Herr Maar, vor sechs Jahren erschien „Sams im Glück“. Damals sagten Sie, das sei unwiderruflich die letzte Folge vom Sams.

Das habe ich nach jedem Sams-Buch gesagt. Und dabei auch jedes Mal daran geglaubt. Schließlich will ich nicht nur als der Sams-Autor in die Literaturgeschichte eingehen. Ob ich in eine Buchhandlung komme, eine Bibliothek oder eine Schule, immer heißt es: Hier kommt der Sams-Autor!

Stimmt ja auch!

Ja, aber ich habe noch viele andere Bücher geschrieben. „Lippels Traum“ zum Beispiel mag ich mindestens genauso wie das Sams. Die Kinder wollten trotzdem vor allem etwas vom Sams hören.

Warum eigentlich?

Eine entscheidende Rolle spielt wohl erstens der Witz: Das Sams ist ja eine sehr humorvolle Figur. Zweitens weiß ich aus zahllosen Kinderbriefen, dass die Reime wichtig sind. Oft kommen nach Lesungen Mädchen zu mir, die stolz erklären, welche Sams-Gedichte sie auswendig können. Und drittens ist natürlich auch das Thema Wünschen von großer Bedeutung. Denn jeder hat geheime Wünsche und stellt sich vor, wie schön es wäre, wenn so ein Sams sie ihm erfüllen könnte. Ich bekomme oft Post von Kindern, die mir ihre geheimsten Wünsche mitteilen.

Zum Beispiel?

Das sind Wünsche, die sie wohl nicht einmal ihrem Lehrer mitteilen würden und schon gar nicht ihren Eltern. Erst kürzlich bekam ich einen Brief – der Schrift nach zu urteilen von einem etwa zehn Jahre alten Mädchen: „Hallo Paul Maar! Nachts wenn ich im Bett liege, stelle ich mir vor, dass das Sams zu mir kommt. Dann weiß ich, was ich wünschen würde. Und zwar, dass Papa endlich von der doofen Frau weggeht und wieder zu uns in die Familie kommt!“

Das ist harte Kost…

Ja. In solchen Momenten habe ich das Gefühl, durch meine Bücher eine Art ferner Freund der Kinder geworden zu sein. Sie haben offenbar das Gefühl: Bei dem sind meine geheimen Wünsche in guten Händen.

Das Sams ist ein vorlautes Wesen mit Rüsselnase und blauen Punkten im Gesicht. Wenn ein schüchterner Herr mit dem Namen Taschenbier sich etwas wünscht, kann es passieren, dass ein paar Punkte aus dem Gesicht verschwinden und der Wunsch dafür in Erfüllung geht. Brauchen schüchterne Menschen vorlaute Partner, damit ihre Wünsche wahr werden?

Nun, es gab ja ein Vorbild für diese Figur, es stammt aus meiner Kindheit. Mein Vater hatte einen Handwerksbetrieb und ein Büro im Elternhaus. Dort arbeitete ein Angestellter, der die Rechnungen und Kostenvoranschläge bearbeitete. Der war genauso, wie ich Herrn Taschenbier beschrieben habe: sehr angepasst, kontaktgestört, schüchtern. Als Kind habe ich oft überlegt, wie man ihm mehr Lebensfreude schenken könnte. Als ich ihn dann später in Gestalt von Herrn Taschenbier wieder auferstehen ließ, stellte ich ihm eine Gegenfigur zur Seite, die all das verkörpert, was er nicht auszuleben wagt. Und der es dadurch gelingt, ihm mehr Mut, mehr Widerspruchsgeist, mehr Lebensfreude zu verpassen.

Das war die Zeit der Siebzigerjahre, als man Kinder zu selbstbewussten Staatbürgern erziehen wollte statt zu duckmäuserischen Untertanten. Entsprechend beliebt waren freche Kinderbuchhelden wie Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf und Karlsson vom Dach oder auch das Sams.

Der Zeitgeist spiegelt sich immer in einem Buch. Das Sams ist etwa 1968 entstanden, damals gab es die Kinderladenbewegung, man hat Wilhelm Reich gelesen und wusste viel über die antiautoritäre Erziehung.

Heute gibt es Erwachsene, die grundsätzlich gar keine Autoritäten mehr anerkennen, und die Bundeskanzlerin anpöbeln. Denken Sie da nicht manchmal: Vielleicht hätte unseren Kinderbuchfiguren damals ein Schuss Demut doch gut getan?

Nein. Für die damalige Zeit war diese Literatur exakt richtig. Wir konnten ja nicht ahnen, dass unsere Gesellschaft einmal eine solch unangenehme Entwicklung nehmen würde!

Inwieweit spiegelt sich denn die Gegenwart im neuen Sams-Buch?

Als ich mich einmal in Ost-Berlin mit Kindern unterhalten habe, stellte ich fest, dass die meisten gar nicht wussten, warum wir Weihnachten feiern. Für sie war dieses Fest so etwas Ähnliches wie Halloween und Fasching. Im neuen Buch bringt das Sams deshalb ein wenig Licht ins Dunkel. Es verhält sich wie ein syrisches Kind, das nach Deutschland kommt und sich nicht erklären kann, warum die Deutschen Tannenbäume in ihre Wohnzimmer stellen. Das Sams stellt alles infrage: Warum liegt das Jesuskind in einer schmutzigen Krippe? Warum ziehen sich die Hirten nicht wenigstens die Schuhe aus, bevor sie in den Stall kommen? Und warum bringen die Heiligen Drei Könige Weihrauch, Gold und Myrrhe – statt Milch und Haferflocken?

Wenn wir uns das Sams wegdenken, bleibt meist ein ganz gewöhnlicher Alltag übrig: mit einem gewöhnlichen Angestellten, der unter einem gewöhnlichen Chef leidet, sich in eine gewöhnliche Kollegin verliebt und gewöhnliche Weihnachten feiert. Warum ist das Gewöhnliche für Kinder so reizvoll?

Ich mache einen starken Unterschied zwischen Fantasy-Literatur und einer fantastischen Geschichte. In einem Fantasy-Roman stehen mir als Autor alle Möglichkeiten zur Verfügung. Da kann ich unter Wasser Ritter auf Drachen mit Laserschwertern kämpfen lassen. So etwas zu schreiben, traue ich mir durchaus zu, allerdings fehlt mir dafür die Lust. In einer fantastischen Geschichte dagegen gehe ich von einem real erzählten Milieu aus. Ich erzähle von diesem etwas magenkranken Herrn Taschenbier, der sich alles gefallen lässt, bis dieses fantastisches Wesen in die Geschichte kommt und alles ändert. Das gleiche Prinzip finden Sie übrigens auch in „Herr Bello und das blaue Wunder“. Da gibt es den Apotheker und alleinerziehenden Vater Sternheim, der sich danach sehnt, wieder eine Frau kennenzulernen, aber Angst davor hat, dadurch seinen Sohn traurig zu stimmen. Auch hier kommt dieser fantastische Hund und bringt alles in Bewegung.

Fantasie braucht also eine Einbindung in die Wirklichkeit?

Die Kinder erkennen darin ihre Lebenswelt wieder, ihre Familie, ihren alleinerziehenden Vater, ihr Zuhause. Dadurch kommen Sie in die Lage, sich auf eine Geschichte überhaupt einzulassen und aus ihr auch Trost zu beziehen. Sie können sich erträumen, selbst auch mal so ein Wunder zu erleben: zum Beispiel, wenn sie das nächste Mal wieder gemobbt werden oder andere Schwierigkeiten haben.

Darf ich Ihren Ausführungen entnehmen, dass Sie mit dem aktuellen Trend zur Fantasy-Literatur nicht warm werden?

Ja, das dürfen Sie. Und nein, damit werde ich nicht warm.

Das Sams reimt ununterbrochen. Für die internationale Vermarktung der Sams-Bücher ist das ein Problem: Es heißt, sie seien unübersetzbar.

Die Gedichte schaffen intelligente Übersetzer. Das Problem ist vielmehr der Anfang der ganzen Geschichte. Herr Taschenbier erlebt einen Sonntag, an dem die Sonne scheint, einen Montag, an dem Herr Mon kommt, am Dienstag hat er Dienst, am Mittwoch ist die Mitte der Woche, am Donnerstag donnert‘s, am Freitag hat er frei und am Samstag kommt das Sams. Jetzt versuchen Sie das mal auf Englisch: Am Tuesday gibt es keinen Dienst, und der Wednesday kann auch nicht mehr für die Mitte der Woche stehen.

Das leuchtet ein. Umso erstaunlicher, dass es dennoch manche Übersetzungen gibt!

Ja, unter anderem ins Arabische. Ich habe mal meinen Übersetzer gefragt, wie denn in dieser Sprache die Wochentage heißen. Er antwortete: „Erster Tag, zweiter Tag, dritter Tag…“ Ich fragte ihn daraufhin, wie er dann seinen Lesern erklärt, warum am siebten Tag das Sams kommen muss. Da sagte er: „Ich habe mit deiner Erlaubnis aus Herrn Taschenbier einen Hobbyhistoriker gemacht, der gerne in alten Büchern stöbert. Dabei findet er eine Information, wonach die Wochentage in vorislamischer Zeit andere Namen hatten.“

An diese Tücken der Übersetzung haben Sie wohl kaum gedacht, als Sie Ende der Sechzigerjahre die erste Sams-Geschichte schrieben!

Nein, in der Tat. Dann hätte ich es wohl aus der Mülltonne kommen lassen oder aus dem Fahrstuhl: Das hätte genauso funktioniert.

Für „Das Sams feiert Weihnachten“ haben Sie zum ersten Mal die Aufgabe des Illustrierens in fremde Hände gegeben. Ist es nicht seltsam, wenn Sie durch Ihr Buch blättern und plötzlich ein ganz anderes Sams auftaucht?

Es ist schon gewöhnungsbedürftig, das gebe ich zu. Der Verlag sagte mir: „Wenn wir in den Achtzigerjahren die Sams-Bücher hätten farbig illustrieren wollen, dann wäre so ein Buch deutlich teurer geworden. Heutzutage aber erwartet ein Kind, dass es in einem Kinderbuch auch farbige Bilder findet. Wir sollten deshalb das neue Sams-Buch farbig illustrieren. Haben Sie dazu Lust?“

Sie hatten keine Lust.

Als ich innerlich nachrechnete, wie lange ich allein fürs Malen am Schreibtisch sitzen müsste, sagte ich: Nein, in der Zeit schreibe ich lieber ein neues Buch! Die Kollegin Nina Dulleck hatte gerade meinen Band „Kakadu und Kukuda“ so schön farbig illustriert, da schlug ich vor, dass wir sie fragen.

Ihr Vater, der herrischen, autoritären Charakters war, hatte Ihnen einmal eine Zukunft als Straßenfeger prophezeit…

Als Kind hatte ich es nicht einfach mit ihm. Er war halt ein Handwerkermeister und wollte als solcher das Ergebnis einer Arbeit sehen. Wenn er eine Wand angestrichen hatte, konnte er sagen: Schau mal, das ist jetzt eine schöne Wand! Wenn ich aber gelesen habe, sagte er: Was ist jetzt dabei herausgekommen, außer verschwendeter Zeit? Er konnte das nicht verstehen.

Am kommenden Mittwoch werden Sie Achtzig und sind Deutschlands wohl erfolgreichster Kinderbuchautor. Wenn Sie zurückblicken: Verspüren Sie gegenüber Ihrem Vater Genugtuung?

Die hatte ich schon, als ich 1967 mein erstes Buch „Der tätowierte Hund“ veröffentlicht hatte und gleich einen Preis bekam. Da ging genau der Vater, der Lesen immer für so unbedeutend gehalten hatte, plötzlich mit dem Buch unterm Arm durch die Fußgängerzone meiner Heimatstadt Schweinfurt. Und begegnete er einem Bekannten, rief er aus: „Ach, zufällig habe ich gerade das aktuelle Buch meines Sohnes dabei. Schauen Sie mal – hat einen Preis bekommen!“

Fragen: Johannes Bruggaier

„Das Sams feiert Weihnachten“ ist im Oetinger Verlag erschienen (144 Seiten mit Illustrationen, 12,99 Euro).

Zur Person

Paul Maar, 79, ist in Unterfranken aufgewachsen. Nach einem Studium an der Stuttgarter Kunstakademie arbeitete er bis in die 1970er-Jahre als Kunsterzieher in Crailsheim und Filderstadt. Erfolg als Kinderbuch-Autor hatte er bereits mit seinen ersten Büchern, darunter das Debüt „Der tätowierte Hund“ (1967), „Der König in der Kiste“ (1971), vor allem aber „Eine Woche voller Samstage“ (1973), die erste von inzwischen neun sogenannten Sams-Geschichten. (brg)