Merkwürdig, das: Je mehr wir von der Welt wissen, desto unübersichtlicher wird sie. Die Dinosaurier unter uns erinnern sich an das Kampflied: „Völker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.“ Alles vorbei. Tempi passati?

Es ist nicht so, dass die Internationale ausgedient hätte. Nur solidarisieren sich heute nicht mehr Völker, sondern es bildet sich die Internationale einer globalisierten Oberschicht. Ihr Esperanto ist die Sprache des Geldes.

Finanzhaie und Popstars

Zu dieser Oberschicht gehört nicht nur der viel gescholtene Finanzhai, sondern ebenso der weltweit beliebte Popstar, der Kicker von Weltformat oder der multinationale Chief Executive Officer (CEO).

Sie alle kennen keine Vaterländer. Sie heiraten untereinander, wie es früher in Königshäusern üblich war. Sie schicken ihre Kinder auf internationale Schulen. Sie handeln untereinander, und sie wandeln in Sphären, die für die meisten von uns No-Go-Areas sind.

Trump und Putin

Nehmen wir mal, nur als Beispiel, Mr. Trump und Mr. Putin. Als Trump für die Republikaner ins Rennen ging, um US-Präsident zu werden, verhandelte er mit dem Erzrivalen Russland, um in Moskau einen Trump Tower hinzuklotzen. Damit die Baugenehmigung wie geschmiert läuft, sollte Putin ein Gratis-Penthouse bekommen.

Nahm der das 50-Millionen-Dollar-Präsent an? Was alles versprach er Trump im Gegenzug? Sicher ist nur: Trump leugnete den Zeitpunkt der Verhandlungen – erst spät gestand sein damaliger Anwalt Michael Cohen den Deal. Und Putin? Er ließ seinen Spezi Trump nicht auffliegen.

Geldweltbürger agieren national

Die Internationale der neuen Geldweltbürger hält dicht, solange es geht. Sie agieren international, wir fühlen national. Wir sind in unserer Kultur daheim, sie dort, wo es was zu verdienen gibt. Das ist der Klassenunterschied.

Globalisierung, weltweit besehen, hat gute Seiten: Die extreme Armut hat sich halbiert, die Kindersterblichkeit ist gesunken, die Lebenserwartung gestiegen, auch das Bildungsniveau. Aber: In den OECD-Staaten macht sich ein mulmiges Gefühl breit.

Unberechenbare Erfolgsfaktoren

Bisher waren Herkunft, Bildung und Leistung die Garanten für sozialen Aufstieg. Nun kommen unberechenbare Faktoren hinzu: politische Entwicklung und Mobilität.

Von der politischen Entwicklung profitiert die neureiche Oberschicht. Vom Zusammenbruch des Sozialismus und der Privatisierung profitieren russische Oligarchen. Von der Deregulierung der Finanzmärkte profitieren beispielweise Hedgefonds-Manager. Von der Entwicklung zur Informationsgesellschaft profitieren Innovateure wie Bill Gates. Von der Spaß- und Freizeitgesellschaft profitieren die Spitzenstars der Vergnügungsindustrie.

Die Verunsicherung sitzt tief

Sie alle haben etwas geleistet, aber Status und ihr Einkommen entsprechen in keiner Weise dem Grad ihrer persönlichen Leistung. Dieser Erfolg, globalen Entwicklungen verdankt, untergräbt traditionelle Werte wie Herkunft, Familie, Bildung und Leistungswillen. Das verunsichert zutiefst.

Die Mobilität verunsichert noch mehr. Theoretisch können alle profitieren, die international unterwegs sind: die Geldweltbürger oben, die Elendsflüchtlinge unten. Das ist die Internationale der neuen Klassengesellschaft.