Im Wettstreit der Künste zog die Malerei jahrhundertelang den Kürzeren, wenn es um die dritte Dimension ging. Die musste man sich mit Fantasie und perspektivischer Illusion hinzudenken. Die Ausstellung „Mixed Realities“ (gemischte Realitäten) im Kunstmuseum Stuttgart hilft der optischen Täuschung jetzt auf die Sprünge: Analoge und digitale Verfahren verbindend, macht sie im Übergang von realer und virtueller Welt das Erleben von Kunst mit Klängen und Geräuschen um eine Dimension reicher. Kleine Gesamtkunstwerke sozusagen für die umfassende Fiktion.

Stufenweise führt die von Eva-Marina Froitzheim und Merle Radtke kuratierte Schau den Besucher mit Rücksicht auf die Sehgewohnheiten zu den sich allmählich steigernden Ebenen der Wahrnehmung. Am Beginn stehen riesige Schattenrisse der Brasilianerin Regina Silveira, die es schwer machen, zwischen Schein und Sein zu unterscheiden. Einen Schritt weiter lädt Tim Berresheim die mit 3D-Brillen ausgestatteten Besucher in sein detoniertes Atelier ein und sprengt die Grenze zwischen Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR), der computergestützten Erweiterung der Realität, indem er den Besuchern den Entstehungsprozess physisch an der Wand hängender Bilder digital vorführt. Schade, dass die dafür nötige App nur für Apple-Geräte verfügbar ist – doch sollen an der Museumskasse Tablets bereit liegen. Wie alle der gezeigten, sämtlich noch lebenden Kunstschaffenden hat Berresheim eine klassische Kunstausbildung, was sich in Arbeiten aus Pigmenten und Harz niederschlägt, die die haptische Wirkung illusionistischer Malerei zitieren.

Der in Brasilien lebende Künstler Daniel Steegman Mangrané lässt die Besucher mithilfe von Headsets in einer 360-Grad-Ansicht als Teil des Kunstwerks vollständig in den – leider nur schwarz-weißen – Regenwald eintauchen. Bei Mélodie Mousset aus Abu Dhabi werden sie selbst zu kreativen Gestaltern, indem sie Körperteile aus dem Boden wachsen lassen. Zugegeben: Das macht richtig Laune. Doch fällt es bei den schon lange bekannten VR-Anwendungen nicht leicht, hierbei noch den Bezug zur Kunst zu sehen.

Am ehesten wird man fündig bei der Künstlergruppe The Swan Collective: Wie Flachbildschirme wirken deren Arbeiten und entpuppen sich als poetische Gemälde, auf die Animationen projiziert werden. Und auch der Grieche Spiros Hadjidjanos hat darauf eine Antwort mit seiner Skulptur aus Kupferdraht, die aus der physisch-realen Welt des Museums durch Teleportation in die virtuelle Welt hinüberwechselt. In Einzelteilen ist das alles schon mal da gewesen, und die ersten VR-Werke werden auch schon am Kunstmarkt gehandelt. Doch macht hier der schöpferische Gedanke den Kunstwert aus, in den Werken wie in der Ausstellung – auch wenn man dafür nicht mehr die eigene Fantasie bemühen muss.

„Mixed Realities. Virtuelle und reale Welten in der Kunst“ – zu sehen bis 26. August 2018 im Kunstmuseum Stuttgart. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr sowie Freitag bis 21 Uhr. Weitere Informationen auf www.kunstmuseum-stuttgart.de