Richard Wagner träumte einst vom Gesamtkunstwerk. Von einem Musiktheater aus einem Guss. Musik, Drama, Szene – alles aus einer Hand und einer Idee geboren. Inzwischen ist Wagners Musiktheater dem Kulturbetrieb einverleibt wie alle anderen Opern auch. Mit einer fein säuberlichen Arbeitsteilung zwischen Musik und Regie.

Wer eine Idee davon bekommen möchte, was das sein könnte, ein Gesamtkunstwerk, der sollte aufhorchen, wenn der Name François Sarhan fällt. Der Franzose – bezeichnen wir ihn einfach als Musiktheatererfinder – hat bei den Bregenzer Festspielen seine „Wunderwandelwelt“ vor den Augen eines erstaunten Publikums ausgebreitet. Das 6-stündige Projekt teilt sich auf zwei Abende. Das hat Wagnersche Ausmaße – darüber hinaus mit ihm allerdings nichts zu tun.

Bibliothek des Urgroßvaters geplündert

Eine ausgedehnte Bühnen-Surround-Landschaft erwartet das Publikum. Sarhan scheint die Bibliothek seines Urgroßvaters geplündert zu haben. Ausrisse aus uralten Folianten, Lexika, vergilbte Plakate und handschriftliche Sprüche wie „Adorno was right“ oder „Revolte domain“ sind zu einer riesigen Wandcollage zusammengeklebt. Alte Autos (eher Blechkisten) und Instrumente fliegen durch die Luft. Natürlich nur scheinbar – es sind auf Pappkarton geklebte Bilder. Die Ästhetik hat was von den surrealen Trickfilm-Sequenzen von Monty Python. Schöne analoge Welte – die digitale Revolution scheint hier noch Lichtjahre entfernt.

Das stimmt natürlich nicht. Denn das Musiktheaterprojekt würde ohne ausgeklügelte Klang- und Videotechnik nicht funktionieren. Es gibt sich nur den Anstrich des behelfsmäßig Zusammengebastelten. Und was kriegen wir nun geboten in dieser Wunderwandelwelt? François Sarhan weiß schon, dass jetzt so Fragen kommen wie: Wovon handelt das Stück? Und wenn nicht, warum dann das Ganze? Deswegen lenkt er in einem eileitenden Selbstgespräch die Erwartungshaltung des Publikums weg von einer konkreten Handlung auf eine wie auch immer geartete Reise durch Bilder und Gefühle lenkt. Letztlich, sagt er, „bin ich auch nur ein Echo“.

Kafkaeske Verwicklungen

Was dann folgt, ist eine Mischung aus Kriminalstory, die uns im Film und in verschiedenen Bildsequenzen nach Prag führt, dem Blick in einen seltsamen Kreativitätsworkshop, kafkaeske Verwicklungen eines Manns namens Bobok und der musikwissenschaftlichen Einführung in die Welt des Ein-Sekunden-Songs durch einen fiktiven Professor Glaçon. Dazwischen und dazu spielen und performen die Ensembles Phace und Something Out There.

Eine Szene aus „Wunderwandelwelt“ mit Janina Ahh (links) und Jennifer Torrence. Die Requisiten bestehen aus auf Pappe geklebten Fotos. Bild: Anja Koehler/Bregenzer Festspiele
Eine Szene aus „Wunderwandelwelt“ mit Janina Ahh (links) und Jennifer Torrence. Die Requisiten bestehen aus auf Pappe geklebten Fotos. Bild: Anja Koehler/Bregenzer Festspiele | Bild: Anja Köhler/Bregenzer Festspiele

Die Musik changiert zwischen Jazz, Minimal und Neuer Musik, nostalgischen Rückschauten oder verfremdeter Folklore.

Eigentlich sind die Zuschauer aufgefordert, sich die drei Stunden durch eigene Pausensetzung zu gestalten. Aber letztlich werden sie von den Abläufen doch so gefangen gehalten, dass nur wenige davon Gebrauch machen. Wunderbare Wunderwandelwelt.

„Wunderwandelwelt“ ist eine Koproduktion mit den Donaueschinger Musiktagen und wird dort in erweiterter Form 2021 gezeigt.