Herr Keller, Sie sind Schweizer, wurden in St. Gallen geboren, leben seit 2001 in New York und besitzen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Sie dürfen bei US-Wahlen mitwählen?

Ja. Wobei ich die Schweiz nie ganz verlassen habe.

Sie haben bei der Wahl 2016 Ihre Stimme abgegeben. Können Sie mit dem Ergebnis leben?

Mit dem Ergebnis leben? Das einfach hinnehmen? Ich will es nicht. Ich mag nicht in einer Gesellschaft leben, die damit leben kann, dass ihr Führer strategisch die Wahrheit, die Sprache, die demokratischen Institutionen unterwandert, auf dass sie nichts mehr gelten, dass er mit sexuellen Übergriffen prahlt, Menschen mit Behinderungen verhöhnt, ganze Ethnien und Völker verunglimpft. Also ist Widerstand angesagt. Und da ich Schriftsteller bin, findet der in Buchform statt. Im September erscheint das Lesebuch „We’re On: A June Jordan Reader“ mit Texten der 2002 verstorbenen Lyrikerin, Essayistin und politischen Aktivistin June Jordan, das ich mit meiner Frau, der Lyrikerin Jan Heller Levi, herausgebe.

Wie erklären Sie sich, dass Donald Trump überhaupt ins Weiße Haus ziehen konnte?

Es ist die Konsequenz von 50 Jahren demokratisch eingefädelter anti-demokratischer Politik. Man pumpe so viel Geld in die Wahlen, dass nicht mehr Gewählte, sondern nur noch Ausgewählte eine Chance haben; man erschwere das freien Wählen, auf dass möglichst viele, vor allem Arme und Nicht-Weiße, den Urnen fernbleiben; man ändere systematisch die Grenzen von Wahlbezirken, bis sie für die gewünschten Ergebnisse sorgen; man veranstalte einen Dauerwahlzirkus, damit allen schwindlig wird und irrationale Entscheidungen getroffen werden; und man schaffe Feindbilder – vor allem Arme und Nicht-Weiße, aber auch ganze Länder wie Mexiko oder auch Deutschland –, um das Volk zu entzweien. Und jetzt ist die Saat aufgegangen. Aber wollten wir nicht über das positive Amerika sprechen? Die Dystopie müssen wir jetzt leben; was wir wieder brauchen, sind Utopien.

Also gut, sprechen wir über das positive Amerika. Barack Obama wollte das Land nicht nur verwalten, sondern ein neues Amerika schaffen. Wer nimmt diesen Gedanken – Stichwort: Utopie – auf?

Am meisten beeindruckt mich Standing Rock in North Dakota. Die Sioux, die zu den Ureinwohnern Amerikas gehören, erinnern uns daran, dass wir nicht alles mit unserer armen Erde anstellen können, ohne dafür einen oft hohen Preis zu bezahlen. Und die Proteste gegen die Öl-Pipelines, die durch ihr Land gelegt werden sollen, sind nicht nur Proteste. Sie sind auch Unterricht in utopischem Denken: Die Sioux lehren uns, unsere Erde zu schützen, sie zu verteidigen. Die Utopie ist, dass wir es vor langer, langer Zeit einmal besser wussten.

Aber sie wird nicht gelebt.

Was die Utopie von der Dystopie unterscheidet, ist, dass man sie nicht verwirklichen kann. Sie ist vielmehr etwas Positives, auf das man hinarbeiten kann. Das hat uns Obama, mit all seinen Fehlern, gegeben. Eine bessere Gesellschaft, in der so vieles galt, was jetzt plötzlich nicht mehr gelten soll. Was es jetzt zu tun gilt, ist, wieder Utopien zu entwerfen. Die Demokraten haben keinen Erfolg, weil sie in dieser Hinsicht nichts zu bieten haben, bis auf Sanders, der aber verhindert wurde. Kostenloses College für alle? Was für eine Utopie! Die Medien hätten hier die Möglichkeit, gute Arbeit zu leisten, statt jedes Aufregerchen, das aus dem Weißen Haus kommt, für Klicks auszuschlachten. Und natürlich die Kultur. Brauchen wir wirklich noch mehr Weltuntergangsporno? Wie oft muss Hollywood die Welt in Schutt und Asche legen? Seit Jahrzehnten haben sich diese Dystopien in unseren Hirnen abgelagert. Wir wundern uns nun viel zu wenig darüber, dass wir in einer aufgewacht sind.

Alles, was im Moment aus dem Weißen Haus kommt, zieht negative Schlagzeilen nach sich: Hierzulande macht sich zurzeit ein undifferenzierter Anti-Amerikanismus breit, der auch die etablierte Politik erfasst hat.

Es herrscht in der Tat recht allgemeines Kopfschütteln, was unser armes Amerika betrifft. Als Amerikaner in der Schweiz sind wir dem natürlich ausgesetzt. Ich höre Pauschalisierungen wie: „Die Amis sind dumm.“ Mehrheitlich aber sind die Meinungen differenziert. Das war bei George W. Bush schlimmer. Mehr zu denken gibt mir, dass wir immer mehr in Blasen existieren, in denen es nur noch die eigene Meinung gibt, weil abweichende von Algorithmen ausgefiltert werden. So sehr ich die digitale Welt nutze, so wichtig bleibt mir das Analoge, ja, es wird wieder wichtiger. Physisch eine Zeitung lesen, in der ich bestimme, was ich als Nächstes lesen will. Ein physisches Buch lesen – das fördert die Konzentration, das wetzt den Verstand. Wer zehn gute Romane gelesen hat, der ist nicht mehr pauschal anti-irgendetwas.

Die USA sind für Europa kein verlässlicher Partner mehr. Könnte das nicht eine Chance für die oft belächelte Alte Welt sein, sich neu zu positionieren?

Bei Frankreich sehen wir das ja schon. Ein junger Präsident führt eine alte Nation in die Moderne. Und ohne das amerikanische Desaster hätte es dort vielleicht Marine Le Pen gegeben. Auch werden wir so wachsamer, was die neuen Diktaturen im Osten angeht. Kaczynski und Orbán, die sich ins autoritäre Abseits manövrieren: Da entsteht, zusammen mit dem europäischen Spaltpilz, ein neuer Ostblock. Da müssten eigentlich nur noch die Engländer den Brexit rückgängig machen, und schon hätten wir ein aus der Not heraus erstarktes Westeuropa.

Reden wir über den Schriftsteller Christoph Keller, der in New York lebt, immer wieder gerne nach Hause kommt, ins beschauliche St. Gallen, der inzwischen in der Fremdsprache schreibt und vielleicht auch denkt und träumt … Was macht so ein Leben zwischen der Neuen und der Alten Welt mit Ihnen?

Es ist eine große Bereicherung, in diesen so unterschiedlichen Schwesterländern leben zu dürfen. In diesen so unterschiedlichen Städten. Ich habe St. Gallen nie aus Groll verlassen, ich bin meiner Frau gefolgt, die in meiner Wunschstadt gewohnt hat. Überhaupt habe ich St. Gallen nie verlassen, war immer auch hier und gern. New York ist manchmal schlicht zu viel. Eine Energiebatterie, die einen überladen kann.

Noch eine letzte Frage. Sie sind auf einen Rollstuhl angewiesen. Und Sie haben eine Art Manifest veröffentlicht, in dem Sie sich über den Umgang mit Behinderten in der Schweiz beklagen. Bietet da Amerika mehr?

Es ist meine Reaktion auf etwas in St. Gallen, das nicht mehr passieren dürfte. Zum 500. Jubiläum der Reformation hat sich die evangelische Kirche ein Objekt im öffentlichen Raum geleistet, das bewusst diskriminierend ist. Es ist ein großes, begehbares Buch, das nichts weniger als Erlösung verspricht – vorausgesetzt, man kann Stufen steigen. Nun stört mich als Schriftsteller bereits das Bild eines Buches, das statt Seiten Stufen hat, aber natürlich auch, dass es alle Menschen, die nicht Treppen gehen, von der Erlösung ausschließt. Auf meine Anfrage hin hat man mir mitgeteilt: Man sei sich dessen bewusst, sei aber zum Schluss gekommen, da dies nur temporär zu sehen sei, sei das okay. Das ist der Unterschied zu den USA. Wäre das dort geschehen, wäre es zu einem Aufschrei gekommen, und das Werk wäre entfernt worden.

Zur Person

Christoph Keller wurde 1963 im schweizerischen St. Gallen geboren und wuchs dort auch auf. 1978 wurde bei ihm eine unheilbare spinale Muskel-Atrophie festgestellt, er ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Von 1984 bis 1999 studierte er Slawistik und Amerikanistik in Genf und Konstanz. Seit 2001 lebt Keller überwiegend in New York. Als Autor debütierte er 1988 mit dem Roman „Gulp“. Inzwischen liegen mehr als ein Dutzend Titel vor, darunter sind auch Theaterstücke und Erzählungen, zuletzt erschien der Roman „Das Steinauge & Galapagos“ (2016). Außerdem publiziert er in Zeitungen und Zeitschriften zu Literatur und anderen Tagesthemen. Keller ist mit der US-Lyrikerin Jan Heller Levi (63) verheiratet.