Alle reden von den „Abgehängten“, aber keiner schreibt einen Roman über sie. Die Angestellten, Büroleute und Hilfsarbeiter, die im Kapitalismus nicht mitkommen, sie kommen auch in der Literatur kaum noch vor.

Allerdings gab es einen, der sich früh den kleinen Leuten widmete und damit zu einem großen Schweizer Schriftsteller wurde. Das war Robert Walser (1878–1956). Er arbeitete selber als kleiner Hilfsschreiber, Diener, Gehilfe und Sekretär, bis er 1908 seinen Roman „Der Gehülfe“ veröffentlichte.

„Der Mann mit der Hacke“ (1861/1862) von Jean-François Millet: Im Realismus war das Schicksal des einfachen Arbeiters noch ein beliebtes Motiv.
„Der Mann mit der Hacke“ (1861/1862) von Jean-François Millet: Im Realismus war das Schicksal des einfachen Arbeiters noch ein beliebtes Motiv. | Bild: Wikipedia

Mit dem Roman verarbeitete Robert Walser, was er selbst durchlitten hatte als Handlanger in einer Unternehmerfamilie: einen gleich doppelten Niedergang. Sein Chef, Erfinder von allerhand skurrilen Produkten, suchte vergeblich einen Geldgeber für die Massenanfertigung.

Selbst aus einfachen Verhältnissen aufgestiegen, kommt der Erfinder mit der modernen Finanzwelt nicht klar. Der Unternehmer und seine Familie samt Personal lassen ihren Frust am Gehilfen ab. Somit ist der „Gehülfe“ täglich Erniedrigungen ausgesetzt.

Freiwillige Erniedrigung

Das Einzige, was ihn (und Robert Walser) schützt, ist die innere Haltung – sein Demutsstolz. Das heißt: Er macht sich bewusst klein. Er übt sich meisterlich in Demut. Vorauseilend erniedrigt er sich, um vor den Erniedrigungen anderer gefeit zu sein: „Je schlimmer, desto besser.“ Er findet zu einem merkwürdig ironischen Stil. Das heißt: Er macht aus Selbstunterwerfung eine Kunst.

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Was nun macht die Theaterkunst aus dieser Schreibkunst? Kurz gesagt: Sie macht Robert Walser nieder. Regisseurin Anita Vulesica, 45, bietet auf, was Pop-Moderne, Werkstätten, Kostümabteilung, Perückenmacher und Maske zu bieten haben.

Doch der Ausstattungs-Klamauk walzt den subtilen Text nieder. Es kommt zu chorischem Sprechen und Rap-Gesang. Sämtliche Personen sind überzeichnet zu schrillen Comic-Figuren. Das kann lustig finden, wer will, hat aber nichts zu tun mit Walsers hochironischer Unterwerfungskunst.

Heller weißer Kunstraum

Der Roman spielt in der Villa zum Abendstern. Bühnenbildnerin Henrike Engel nun steckt die sechs Personen in einen hellen weißen Kunstraum. Einmal erscheint ein weichgezeichnetes Hodler-Gemälde im Hintergrund. Dieser Kunstraum ist schön und auch richtig, denn Robert Walsers Werk kennt ebenfalls keinen sozialen Kolorit, erst recht keine sozialkritischen Ambitionen.

Seine Sprache erfindet sich eine eigene kunsthafte Welt, weder märchenhaft noch realitätsnah, eher vergleichbar mit Franz Kafka. Das ist das Problem, wenn man Walser-Romane auf die Bühne bringt: eine eigene Ästhetik zu entwickeln, die Walser gewachsen ist auf ebenso eigenständige Weise.

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Das Theater Basel brachte Robert Walser in den vergangenen 30 Jahren mehrfach auf die Bühne. Es waren eigenartig musikalische oder mikroskopisch genaue Inszenierungen. Keine war so bewusst künstlich auf Kunst getrimmt wie die Inszenierung von Anita Vulesica. Dieser pausenlose Abend mutet wie postmoderner Karneval an.

In der Mitte kreist ein riesiger Schwanen-Wagen à la Wagner. Die ungeliebte Tochter Silvi (Katharina Marianne Schmidt) muss das Gefährt schieben. Ihre hochnäsige Schwester Dora (Friederike Bernhardt) blickt meist gelangweilt und spielt auf dem Keyboard. Der Vater und Firmenchef (Martin Hug), bewaffnet mit Zigarre und Weinflasche, gibt sich bei Bedarf jovial, ist aber brutal gegen seine Familie.

Da war der Schwan noch ganz: Auf dem Wagen sitzen der Firmenchef (Martin Hug, von links), seine Frau (Friederike Wagner) und der Gehilfe (Mario Fuchs).
Da war der Schwan noch ganz: Auf dem Wagen sitzen der Firmenchef (Martin Hug, von links), seine Frau (Friederike Wagner) und der Gehilfe (Mario Fuchs). | Bild: Birgit Hupfeld / Theater Basel

Die Mutter (Friederike Wagner) macht klag- und fraglos alles mit; eine kalte Kleiderpuppe, mal im engen Glitzerkleid, mal in einer lila Tüllwolke. Ihr ehemaliger Angestellter Wirsich (Pascal Goffin) hängt immer noch so sehr an der Dame des Hauses, dass er sich, verzehrt von Liebe, kaum auf den Beinen halten kann.

Die Regisseurin will zweifellos demonstrieren: In dieser bürgerlichen Familie gibt es viel Glamour, Getue und Klimbim – und dahinter ist nichts. Leider fällt dieser Regie-Ansatz auf die Aufführung zurück: nichts dahinter. Es sind nur theatertechnische Effekte, die überraschen.

Einmal bricht die Tochter in die Bühnenfläche ein wie in Eis. Zwischendrin fällt das Licht auf der Bühne aus, der Vater ist zahlungsunfähig. Wenn der Schwanenkopf abbricht, ist klar, der Karren steckt fest.

Fast wie Monty Python

Und wo bleibt die Titelfigur? Mario Fuchs reiht sich als Gehilfe in diese durchgeknallte Familie fast nahtlos ein. Manchmal ist er fassungslos, dann wieder eine Art Monty Python mit Silly Walks. Meist aber dient, dienert und buckelt er pflichtgemäß, emsig beschäftigt mit Leerlauf-Aktivitäten.

Eingezwängt ins Regie-Konzept kann er nicht zeigen, was die Tragik und Komik von Robert Walsers „Gehülfen“ ausmacht: dass in seiner bewussten Anpassung Selbstbewusstsein steckt. Oder wie sein Kollege Martin Walser sagt: Er hat eine „bieg- und schmiegsame Würde“, er kennt die „Wonnen der Nichtswürdigkeit“.

Das Theater Basel zeigt weitere Aufführungen von „Der Gehülfe“ am 18., 27. und 31. Dezember 2019, am 12. und 27. Januar 2020 sowie am 16. und 18. Februar. Informationen dazu finden Sie hier.