Es ist eine Allerweltserfahrung, die schon jeder gemacht hat: Die Waschmaschine hat eine Socke gefressen. An sich nichts Besonderes, doch in Annette Schlünz’ (Musik) und Ulrike Draesners (Text) Musiktheater „Tre Volti – Drei Blicke auf Liebe und Krieg“, mit dessen Uraufführung die Schwetzinger Festspiele eröffnet wurden, löst die fehlende Socke eine Beziehungskrise zwischen Chlora und Tankred aus. Genau darum, um den Kampf der Geschlechter, geht es in diesem Stück – und darum ging es vor 400 Jahren auch in Claudio Monteverdis dramatischem Madrigal „Il Combattimento di Tancredi e Clorinda“, das der Neukomposition zugrunde liegt.

Es sind also zwei Geschichten, die erzählt werden – vom Libretto, von der Szene und von der Musik. Bei Monteverdi ist es die Geschichte zweier Liebender, die sich gleichwohl auf dem Schlachtfeld einander gegenüber stehen. Bei Schlünz/Draesner spielt die Geschichte in einem chirurgisch „sauberen“ Drohnenkrieg, in dem die Soldatin Chlora ohne Skrupel tötet. Beide Ebenen ereignen sich gleichzeitig, was die Sache einerseits reizvoll, andererseits unübersichtlich macht. Auf Dauer aber überwiegt eindeutig der Reiz, der sich vor allem musikalisch aus dieser „Versuchsanordnung“ (Programmheft-Text) ergibt: Vielleicht weniger aus den Teilen des Stückes, die eindeutig von Monteverdi oder aber von Annette Schlünz stammen. Aber genau das ist eben der enorme Vorteil der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Es gibt viele Stellen, an denen sich die beiden Bereiche, neue und alte Musik überlappen. Sie tun das auf vielfältigste Art und Weise: durch einen harten Schnitt, durch einen kaum merklichen Übergang vom einen ins andere oder auch – besonders charmant – dadurch, dass zum Beispiel Monteverdis Noten auf einem Vibraphon erklingen.

Dazu passt, dass Musiker des Ensembles Concerto Köln, ausgewiesene Experten für alte Musik, die allerdings zuvor noch nie neue Musik gespielt hatten, unter Arno Waschk die Wiedergabe übernahmen. Die interpretatorische Hauptlast aber hatten die Sänger zu tragen: Die beiden wunderbaren Solisten Petra Hoffmann (Chlora und Clorinda) und Dietrich Henschel (Tankred und Tancredi), die nicht nur stimmlich und darstellerisch absolut überzeugten, sondern auch mit den Anforderungen der alten wie der neuen Musik mit spielerischer Leichtigkeit zurechtkamen. Auch das Frauenstimmen-Quartett wirkte jederzeit souverän.

Die Inszenierung von Ingrid von Wantoch Rekowski war im besten Sinne werkdienlich und unterstrich einzelne Handlungselemente, oft mit tänzerischen Mitteln: den Kampf zwischen den beiden Protagonisten oder den erotischen Aspekt dieses Kampfes. Dies ist sicher eine Möglichkeit, sich Monteverdi, dem Schwerpunkt-Thema der Festspiele, mit heutigen Mitteln zu nähern. Auch die Socke fand sich schließlich wieder – sie lag in der Waschmaschine.

Zu hören ist die Oper am 7. Mai 2017 ab 20.30 Uhr bei SWR 2