Mehr als 160 Jahre lang war sie fester Bestandteil von Berlin: die Litfaßsäule. Schon aus der Kaiserzeit kennt man Fotografien, auf denen noble Berliner mit Zylinder auf dem Kopf gespannt die neuesten Informationen auf der Säule betrachten. In Erich Kästners Klassiker „Emil und die Detektive“ nutzen die jungen Helden die Litfaßsäulen, um einen Dieb auszukundschaften.

Die runden Kolosse verschwinden nun allerdings aus dem Stadtbild, rund 2500 kultige Säulen werden abgebaut. Mit großen Hebekränen werden die schweren Säulen stadtweit aus dem Boden gehoben und verladen. Nach und nach werden sie abgebaut. Nur 50 Stück sollen übrig bleiben – sie werden unter Denkmalschutz gestellt.

Breiter, höher, heller – und neu

Warum das alles? Nach einer Neuausschreibung der beliebten Reklameflächen hat die Betreiberfirma gewechselt. Der neue Betreiber kommt aus Süddeutschland und will neue Säulen aufstellen. Sie sind breiter, höher und können beleuchtet werden. Verschnörkelte Verzierungen gehören damit der Vergangenheit an.

Einheimische und Berlin-Besucher müssen bald also etwa in die Münzstraße hinter dem Alexanderplatz gehen, wenn sie noch eine schöne alte Werbesäule sehen wollen. Zwischen angesagten Läden für trendige Mode und schraubenlose Brillen steht dort das bronzefarbene Litfaßdenkmal, das nicht abgerissen werden soll.

Blick auf das Litfaß-Denkmal in Berlin mit dem Abbild des Unternehmers Ernst Litfaß (1816-1874). Er war Drucker, Schauspieler und Zeitungsherausgeber – weltbekannt wurde er jedoch als Erfinder der Litfaßsäule.
Blick auf das Litfaß-Denkmal in Berlin mit dem Abbild des Unternehmers Ernst Litfaß (1816-1874). Er war Drucker, Schauspieler und Zeitungsherausgeber – weltbekannt wurde er jedoch als Erfinder der Litfaßsäule. | Bild: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

Die mächtige Säule ist verziert mit Bildern und Schriftstücken, die an den „König der Reklame“ erinnern. Ernst Litfaß, umtriebiger Berliner Druckereibesitzer, Verleger und Erfinder, stellte 1855 hier die erste „Annonciersäule“ auf.

Die Idee hatte er aus London und Paris mitgebracht. Der „Werbekönig“, wie Litfaß auch genannt wurde, wollte so das wilde Plakatieren an Wänden und Bäumen verhindern. Bürger konnten ihre Zettel und Mitteilungen nun für wenig Geld an der Säule veröffentlichen. Die Litfaßsäule war Zeitung und öffentlicher Treffpunkt zugleich.

In Berlin wird wild plakatiert

Das wilde Plakatieren gehört inzwischen wieder zum Berliner Straßenbild: An vielen Stellen hängen Plakate zentimeterdick übereinander geklebt an Laternenpfählen, rostigen Gitterzäunen und Stromverteilerkästen. Dennoch will die neue Betreiberfirma zunächst einmal nur 1500 neue Säulen aufstellen, deutlich weniger als bisher.

Das Sterben der alten Litfaßsäulen wird von einer Berliner Künstlerin begleitet. Sie beklebt die Säulen, die für den Abriss markiert sind, mit den Inschriften von Berliner Grabsteinen, zum Beispiel: „Wenn der Wind darüber weht, ist es zu spät.“

Litfaßsäule erfüllt ihren Auftrag

Aber nicht alle Berliner schließen sich dieser düsteren Stimmung an. In der Nähe des Kanzleramts hat jemand handschriftlich auf die alte Litfaßsäule gemalt: „Save Our Planet!“ Vielleicht ein Schüler, der hier freitags fürs Klima streikt? Die Litfaßsäule erfüllt bis zuletzt ihren Auftrag: unterschiedliche Meinungen abzubilden und zum Nachdenken anzuregen.