Hanspeter Wieland kann keiner Fruchtfliege etwas zuleide tun. Wespen rettet er aus Regentonnen, Schnaken lässt er stechen, selbst Zecken zerquetscht er nicht. Die „Tierlegeschichten“, in denen Wieland diese Episoden beschreibt und die er in Handarbeit in seiner „Neufracher Bücherschmiede“ bindet, tragen Titel wie: „Vom Obstflieglein“, „Vom Falterchen, das sich ein Bein gebrochen“ oder „Winzlinge vom Waschwasser bewahren“.

Woher dieser „Impuls fürs Nichtbeachtete“ kommt, die Behutsamkeit selbst Kleinstlebewesen gegenüber, weiß er nicht genau zu sagen. Aber, sinniert er: „Es geht eigentlich um mich selber und nicht um das Tier.“ Durch die Achtung der Mitgeschöpfe „macht man sich menschlicher – und man kann vor allen Dingen an sich selber keinen Schaden nehmen.“

Regional, radikal, randständig: Auf Hanspeter Wieland treffen alle drei Eigenschaften zu, die sich die Jahresschrift „Mauerläufer“ zuschreibt, zu deren Initiatoren und Herausgebern Hanspeter Wieland zählt.

Seine Eltern, Mutter und Vater von vier Kindern, trennen sich früh. Hanspeter, der Zweitjüngste, kommt in ein kirchliches Internat im Schwarzwald. Die Schule schmeißt er ein Jahr vor dem Abitur: „Ich möchte nicht Karriere machen.“ Den Kriegsdienst verweigert er aus politischen Gründen: „Ich bin nicht bereit, diese Gesellschaft mit der Waffe zu verteidigen.“ Er ficht durch bis zur letzten Instanz in Karlsruhe, die seine Verweigerung anerkennt. Er lernt Maschinenschlosser, arbeitet später als einfacher Arbeiter in Metallbetrieben, engagiert sich als Gewerkschafter.

Wieland macht aus seinen Sympathien für den Kommunismus keinen Hehl, auch wenn seine Vorstellung davon Utopie bleibt. „Mein Kommunismus“, schreibt er im gleichnamigen Essay, „hatte nicht sollen eine arme Welt sein, aber eine gerechte.“ Denn, so Wieland, „es geht um das Verteilen. Dass wir teilen und keine Ungerechtigkeit dabei zulassen. Das ist das Ideelle am Kommunismus, sein Wesentliches.“

Wieland unterstreicht: „Wir sind ein ungerechtes Land.“ Hätte die DDR eine Alternative sein können? „Das ist kein richtiger Sozialismus“, war und ist sich Wieland klar. Aber, unterstreicht er: „Die haben es wenigstens versucht, und wir haben von vorneherein nichts getan.“ Wieland stimmt zu, dass die DDR aber durchaus ein Korrektiv für die BRD und ein Grund für die „soziale Marktwirtschaft“ war. Als die Nachricht vom Mauerfall die Fabrik erreichte, in der Wieland damals schaffte, habe der Dreher neben ihm spontan gesagt: „So, jetzt geht’s uns Arbeitern schlecht.“

Die Welt der Fabrikarbeiter hat Wieland in einem Band mit alemannischen Gedichten ebenso originell wie authentisch wiedergegeben. „Schineggler“, was man mit „Malocher“ übersetzen könnte, heißt die Sammlung. Unterhaltungen über Alltägliches und Beobachtungen aus dem Betrieb kommen ebenso zur Sprache wie Hierarchien oder die Monotonie der Industrieproduktion.

Dialekt werde eben nicht nur im bäuerlichen Umfeld gesprochen, erklärt Wieland. Ansonsten könnte er natürlich auf die Frage, warum er Arbeitergedichte verfasst habe, im Nachhinein eine „theoretische Überformung“ liefern. Doch es sei einfach so, dass er „Lebenserfahrung habe mit Menschen, denen es nicht so gut geht, da weiß ich mehr als andere.“ Dazu gehört auch der Umgang mit Behinderten und das Schreiben darüber, etwa in Texten wie „Besuch in der Haslachmühle“.

Als der Künstler in der Familie Wieland galt lange Zeit der älteste Bruder Wolfgang, der Holzbildhauer wurde und auch als Bub schon Gedichte schrieb. Hanspeter erlebte seinen „Weckruf“ erst im Internat. Der Deutschlehrer brachte die Aufsätze zurück, Thema war eine Beschreibung des Bildes „Die Käseverkäuferin“. So etwas habe er noch nie gelesen, staunte der Lehrer und meinte damit die Arbeit Hanspeters. Diesem waren kleinste Dinge aufgefallen, die die anderen übersehen hatten. „Ich war eigentlich immer ein Heftlesmacher“, sagt Wieland: erst Schüler-, dann Betriebszeitungen, „Tierlegeschichten“. Seine Empathie für Unbeachtetes, Randständiges korrespondiert mit seiner Radikalität. Auch älter und müder geworden, wie er einräumt, empört er sich, etwa über Geheimdienste und Überwachung oder wenn aus Pazifisten Kriegsbefürworter werden. Kritik müsse alle einschließen dürfen, so auch Israel, wie in seinem Gedicht „He Antifa“. Denn, so Wieland: „Das Gerechtigkeitsgefühl wird verletzt, wenn eine Seite nicht genannt wird, die verantwortlich ist.“ Wie hält so ein sensibler Mensch wie Wieland diese Welt überhaupt aus? „Indem ich schreibe.“

Zur Person

Geboren 1948 in Radolfzell. Tätigkeit als Maschinenschlosser, Arbeiter, Gewerkschafter, Hausmann. Wieland schreibt Essays, Prosa und Lyrik, ist Autor und Herausgeber von Mundart-Texten. Etliche Auszeichnungen, etwa für Mundartlyrik, so 1989 der erste Preis der VHS Bodenseekreis. Bücher unter anderem: „Bappele hinterfier. Alemannische Gedichte“ (1995) und „Schineggler. Alemannische Gedichte aus der Fabrik“ (1999), beide bei Drey erschienen. Zahlreiche Publikationen in Jahrbüchern und Zeitschriften. Mitherausgeber der Jahreschrift „Mauerläufer“. Jüngste Veröffentlichungen: Mundartgedichte im „Mauerläufer“ 2016, darunter „He Antifa“. Wieland ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne. (flo)
 

Leseproben

Vom Falterchen, das sich ein Bein gebrochen hat 

Am selben Tag, an dem ich Nachricht erhielt von so einem Kultur-Arsch, der schrieb mir eine Absage –
Aber Kultur-Arsch geht natürlich nicht. Kulturver-mittlerei. Vermittelung. Die Namen dazu sind wie eine Phalanx; scheinen unersetzlich. Unersetzliche Leute, denn sie sind überall in den Gremien, wo sie sich austauschen, scheinen auszutauschen, wie ausgetauscht erscheinen, der und der und schon wieder der, schon wieder die und die und die, und diese, -
am selben Tag hab ich vom Nachbar einen ganzen Schubkarren voll Holzbriketts zugesprochen bekommen, weil die ihm übrig waren, er sie nicht brauchen konnte scheint’s, ich aber halt. Hobri-Sparki-Briketts.
Und dann gab’s am Abend dieses Tages noch Äpfel. Eine landwirtschaftliche Behörde hatte nämlich einmal einen Apfelgarten angelegt und heute sollte jedermann dort Äpfel auflesen können und wir lasen davon eine ganze Kiste voll auf.
Beim Sortieren danach zu Hause war in der Kiste auch ein Nachtfalter gewesen, der hatte sich jetzt irgendwo hingehockt und meine Frau sagte: sie müssen wieder an die frische Luft, ein Falter in einer Wohnung kann es darin nicht aushalten. Und schon ist er beherzt gepackt von ihr und zum Fenster hinaus befördert worden.
 
Am nächsten Tag war aber noch ein Nachtfalter in der Wohnung; er saß neben der Tür, die auf das Stiegenhaus hinausgeht. Also mach ich die Tür auf und versuch ihn zu animieren in das Stiegenhaus sich fort zu machen, von wo aus er unschwer ins Freie gelangen würde können, wenn er wollte.
Er wollte aber nicht; er wollte in unserer schönen alten Wohnung bleiben. Wenn Falter die Flügel zusammenklappen, sehen sie aus wie ein Blatt; wie ein braunes Blatt hing er regungslos neben der Tür an der alten schönen Wand. Ich hol ein Becherlein, um ihn darin aufzufangen, abzustreifen und aufzufangen. Bei den Joghurtbecherlein, was es war, hab ich die Mode, sie immer sauber auszuspülen, und es gibt bei mir sauber gespülte große und kleine Joghurtbecher.
Sollte ich ein großes Becherlein oder ein kleines nehmen?
Ich entschied auf das große und das war falsch, verhängnisvoll, denn der Falter stürzte erschrocken in den großen Becher hinein und bricht sich ein Bein.
Wie hatte man annehmen sollen, daß ein Geflügeltes stürzt wie ein Stein – und halt bei eben einem großen Becher tiefer stürzt, als wenn dieser klein.
So ein ausgewaschener Jogibecher ist ja weiß, und also seh ich das abgebrochene Füßchen schwarz, und der Falter vibriert wie nicht gescheit. Oder ist es ein Fühler, der neben ihm liegt, und nicht ein Bein? Und er vibriert vor Schmerz und Pein? Kann er nun das überleben?
 
Ich trug das Becherlein mit dem Falter und seinem abgebrochenen Füßchen ins Freie hinaus. Den Nachmittag lang hab ich immer wieder danach geschaut.
Gegen Abend sah ich nur ihn und nicht mehr das Beinchen. Wo war es hingekommen?
Der quasi sterile weiße Becher zeigte doch quasi steril alles; er war zwar zur Seite geneigt, aber doch nicht so, daß da etwas einfach hinausfallen hätte können!
Saß der Falter quasi darauf – und er vibrierte ja immer noch!
Vibrierte das Falterchen das Abgebrochene an? Ginge das? Anvibrieren. Was für ein dummer, törichter Gedanke! Den man sich auch nur zu denken - als eigentlich Aufgeklärter – eigentlich zu verbieten hätte. Aber doch auch wiederum eine schöne Vorstellung! Man wäre so wenig abhängig von der Welt, könnt man auf diese Weise ein Verlorenes wieder ins Heile sich vibrieren…
 
Der darauf folgende Tag zeigte mir Falterchens Krankenlager verlassen, den großen Jogibecher leer. Wirklich ganz leer? Aber vielleicht auch nur, weil man keine Brille aufhatte. Nachtfalter sind ja stattliche braune Falter und heißen, glaub i, die meisten auch BÄR. Und es wär ein abgebrochenes Fühlerbeinchen, wenn man keine Brille aufhatte, vielleicht gar nicht zu sehen oder nur schwer. Oder daß das Vibrierungswunder doch nicht nur ein Quatsch wär?
Da hol ich die Sehhilfe und das Füßchen ist leider natürlich da. Ganz allein auf dem Becherboden, Stücklein eindeutig von einem Bein. Man kann es heraustupfen mit dem Finger und auf weißes Papier hinlegen und noch schärfer anschauen mit dem Vergrößerungsglas, und es ist doch ein Fühlerchen, oder ein Beinchen.
Für das Beinchen spricht das Haarige, für das Fühlerchen das Fühlerchen.
 
Wenn der Falter im Fortfliegen ohne das, was er zurückgelassen, nun vielleicht orientierungslos dadurch, oder falsch orientiert, irgendwo schlecht in einem Spinnweb vielleicht angekommen ist? Den Rest denk ich mir dann lieber gar nicht mehr aus. So macht man sich Sorgen, besorgte Gedanken um kleine Tiere, die in die Wohnung herein geflogen sind. Wieso aber sich schinden, weil ein Nachtfalterchen zum Beispiel, wenn es hereingekommen ist, wird’s auch wieder hinausfinden, was der Königsweg wär; auch rein gedanklich. Wieso stattdessen machen es sich immer so schwer? denk ich, könnt ich denken, wenn ich stattdessen ein Königsweg-Arsch wär, Königs-Arsch. Arschkönig!
Stattdessen ist man einmal lieber von allen Menschen dreimal verlassen – und selbst von meinen kleinen Lieblingen ja auch: Käferli, Räupelein, Würmchen.
Das heißt, von ihnen ja nicht, dem Gestürmchen mit keinen Beinen. Weil, wenn ich mal die meinen endgültig ausgestreckt werd haben, sarkastisch alle vier, sind sie alle ganz viel, viel, viel bei mir …

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Das so sehr rücksichtsvolle Schnäklein

Das so sehr rücksichtsvolle Schnäklein

Es kommt nur zu mir, wenn ich eingeschlummert bin. Da fliegt es leise, ganz leise herbei und für sein bissiges Flieggeräusch kann es ja nichts, aber es fliegt nur ein ganz klein wenig bissig herbei und nimmt sich, wovon ich so viel hab. „Nur einmal noch“, sagt es, „und ich komm auch nicht wieder…bis morgen Nacht“.

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Ein Schnak, der weiß, was er will

 
Wenn er sich niedergesetzt hat, beginnt er wohl unmittelbar mit dem, was er will.
Das Zuschauen und Darauf-Warten ist ein bisschen wie bei einer Spritze, nur viel, viel weniger.
Es piekst nur ein ganz klein wenig und brennt vielleicht alles in allem etwas. Dann ist es vergessen und gibt keine Pustel.
 
Wenn er sich forthebt, ist es wie ein kleines zärtliches Danke; er federt sich weg mit einem winzigen Schwung, den man spürt.
 
Das, was er an einem gemacht hat, ist wie ein Spritzchen von einem Spritzchen; auch kann man etwas nachhelfen, eine „Faust“ machen, Blut stauen, damit es leichter zum ansaugen ist. Und, zweitens, spürt man dadurch auch das kleine Einstechen nicht mehr. So werden quasi „zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen“ – kann man zwar in diesem Fall eigentlich nicht sagen: Fliegen erschlagen, unangebracht, wie es ist!
Jedoch Schnaken, denen man über Gebühr Blut aufstaut, können, weil sie dann quasi Überdruck bekommen, verplatzen, hab ich gehört: „etz hott sis verrisse“ – du Sau

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Wie das Flieglein einen Gipsfuß bekommen und wieder verloren hat
 
Da war ein Flieglein, das in die Wandfarbe fiel, das heißt, auf den etwas schon trockenen Rand im Kübel mit der weißen Wandfarbe ist es hingesegelt und – natürlich – nicht mehr weggekommen, und hockt da nun quasi „festgegipst“.
 
Mit einem Holzspan wird es zuerst heruntergeschäufelt, sachte abgehoben, und welches Bild zeigt sich der Kleinheit des Tieres wegen unter dem Vergrößerungsglas?
Einiges ist durcheinander geraten am kleinen Wesen. Zwar scheinen Flügelchen und Oberpartie in Ordnung, aber es ist ihm unmöglich, das Gleichgewicht zu halten; es stockelt und knickt und streckt die Füßchen in die Höh!
Das ist es! Die Füßchen sind voller weißer Wandfarbe. Mit den Füßchen ist es ja auf diese getroffen, hat sich niedergesetzt, wenn man so will, und die Farbe hat die Füßchen nun so umschlossen wie ein „Gipsfuß“, ganz unförmig gegenüber den zartesten Gliedmaßen, die solch ein Fliegchen ja hat. Was also tun?
 
Da es sich um wasserlösliche Farbe handelte, abwaschen. Aber wie bewerkstelligen, ohne zu zerdrücken, zu ersäufen, wie die kleinen Beine ins Wasser bringen und nur die Beine?
Ein klein wenig Abwasch gelang dadurch, daß der Patient quasi von selbst in eine dargebotene winzige Wasserlache hineinstolperte und danach auch noch etwas in diesem Wassertropfen, was es ja war, herumstolperte.
 
Vollends weg ging der „Gipsfuß“ erstaunlicherweise aber folgendermaßen: das Flieglein hatte ihn fortgekickt.
Ich hab es mir später so vorgestellt, daß es auf dieselbe Weise gegangen sein muß, wie wenn ich,  wenn ich einen zu großen Schuh anhab, oder auch die Schuhbändel am Schuh sind aufgemacht, ja auch mit einer einzigen Fußbewegung kann den Schuh von mir schleudern, so hatte ich mir es gedacht. Oder hab ich’s sogar gesehen? Fast ist es mir so, auch daß ich’s gehört hätte kicken.
Einbildung, wie bei mir vieles?
Jedenfalls war unter dem Vergrößerungsglas zweifelsfrei zu sehen, daß der kleine weiße Überfuß nicht mehr dran war und das Flieglein lebendig und ganz ledig davon herumlief.
 
Gern hätte ich den fortgekickten „Gipsfuß“ als den ‚letzten Beweis’ in dieser Sache aufgefunden, denn irgendwohin musste er ja schließlich gefallen sein, aber solche Dinge sind, wie ich immer wieder feststell, sehr, sehr klein