Die Überfallenen hatten keine Chance. Am Morgen des 12. April 1893 stürmten deutsche Kolonialtruppen die Siedlung Hornkranz in Namibia. Sie wollten Hendrik Witbooi ergreifen, einen Anführer des Nama-Volks. Der spätere Nationalheld Namibias hielt sich in dem Dorf verschanzt. 80 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, wurden getötet. Witbooi selbst entkam, aber nach dem Ende der Schießerei plünderten die Soldaten sein Anwesen. Unter anderem erbeuteten sie eine Bibel, die auf noch nicht ganz geklärtem Weg nach Europa kam und sich heute im Stuttgarter Linden-Museum befindet.

Dort ist das Buch zu einem Streit- und Musterfall im Umgang mit kolonialer Geschichte geworden. 2015 forderte Namibia den Besitz seines Nationalhelden zurück, wozu sich das Land Baden-Württemberg auch grundsätzlich bereit erklärt hat. Nach Angaben des zuständigen Wissenschaftsministeriums seien die Gespräche über eine Rückgabe allerdings auf Bitten der namibischen Seite verschoben worden.

Neben der Bibel hat das Linden-Museum möglicherweise noch weitere Leichen im Keller. Die aufzuspüren ist Aufgabe der Provenienzforscherin Gesa Grimme. Seit zehn Monaten durchleuchtet die Norddeutsche, die es an den Neckar verschlagen hat, die Bestände des Hauses auf ihre Herkunft.

Prinzipiell ist Provenienzforschung an deutschen Museen nichts Neues mehr. Doch gewöhnlich erstreckt sie sich nur auf die NS-Zeit, um Kulturgüter, die ihren meist jüdischen Besitzern geraubt wurden, zu identifizieren und den Erben zurückzuerstatten. Obschon man bei dem Thema sofort an spektakuläre Fälle wie die Sammlung Gurlitt denkt – Hitler und seine Schergen haben den Diebstahl von Kulturgut nicht erfunden. „Dass der Kunstraub der Nazis ein Verbrechen war“, sagt Grimme, „bestreitet heute niemand mehr. Das Bewusstsein für koloniales Unrecht ist dagegen noch unterentwickelt.“ Dabei, so die studierte Ethnologin, sei Zeit für ein Umdenken. Durch die Globalisierung kämen immer mehr Menschen aus ehemaligen Kolonien nach Deutschland und verlangten Aufklärung darüber, wie Gegenstände ihrer Vorfahren zu uns gelangt sind.

Das Linden-Museum ist bundesweit die erste Ausstellungs-Institution, die für koloniale Provenienzforschung eine eigene Stelle eingerichtet hat. „An anderen Museen“, präzisiert Grimme, „gab es zwar dazu schon Ansätze, aber dort waren Mitarbeiter nur nebenbei mit der Materie beschäftigt.“ Dank einer Kooperation mit der Universität Tübingen kann Grimme dem Thema ihre gesamte Dienstzeit widmen. Als Provenienzforscherin nimmt sie Museumsstücke aus einem ganz anderen Winkel unter die Lupe als ein Ausstellungskurator. Grimme schaut zuerst auf die Rückseite, sucht Zollstempel, Archivnummern oder dergleichen. Wie bei dem sogenannten Wasserkürbis. An dem Gefäß, das von den Ovambo in Namibia stammt, hängt ein Schild mit dem Vermerk Gesch.

Distriktschef Kuhn. Gesch. stehe für Geschenk, so die Expertin. In der Aufbauphase des Museums sei selten Geld für Exponate geflossen. Und Distriktschef Kuhn? Zwar kennt Grimme noch nicht seinen Vornamen, weiß aber: Er war um 1900 Oberleutnant der Schutztruppen, wie die Besatzungsarmee euphemistisch genannt wurde.

„Viele Spender“, erläutert sie, „waren Offiziere aus den Kolonien, die für ihre Geschenke auf einen Orden hofften. Einem Soldaten bedeutete das mehr als Geld.“ Die lange Liste von Armee-Angehörigen, die im Inventar des Museums als Vorbesitzer auftauchen, lässt bereits ahnen, mit wie viel Gewalt der Fundus des Hauses verbunden ist. Ein Konvolut von Speeren, Masken und Schilden aus Kamerun etwa stamme von Hans Dominik, einem Offizier, der nachweislich durch besondere Grausamkeit auffiel.

Während die NS-Bürokratie Enteignungen penibel dokumentiert hat, fällt die Quellenlage zur Kolonialzeit knapper aus. Neben den Akten des Museums untersucht Grimme die Netzwerke der jeweiligen Personen, studiert die Korrespondenzen und Aufzeichnungen von Soldaten oder Kolonialbeamten.

Ein Unterschied zur Nazi-Raubkunst liegt für die Detektivin der Völkerkunde auch darin, dass ihre Spurensuche seltener mit einer Restitution endet. „Die Witbooi-Bibel ist eine Ausnahme. Meist sind frühere Besitzer, geschweige denn ein Erbe, kaum zu ermitteln. Und gerade bei Alltagsgegenständen signalisieren die Herkunftsländer auch wenig Interesse an einer Rücknahme.“ Warum dann der Aufwand? Um, so Grimme, dafür zu sensibilisieren, wie eng die Institution der Völkerkunde-Museen mit der Kolonialzeit verknüpft sei. „Damals wurden viele rassistische Klischees festgeschrieben, die bis heute fortwirken: Nehmen Sie die Trennung in Naturvölker und Hochkulturen. Oder Redensarten, in denen Hottentotten gleichbedeutend mit Unordnung sind.“

Indem man die Herkunft von Objekten verfolge, befreie man diese auch von einer Einengung auf die westliche Perspektive und gebe ihnen ihre ursprüngliche Komplexität zurück. Die Witbooi-Bibel sei dafür kein schlechtes Beispiel. „Für uns ist es nur ein Buch, für die Nachfahren aber eine Familienerinnerung und für Namibia die Reliquie einer National-Ikone.“ Mögliche Konsequenzen aus ihrer Arbeit bestehen für Grimme darin, bei künftigen Ausstellungen viel intensiver auf den Herkunftskontext der Exponate zu verweisen.

Nicht zufällig hat sich die Ethnologin bislang schwerpunktmäßig mit Hinterlassenschaften aus dem ehemaligen Deutsch-Südwestafrika beschäftigt. Steht doch Namibia durch den von Deutschen begangenen Völkermord an den Herero und den Nama seit Längerem im Fokus postkolonialer Debatten. Und auch die Provenienzforscherin findet: „Hier drückt der Schuh besonders!“

Das Linden-Museum

Das spätklassizistische Gebäude am Stuttgarter Hegelplatz ist Baden-Württembergs bedeutendstes Völkerkunde-Museum. 1911 wurde es durch den württembergischen König Wilhelm II. eingeweiht. Der Namensgeber Karl Graf von Linden hatte als Vorsitzender des Vereins für Handelsgeografie die Gründung entscheidend vorangetrieben. Heute beherbergt das Haus über 160.000 Objekte aus allen Erdteilen außerhalb Europas, rund 2000 davon aus Namibia. Gemeinsam mit der Universität Tübingen arbeitet das Museum an der Pilot-Studie „Schwieriges Erbe“. Neben Provenienzforschung geht es auch um Ausstellungspraktiken und den ethisch angemessenen Umgang mit Objekten aus der Kolonialzeit. Infos auf www.lindenmuseum.de