Czapla. Außerdem bastelte er, experimentierte mit Schmuck. Doch Künstler als Berufswunsch? „In der Pubertät wollte ich nichts davon wissen. Da fand ich Kunst völlig unspannend.“ Goldschmied sei eine Option gewesen. Er nestelt an seiner Brosche. „Aber da ich selbst gerne Schmuck trage, kam mir das nicht besonders lukrativ vor“, sagt er und lacht.

Erst nach dem Abitur war sie wieder Thema: die Kunst. 2004 begann er sein Studium an einer privaten Kunsthochschule in Freiburg. Die Eltern, der Vater Kunstlehrer in Konstanz, seine Mutter gelernte Fotografin, unterstützten ihren Sohn. Kurz nachdem er das Studium in Freiburg aufgenommen hatte, bewarb er sich an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Nur dort. „Ich wollte nicht weit weg von zu Hause, deshalb kam nur Karlsruhe infrage“, erklärt Czapla. Seine Mappe wurde angenommen.

Sechs Jahre lang studierte er in der Freiburger Außenstelle der Karlsruher Akademie, schloss sein Studium mit dem Diplom ab und setzte den Meisterschüler oben drauf. Wenn schon Kunst, dann mit Plan. Was nicht heißt, dass Czapla sich nicht ausprobiert hätte. Anfangs sei seine Kunst „wild“ gewesen. Unkontrollierte Farbkleckse, gewagte Motive, übertriebene Farbauswahl – das volle Programm. „Ich habe alles gemacht. Dann fragte mich die Professorin, was ich wirklich will“, sagt Czapla. Aus brachial wurde sensibel, aus ungestüm überlegt. Er probierte sich an Collagen, an Pop-Art. Anstelle der expressionistischen Avantgarde-Kunst traten filigrane Porträts.

Was im Laufe seines künstlerischen Schaffens blieb, war die Liebe zur Farbe. Die nimmt auch in seiner derzeitigen Märchen-Serie, die unter dem Namen „Spieglein Spieglein“ im Konstanzer Gewölbekeller zu sehen ist, eine Sonderstellung ein. Da lehnt sich ein frivoles Rapunzel mit einer grellpinken Mähne aus dem Turmfenster, um einem SEK-Polizisten den Aufstieg zu erleichtern. Die Schuhe des gestiefelten Schimpansen sind ebenso knallig rot wie das Kopftuch des volltätowierten Rotkäppchens, die ihre französische Bulldogge ausführt.

Aussagen statt Interpretationen

Czaplas Stilwechsel trug auch finanziell Früchte. Bereits während seiner Studienzeit fanden sich private Sammler, die ihm Bilder abkauften. Sie wurden zu seinem finanziellen Standbein. „Damit kann man zu Beginn seiner Karriere nicht rechnen, also war es für mich ein schönes Bonbon, das es obendrauf gab“, sagt der Künstler. Ein Bonbon, das immer größer, immer süßer wurde. Vor ein paar Jahren kostete ein echter Czapla ein paar hundert Euro. Inzwischen müssen Liebhaber tiefer in die Tasche greifen. „Die Preise liegen im vierstelligen Bereich“, erklärt der Künstler.

Die Serie der märchenhaften Bilder, die er gerade in Konstanz ausstellt, reihen sich thematisch wie ästhetisch gut in den derzeitigen Heimat-Hype ein. Ob die Schwarzwaldtrachten-Portraits des Fotografen Sebastian Wehrle oder die Trendspirituosen heimischer Brennereien – traditionelle Produkte in moderndem Gewand finden gerade reißenden Absatz. Dass er seine Arbeit nach dem Geschmack der Sammler ausrichtet, bestreitet Czapla aber. „Als junger Künstler ist es schwer, etwas zu schaffen, das noch nie da war.“ Um kommerziell erfolgreich zu sein, bedienen viele aktuelle Trends. Die Balance zwischen Authentizität und wirtschaftlichem Erfolg als Gratwanderung. „Jeder Künstler ist auch eine Nutte“, sagt Czapla drastisch.

Der Konstanzer beschreibt sich als politisch. Gesellschaftliche Phänomene verarbeite er zu Bildern. „Ich reagiere mit meinen Darstellungen auf meine Umwelt und welche Auswirkungen sie auf mich und meine Generation hat.“ So sind die selbstbewusst dargestellten Märchenprinzessinnen eine Hommage an die Emanzipation der Frau. Der Schimpanse, der in Czaplas Version vom Gestiefelten Kater eben jenen ersetzt, nimmt das Thema der in Märchen häufig verwendeten Vermenschlichung von Tieren auf und prangert die Unterdrückung alles Archaischen an.

Seine Zielgruppe sind junge Menschen. Um seine Kunst zugänglicher zu gestalten, setzt er den Fokus auf die Gegenwart und macht die Aussagen seiner Bilder so konkret wie möglich. Dass das nicht allen gefällt, nimmt Czapla in Kauf: „Kunst muss polarisieren, sonst ist sie austauschbar.“ Stillstand sei das künstlerische Todesurteil. Was nach Phrase klingt, ist für ihn essenzieller Antrieb seines künstlerischen Schaffens: Er sieht sich als Getriebener, dessen Streben nach Perfektionismus Kreativität hervorbringt. „Wer zufrieden ist, wiederholt sich. Das kann nett sein – aber nett ist eben auch der kleine Bruder von scheiße“, so Czapla.

Um selbst nicht in diese Gefahr zu geraten, und weil sein Partner dort lebt, wird der Konstanzer Ende August sein Atelier beim Döbele aufgeben und nach Berlin ziehen. Seiner Heimatstadt Konstanz möchte er dennoch treu bleiben. „Ich habe mir hier einen Namen gemacht, das ist meine Basis.“ In Berlin will er an seiner Märchen-Serie weiterarbeiten. Bei der Frage, in welche Geschichte er Angela Merkel stecken würde, zögert er nicht lange: „Frau Holle – bodenständig und selbstbewusst, die klar sagt, was geht und was nicht.“

Die Ausstellung

„Spieglein Spieglein“ ist der Titel der derzeitigen Ausstellung im Gewölbekeller des Konstanzer Kulturzentrums, die sechs Bilder des Künstlers Simon Czapla zeigt. Der gebürtige Konstanzer setzt sich in seinen Werken mit Märchen der Gebrüder Grimm auseinander und gibt ihnen einen zeitgenössischen Anstrich. Das moderne Auftreten seiner Figuren soll die Emanzipation der alten Charaktere im 21. Jahrhundert zeigen. Die Ausstellung ist bis zum 1. Oktober dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr sowie am Wochenende von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Zur Finissage am 1. Oktober findet um 15 Uhr im Gewölbekeller ein Künstlergespräch mit Simon Czapla statt. Weitere Informationen unter www.simonczapla.com (jel)