Zum runden Geburtstag können wir ihr diese Kritik nicht ersparen: Die kleine, vermeintlich so unschuldige Raupe Nimmersatt, Heldin des Kinderbuch-Klassikers von Eric Carle, ist uns kein gutes Vorbild gewesen. Von ihr haben wir den Konsum gelernt. Das ununterbrochene Fressen durch alles, was uns in den Weg kommt: Äpfel, Birnen, Pflaumen. Aber auch Würste, Kuchen, Lollis. Hauptsache, es schmeckt.

Bild: Eric Carle

Zwar hat die kleine unschuldige Raupe danach zur Strafe Bauchweh. Wir Kinder der 70er- und 80er-Jahre haben aber sehr wohl bemerkt, dass diese Unannehmlichkeit nur vorübergehender Natur ist. Denn am Ende, gewissermaßen als verdienter Lohn, wird aus der gefräßigen Raupe ein wunderschöner Schmetterling!

Diätprodukt aus biologischem Anbau

Erfüllung durch Konsum: Dieses Gleichnis beschreibt nichts weniger als die Funktionsweise unserer spätkapitalistischen Gesellschaft. Sogar an das Geschäft mit der bewussten Ernährung hat Autor Eric Carle gedacht. Gegen das Bauchweh behilft sich die Raupe nämlich nicht mit Verzicht. Nein: Jetzt ist das Diätprodukt aus biologischem Anbau dran. „Die Raupe fraß sich durch ein grünes Blatt“, heißt es. Und siehe da: „Es ging ihr nun viel besser!“

Bild: s.bodmann

Ist die kleine Raupe in Wahrheit ein zerstörerisches Monster? Und sollte sie deshalb aus den Bücherregalen unserer Kindergärten verschwinden? Nein, ganz und gar nicht.

Bild: Eric Carle

Denn gerade „Die kleine Raupe Nimmersatt“ beweist, was allzu oft bestritten wird: Dass Kinder sehr wohl in der Lage sind, zwischen Literatur und Gebrauchsanweisung zu unterscheiden. Bei aller Niedlichkeit gilt uns Lesern von damals die Raupe heute keineswegs als Heldenfigur. Im Gegenteil: Der Vorwurf, eine „Raupe Nimmersatt“ zu sein, dient bei politischen Auseinandersetzungen zur Schmähung exzessiven Verhaltens.

Die Raupe mit prall gefülltem Magen: Bald wird sie sich verpuppen.
Die Raupe mit prall gefülltem Magen: Bald wird sie sich verpuppen. | Bild: KSJ/Eskofot DGS

Und dann sind da ja auch noch die unbestreitbar guten Seiten der Geschichte. Am Beispiel der Raupe, die zum Schmetterling wird, haben viele ihr erstes biologisches Fachwissen erlangt. Darüber hinaus dürfte die Aussicht auf eine wundersame Verwandlung manchem Kind über sein mangelndes Selbstvertrauen hinweg geholfen haben.

Bild: Eric Carle

Und natürlich verdanken wir der „Raupe Nimmersatt“ auch die Existenz ungewöhnlicher Buchformate. Dass mit zunehmender Leibesfülle der Raupe auch die Buchseiten an Umfang gewinnen, war damals eine völlig neue Idee. Ähnlich verhielt es sich mit den auf mehreren Seiten eingestanzten Lücken. Einem Buch schon beim Druck mutwillig Löcher beizubringen, auf diesen absurden Gedanken muss man erst mal kommen!

Bild: Eric Carle

Beim Gerstenberg-Verlag, der sich früh die Rechte an der deutschsprachigen Fassung gesichert hatte, erinnert man sich noch genau, wie es dazu kam. Demnach hat sich der Werbegrafiker Eric Carle eines Tages die Zeit damit vertrieben, in einen Papierstapel Löcher zu bohren. Und während er so bohrte, kam ihm die Idee, aus dieser nur vermeintlich unsinnigen Tätigkeit ein Produkt zwischen Spielzeug und Buch zu entwickeln.

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Schon bald stand fest, welches Tier für diese Löcher verantwortlich sein könnte: natürlich Willi, der Wurm! Wer sonst könnte sich durch so viele Seiten fressen? Doch dann brachte Carles Lektorin Ann Beneduce einen berechtigten Einwand vor. Wenn es auch durchaus lustig sein mag, einen Wurm auf seinem Weg durch den umfangreichen Speiseplan zu folgen, so fehlt dem Ganzen doch ein Ziel, eine Moral, eine Pointe. Carles Wurm ging nach getaner Arbeit einfach schlafen: Spannend war das nicht.

Raupe statt Wurm

Und so musste Willi, der Wurm, bald doch der Raupe Nimmersatt weichen. Einem Tier, das zwar auch schlafen geht, aber nur, um wenig später als wunderschöner Schmetterling zu erwachen. In wenigen Tagen, heißt es, hätten Carle und seine Lektorin die Geschichte mit Illustrationen abgeschlossen.

Ob er es auswendig aufsagen könnte? Eric Carle blättert in seinem berühmten Werk. Bilder: Wolfgang J. Dietrich (1), Eric Carle (7)
Ob er es auswendig aufsagen könnte? Eric Carle blättert in seinem berühmten Werk. Bilder: Wolfgang J. Dietrich (1), Eric Carle (7) | Bild: Wolfgang J. Dietrich

Die Geschichte wohlgemerkt, nicht das Buch. Denn zum fertigen Produkt war es damals noch ein weiter Weg. Bücher mit Seiten von unterschiedlicher Größe, und dann auch noch mit mehreren Löchern versehen: So etwas mochte niemand drucken. Allein schon die exakte Platzierung galt als hohe und damit auch teure technische Herausforderung.

Druckerei in Japan

Auf der Suche nach einer geeigneten Druckerei bereiste Lektorin Ann Beneduce die ganze Welt. Fündig wurde sie schließlich in Japan. Am 20. März 1969 konnte „Die kleine Raupe Nimmersatt“ dann endlich als Buch erscheinen.

"Kleiner Käfer Immerfrech"

Carle gab schon bald seinen Job als Werbegrafiker auf und schuf fortan weitere Kinderbücher wie „Der kleine Käfer Immerfrech“ oder auch „Die kleine Spinne spinnt und schweigt“. Er bastelte Bücher mit ertastbaren Spinnennetzen, Zirpgeräuschen („Die kleine Grille singt ihr Lied“) und Blinklichtern („Das kleine Glühwürmchen“). Alles, was heute zum Standard des Kinderbuchprogramms gehört: Mit der „kleinen Raupe Nimmersatt“ fing es einst an.

"Aber satt war sie noch immer nicht"

Und die Raupe selbst frisst sich noch immer auf der ganzen Welt durch die Kinderzimmer. Allein die deutschsprachige Ausgabe hat sich inzwischen bereits mehr als 30 Millionen Mal verkauft, ein Ende ist kaum in Sicht. Wie heißt es im Buch? „Aber satt war sie noch immer nicht!“

Eric Carle: Die kleine Raupe Nimmersatt.
Übersetzt von Viktor Christen, Gerstenberg-Verlag, Hildesheim, 15. Auflage 2016, 22 Seiten, 10,50 Euro