Es gibt zahllose „Winterreisen“. Dabei werden Franz Schuberts 24 Klavierlieder auf Gedichte von Wilhelm Müller nicht nur von befrackten Herren-Duos in Liedrezitals interpretiert. Getrieben vom Schmerz um eine verflossene Liebe und von Todesahnungen geplagt, stapft der einsame Wanderer schon längst auch auf Theaterbühnen umher.

Ein bemerkenswertes Kapitel in der Wirkungsgeschichte des 1827 komponierten Zyklus hat der heute in Meersburg wohnhafte Hans Zender mit „Schuberts Winterreise – eine komponierte Interpretation“ für Tenor und kleines Orchester von 1993 aufgeschlagen, in der er eine Liebeserklärung an Schubert ablegt und gleichzeitig das Original hellhörig verändert und weiterdenkt. Diese Partitur liegt Christian Spucks neuer Ballett-Kreation „Winterreise“ in Zürich zugrunde. Eine kluge Wahl. Zender geht über eine Orchestrierung des Klavierparts hinaus und reißt weitere Bedeutungshorizonte auf.

Wie es sich für eine "Winterreise" gehört, schneit es auf der Bühne.
Wie es sich für eine "Winterreise" gehört, schneit es auf der Bühne. | Bild: Gregory Bartadon / Ballett Zürich

Auf die in 24 Variationen aufgebrochene Leidensbekundung des lyrischen Ichs reagieren der Choreograf Spuck, Rufus Didwiszus (Bühne) und Emma Ryott (Kostüme) mit einer großformatigen Collage, in der man auch Gedicht-Metaphern wie zum Beispiel den Krähen begegnet. Anstatt die Ballettkompanie auf eine Besetzungs-Diät herunterzufahren oder den Sänger zur Wanderer-Figur zu machen, werden 36 Tänzer mobilisiert, die in Wanderschuhen ein reichhaltiges Bewegungsvokabular aufblättern mit Duetten, Ensemble-Tänzen und Solos. Man spurtet in Hochgeschwindigkeit über die Bühne, zeichnet mit den Gliedern expressiv aufgeladene Linien in den Raum, verbindet sich zu Gruppenbildern, verschlingt sich in Hebefiguren zu Körperpaar-Skulpturen, sperrt auch mal die Münder auf wie zum stummen Schrei.

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Gleich schon in der Eröffnungsnummer, die sich aus Einleitungstakten herausschält, unterläuft Spuck Erwartungshaltungen an einsames Wandern. Winterkalt wirkt die Bühne mehr durch ihre betonartigen Wände, Leuchtröhren und metaphorischen Objekte als durch die weißen Schneeflocken.

Das altbekannte Verfahren, keine Verdoppelungen zu produzieren und nirgendwo einer Erzähl- und Illustrationslust zu frönen, sorgt dafür, dass Musik, Tanz und Ausstattung ihre eigene Wertigkeit behaupten. Die Trennung wirkt mitunter aber etwas angestrengt. Zwar lassen sich auch Handlungsballett-Inselchen und Kommentarfunktionen aufspüren. Aber froh macht solche Detektivarbeit nicht durchweg.

Umsichtig führt Emilio Pomàrico die mit Detailsorgfalt aufspielenden Instrumentalisten der Philharmonia Zürich durch die Partitur. Sänger Thomas Erlank wurde zu Recht beklatscht für seine textsensible Interpretation.

Weitere Vorstellungen der "Winterreise" gibt es am 18., 21. und 27. Oktober sowie am 1., 2. und 10. November 2018 im Opernhaus Zürich. Alle Informationen dazu finden Sie hier.