Es gibt einige Exemplare davon: Daniel, der ehrgeizige Musikerkollege, mit dem sie als Duo auftritt, Andreas, der schmierige Besitzer des Restaurants, in dem ihr Duo drei Mal die Woche Geld verdient, Monika, die depressive Mutter, Michael, der mittlerweile krebskranke Vater. Für alle hat Jule, sich eingeschlossen, nur jede Menge Verachtung übrig.

Jule ist die Ich-Erzählerin im neuen Roman „180 Grad Meer“ von Sarah Kuttner. Sie hat wie die anderen Ich-Erzählerinnen Karo und Luise aus Kuttners anderen Befindlichkeitsstudien „Mängelexemplar“ (2009) und „Wachstumsschmerz“ (2011) Probleme mit dem Erwachsenwerden: Es fühlt sich einfach doof an. Es macht irgendwann Schluss mit lustig, schafft Veränderungen, nimmt Freiheiten und konfrontiert mit einem Alltag, der bestenfalls Zufriedenheit bietet. Mit diesem unhaltbaren Zustand wollten sich weder Karo noch Luise abfinden, Jule will es natürlich auch nicht. Die drei Damen von der Beschwerdestelle wünschen mehr vom Leben, ohne zu wissen, was genau dies sein soll. Nicht ihre Schuld. Schuld sind immer die anderen.

Bei der Ernsthaftigkeit und Zielstrebigkeit meidenden Jule, Anfang 30 schon, funktioniert der Schuld- und Schutzreflex hervorragend. Denn ihr kaputtes Leben verdankt sie nach eigener Interpretation einer kaputten Kindheit mit kaputter Beziehung von kaputten Eltern. Da muss einiges schiefgelaufen sein, wenn Mutter Monika als „verrückte, dumme Frau“ und Vater Michael als „beschissener, alter, eitler Sack“ beschimpft werden. Nach und nach bringen Fakten Licht ins Dunkel der frühen Jahre: Die Mutter erlitt bei Jules Geburt eine postnatale Depression, der Vater war trotz aller Bemühungen mit der suizidgefährdeten Frau und der dauerplärrenden Tochter überfordert und floh erst in Affären, dann nach England.

Das Ende einer unbeschwerten Kindheit, bevor sie überhaupt angefangen hat.

Vergessen kann Jule ihren Eltern das nicht, doch ihre Wut hat sich längst verselbstständigt und richtet sich gegen alle und alles. Sie macht noch mehr kaputt, als schon kaputt gegangen ist, nimmt sich schließlich eine Auszeit und besucht ihren Bruder Jakob in England, lenkt sich mit kleinen Herausforderungen ab, ohne von den großen, alten Herausforderungen in Ruhe gelassen zu werden. Ihre Suche nach sich selbst ist schmerzhaft, aber erkenntnisreich.

Die Berliner Moderatorin und Autorin Kuttner, 36, wendet sich abermals den Leiden einer sich gegen das Erwachsenwerden streubenden Generation zu. Ihre der Realität abgeschaute Geschichte von einer Flucht vor sich selbst offenbart sich als eher unspektakuläres, fast typisches Familiendrama, das kein Happy End bereithalten kann. Kuttner macht dabei einiges besser als in ihren Romanen zuvor, sie bemüht sich um Spannung und Tiefe, Figuren und Relevanz. Die Sprache lebt weiterhin von einem flapsigen bis plapperigen Ton, aber das scheint ihr persönlicher Stil zu sein.

Mehr Mut zum erzählerischen Experimentieren, mehr Vertrauen in die tragische Dichtung des Lebens wären zwar wünschenswert, doch verlangen wir nicht zu viel von einem Roman, der keine Preise einheimsen wird – es darauf freilich auch nicht abgesehen hat.

Die Autorin liest am Freitag, 26. Februar, im Kaufleuten, Zürich.

www.kaufleuten.ch