In den Biografien fast aller Künstler findet sich ein Ereignis, das sich in der Rückschau als Schlüsselmoment entpuppt: weil es enorme Auswirkungen auf den weiteren Lebensweg hatte. Patrick Wind aus Konstanz hatte dieses Erlebnis, als er acht Jahre alt war und auf der Stereoanlage seiner Eltern „Help!“ hörte; damals beschloss er, ein Beatle zu werden. Sein neunmalkluger bester Freund klärte ihn allerdings auf, dass dieses Unterfangen nicht zu realisieren sei: Die Beatles seien kein Kegelclub, dem man einfach so beitreten könne, und außerdem müsse er ein Musikinstrument beherrschen. Viel fataler war jedoch Grund Nummer drei: Der kleine Patrick hatte sein Erweckungserlebnis Mitte der Siebziger, die Beatles hatten sich einige Jahre zuvor aufgelöst. Er ließ sich jedoch nicht beirren, brachte sich mit dem Beatles-Songbook das Gitarrespielen bei und wurde Gitarrist der Band The Message, für die er schon mit 16 eigene Lieder schrieb.

Einige Jahrzehnte später ist Wind der gefragteste Musikproduzent der Region. In seinem hochmodernen Studio im Konstanzer Stadtteil Allmansdorf/Staad wurden nicht nur die Siegersongs von „The Voice of Switzerland“ aufgenommen, hier sind auch „Elements“ und „Elements 2“ entstanden, seine beiden faszinierenden Alben, auf denen er dank der Vermischung unterschiedlichster musikalischer Richtungen von Jazz bis Hip-Hop mit Alltagsgeräuschen einen ganz neuen Stil kreiert hat. Wind mache „Musik für die Bilder im Kopf“, hieß es damals im Deutschlandfunk. Das 1990 gegründete Studio heißt human touch und trägt somit noch heute den Namen eines Projekts, das Wind vor gut dreißig Jahren gemeinsam mit Message-Schlagzeuger Thomas Joeckel ins Leben gerufen hat.

Mit Hilfe des Synthesizers suchten die beiden Freunde damals einen ganz neuen Sound. Das Studio etablierte sich bald, Wind schuf sich ein zweites Standbein als Toningenieur des Südwestfunks (heute SWR) und wurde ein gefragter Dozent an verschiedenen Akademien.

Aber Erfolg ist nicht immer nur Segen: Die eigene Musik blieb auf der Strecke. „Elements 2“ ist bereits zehn Jahre alt. Dabei ist Winds nächstes Album längst fertig; allerdings nur in seinem Kopf. Um zu seinen Wurzeln zurückkehren zu können, hat er die Anzahl seiner Aufträge, die zeitweise mehrere Angestellte erforderten, zuletzt deutlich zurückgefahren, um wieder ausschließlich selbst am Mischpult zu sitzen. Diese Besinnung aufs Wesentliche gilt auch und gerade musikalisch, schließlich, so Wind, „liegt der Ursprung von Musik in Emotionalität und Begeisterung“. Für den Ursprung von Erfolg gilt das sicherlich auch, aber Bescheidenheit kann ebenfalls nicht schaden: Auf seine Lehrzeit bei der Münchener School auf Audio Engineering folgten fünf Jahre der Dürre, in denen der Toningenieur lernte, was es heißt, „sich auf Gedeih und Verderb irgendwie durchbeißen zu müssen“. Diese Zeit mit meist leerem Kühlschrank sei eine prägende Erfahrung gewesen, weil er nicht nur Demut, sondern auch eine Weisheit fürs Leben gelernt habe: „Die Musik ist immer größer als man selbst.“

Deshalb spielt es für Winds Engagement auch keine Rolle, ob er für eine Jazzgröße wie den Saxophonisten Bernd Konrad oder einen Männergesangsverein arbeitet. Am Anfang steht immer ein intensives Gespräch, „um den emotionalen Gehalt der Musik aufzuspüren“. Entsprechend harsch fällt seine Kritik an prominenten Kollegen aus, „die einen Song zusammenschustern und sich danach fragen, zu welchem Sänger er am besten passt“. Wenn Wind dann noch anmerkt, diese Strategie habe mit Kunst nichts zu tun und sei die Ursache dafür, „dass viele sogenannte Stars wie Sternschnuppen verglühen“, muss man nicht lange überlegen, auf welchen berühmten Produzenten und Castingshow-Juror er anspielt. Seine Philosophie sieht anders aus: Er will den Künstlern helfen, „ihre eigenen Ideen, ihre Vorstellung von Musik konsequenter umzusetzen“. Kunden, die als Erstes wissen wollen, wie hoch sein Stundensatz ist, wimmelt er mittlerweile ab: „Kunst ist doch keine Frage von Preislisten.“

Ähnlich konsequent ist Winds Arbeitscredo: „Musik ist mehr als nur die korrekte Platzierung von Noten.“ Auch wenn die Digitalisierung Mitte der Neunziger seiner Karriere einen kräftigen Schub gegeben hat, weil er im Gegensatz zu vielen älteren Kollegen in die neue Technik hineingewachsen ist, so versichert er trotzdem: „Es lässt sich nicht alles durch Mathematik erfassen.“ Sein Tonstudio ist auf dem neuesten Stand; dennoch betrachtet er die Technik nur als Mittel zum Zweck. Daher kann er gut damit leben, wenn eine Aufnahme kleine Fehler hat, aber dafür die Emotionen stimmen: „Ich mache meine Arbeit ja nicht für die Jazz-Polizei. “ Weil manche Künstler vor Publikum oft eine positive Spannung aufbauen, hat sich Wind eine mobile Recording-Einheit angeschafft. Es ist ihm ohnehin lieber, etwa die Mitglieder einer Band gemeinsam musizieren zu lassen, „weil dann eine ganz andere Homogenität entsteht“. Bevor jedoch die erste Note gespielt wird, müssen die Künstler erst mal reden, denn Wind will ihre Musik verstehen. Dieser systemische Ansatz ist ohnehin prägend für ihn. Deshalb schätzt er auch seine zeitraubende Tätigkeit als Dozent: „Durch die Auseinandersetzung mit meiner Arbeit lerne ich mindestens so viel wie die Schüler.“

Keine Frage, Patrick Wind hat viel Glück gehabt. Es wird neben der Durststrecke zu Beginn noch weitere Momente gegeben haben, in denen es nicht so gelaufen ist wie gewünscht, aber er spricht lieber über die schönen Seiten seines Berufs. Seine positive Grundeinstellung ist nicht zuletzt das Ergebnis einer tief empfundenen Dankbarkeit, die keinen speziellen Adressaten hat. Allein sein Werdegang als Schulabbrecher sei ein Beleg dafür, dass dieses Land nicht so schlecht sei, wie es von vielen gemacht werde: Wind hat das Konstanzer Suso-Gymnasium zwei Jahre vor dem Abitur verlassen, heute ist sein Studio zertifizierter Ausbildungsbetrieb für angehende Mediengestalter. Junge Menschen liegen ihm ohnehin am Herzen. Er hat zuletzt unter anderem das Debütalbum der Konstanzer Band Beyond Headlines produziert und weiß, dass es jenseits der Talentwettbewerbe im Fernsehen viele Jugendliche gibt, „die Musik nicht machen, um reich und berühmt zu werden, sondern weil sie nicht anders können. Es gibt kein größeres Geschenk, als sich über Musik und Gesang auszudrücken.“ Diese Haltung wird auch sein nächstes Album prägen, auf dem er sich als klassischer Singer/Songwriter der „Essenz der Musik“ widmen wird; vorausgesetzt, er findet irgendwann mal vier Wochen Zeit, um die Lieder aufzunehmen.

Zur Person

Patrick Wind, 49, ist Musiker, Produzent und Tonmeister; sein Studio human touch gehört zu den erfolgreichsten im Südwesten. Musik macht der Autodidakt – er spielt Gitarre, Klavier, Schlagzeug, Bass und neuerdings auch Mundharmonika – seit rund vierzig Jahren; den ersten Song hat er mit zwölf geschrieben. Eigene Alben sind bislang „Elements“ und „Elements 2“. Sein erster Erfolg als Produzent war 1988 der Türkpop-Hit „Seninle“. Zu den Kunden seines Tonstudios, in dem auch Hörbücher entstehen, zählen zum Beispiel Bernd Konrad und die Südwestdeutsche Philharmonie. Mitte der Neunziger machte Wind Radiowerbung, unter anderem auch für den SÜDKURIER. Seit 1996 ist der Toningenieur fester freier Mitarbeiter des SWR (vormals SWF). Seit über zwanzig Jahren ist der dreifache Vater auch als Dozent gefragt, unter anderem in der Medienakademie des Bundesverteidigungsministeriums. (tpg)