In Berlin wurde kürzlich ein Schauspielerpreis verliehen. Der Geehrte heißt Benny Claessens und hat ihn verdient, aber davon soll hier nicht näher die Rede sein. Auffallend war vielmehr die auf ihn gehaltene Laudatio. Gehalten hat sie Fabian Hinrichs, viel dekorierter Akteur mit großer Theater- und Filmerfahrung, unter anderem bekannt als Tatort-Kommissar Felix Voss.

Seine Würdigung des Kollegen war in Wahrheit ein Abgesang auf die Schauspielkunst in diesem Land. Er sagte: „Der künstlerische Schauspieler ist heute gefangen in den Rückhaltebecken der Regiekonzepte, in den begradigten Wahrheiten der flachen Ästhetiken, in trostlosen Betonbecken moralischer Selbstgewissheit.“ Sein Kollege Herbert Fritsch legte nach: Schauspieler, sagte er, würden dazu ausgebildet, „die Klappe zu halten“. Was ist da los?

Regisseur als Alleinherrscher

Künstler, das ist im Theater vor allen Dingen der Regisseur: der Herrscher über Identitäten und Handlungen. Über das, was auf der Bühne geschieht, haben Schauspieler kaum noch zu bestimmen. Ja, selbst Autoren beugen sich der Allmacht des Spielleiters. Der Dramatiker Roland Schimmelpfennig etwa beklagt, dass Regisseure U-Boote auf die Bühne stellen, wo im Text bloß von gewöhnlichen Tischen die Rede ist. Er sei deshalb dazu übergegangen, immer das Gegenteil des Gemeinten zu fordern: Schreibe er von U-Booten, so falle dem Regisseur vielleicht der eigentlich gewünschte Tisch ein.

Wie den Schauspielern und Autoren im Theater, so ergeht es auch den bildenden Künstlern im Ausstellungsbetrieb. Dort heißt der Regisseur dann Kurator, und seine Macht ist kaum weniger umfassend. Sich einzelnen Persönlichkeiten und Ästhetiken zu widmen, das liegt ihm nicht sonderlich, weitaus mehr schätzt er Themen-Ausstellungen. Sie nennen sich zum Beispiel „Urbane Zukunft“, „Landschaft heute“ oder „Liebe morgen“: Wem als Künstler dazu etwas einfällt, der darf durchaus darauf hoffen, dass der allmächtige Kurator ihm ein Eckchen freihält.

Niedergang der Muße

Ausgerechnet diejenigen also, die am wenigsten sichtbar sind auf der Bühne oder im Museum, entscheiden letztendlich über das Gezeigte. Doch das Groteske hat auch einen Grund: Es ist der Niedergang der Muße. Für Poesie bleibt keine Zeit, statt offener Fragen sind schnelle Antworten gefordert.

Die Kunst des Schauspielers passt da einfach nicht hinein. Schauspiel zu rezipieren, zu schätzen, ja zu genießen, das setzt Zeit und Geduld voraus. Ganz anders dagegen beim Regisseur. Faust als Donald Trump, Mephisto als Kim Jong-un: Zack, habe ich auch schon den passenden Kommentar zur Weltlage aus dem Ärmel geschüttelt!

Kultur des Abnickens

Es ist das Symptom einer Zeit, die keine Geheimnisse mehr duldet und es nicht aushält, wenn ein Vorgang sich erst allmählich erschließt. Kunst verliert in solchen Zeiten ihre Poesie, sie wird konkreter, politischer. Das an sich muss nichts Schlechtes sein. Problematisch wird es erst, wenn aus dem konkret Politischen eine Kultur des Abnickens simpler Botschaften wird. Die Inszenierung kritisiert den Faschismus? Bravo, Zustimmung! Die Ausstellung geißelt den Massenkonsum? Endlich sagt’s mal einer!

Für eine Kultur des Abnickens haben wir bereits das Internet erschaffen. Vom Theater und der bildenden Kunst sollten wir anderes erwarten: eine Wirklichkeit jenseits der schnellen Antworten.