Im Vordergrund eine hoch aufragende Geröll-Landschaft. Ihre gespenstische Entsprechung findet sie in der löchrigen Scheibe des Mondes auf flackernder Leinwand, die zum Video mit Kriegs-, Kreuz- und Kirchen-Szenen wie in einem Science-Fiction-Film die Zeit zurückdreht bis zum Jahr 40. Ein Nasa-Mitarbeiter im Overall ist in der wüsten Gegend gelandet und verkündet das Weibliche als Ursprung allen Übels und dessen Opfer als Grundlage des männlichen Christentums.

Brodelnde Weltuntergangsstimmung herrscht im Stuttgarter Schauspielhaus, wo Sebastian Baumgarten die „Salome“ nach Oscar Wildes einaktiger Tragödie von 1891 in der Bearbeitung von Einar Schleef bildgewaltig anlegt. Die Fronten sind klar verteilt: Hoch droben auf dem Geröllhügel steht der Palast des Herodes, hell erleuchtet und mit antikisierenden Elementen ausgestattet (Bühne: Thilo Reuther), als luxuriöses „Hotel King David“, das seine Schiebetüren wie ein gieriger Schlund zur von dampfendem Nebel, lauter Musik und Partylärm vibrierenden Hölle öffnet.

Stimme des Propheten

Tief drunten aber, im von einem Eisengitter verdeckten Erdloch, sitzt Johannes, der Prophet und Verkünder des Messias, den der König fürchtet, weil er ihn wegen seiner Heirat mit Herodias, der Frau seines Bruders, verurteilt. Jedes Mal, wenn die Stimme des Propheten aus der Erde schallt, erzittern Bühne und Ensemble, und dem Zuschauer jagt es ein Schaudern über den Rücken.

Nicht nur spielt Baumgarten hier effektvoll mit der Wirkung der ihm zur Verfügung stehenden akustischen und optischen Mittel. Er setzt auf den Kontrast zwischen dem von Askese bestimmten und in seinem bedingungslosen Glauben über alles erhabenen Propheten einerseits und der lasterhaften Gesellschaft andererseits, deren Positionen oben und unten einer moralischen Sichtweise gegenüber stehen.

Die Mischung aus Furcht und Faszination vor dem Überirdischen, mit der Baumgarten agieren lässt, ist großartig. Überragend verkörpert Julischka Eichel als Salome diese höllische Mixtur. Sie ist arrogante Prinzessin, geiles Party-Girl und freche Göre, ist furchtsam, fast ehrfürchtig, dann wieder verrucht, waghalsig und couragiert. Liebestoll nach den Haaren, den Lippen, dem Leib Johannes‘ lechzend, verzehrt sie sich nach ihm und verwünscht ihn mit den wildesten Flüchen, wenn er ihre Zuneigung verschmäht. Schlangenhaft umgarnt sie den Propheten, im knappen Glitzer-Kostüm wie im wallenden durchsichtigen Gewand (Kostüme: Marysol del Castillo), auf das Männer- und Frauen-Fantasien projiziert werden, rutscht den steilen Abhang zum Kerker hinunter, kriecht spinnenhaft am Boden, bäumt sich majestätisch auf. Ihre Stimme vermag alles, vom säuselnden Liebesgeflüster über das samtige Murmeln der Verführerin bis zum krächzenden Zischen der Enttäuschten.

Die Abgründe der Seele

Astrid Meyerfeldt als ihre Mutter Herodias kommt an diese Fülle der Ausdruckbildung nicht heran. Zu sehr verharrt sie auf immer gleich hohem Level in angespannter Aktion, die sich in atemloser Verausgabung äußert und kaum spielerische Varianten oder in sich gekehrte Tiefen zulässt. Dagegen teilt Thomas Wodianka als Herodes neben seiner Furcht die stille Bewunderung seiner Stieftochter für den Propheten. Ihm gelingt der Spagat zwischen dem Einfordern des Respekts des Hofstaats gegenüber seiner königlichen Würde und der Akzeptanz, dass es da etwas gibt, das größer ist als er selbst.

Anders als in den Evangelien, wo Herodias die Tochter bittet, vom König den Kopf des Täufers (Paul Grill) zu fordern, ist bei Oscar Wilde Salome selbst darauf versessen, was in Baumgartens Regie nur konsequent erscheint. Intelligent nutzt er Einar Schleefs verschärfte Fokussierung auf die Abgründe der menschlichen Seele aus und lässt die Handlung gezielt auf diesen einen Punkt zulaufen. Und wieder ist eine brillante Szene zu erleben – hier der zwischen dem Salome gegebenen Versprechen und den Skrupeln vor dem Mord an Johannes sich windende Herodes; dort die ihren Willen gnadenlos einfordernde Salome, die das Geschenk, das ihr im Waschzuber überreicht wird, gar nicht abwarten kann.

Der Mond auf der Leinwand färbt sich rot – wie zum Zeichen des Gotteszorns. Salome, die bei Baumgarten überleben darf, nimmt den Kopf des Propheten neugierig wie ein verwöhntes Kind an sich. Und wenn sie ihn sich Stück für Stück einverleibt, erst die Zunge, dann die Nase und dann den Rest, ist kaum noch auszumachen, ob Julischka Eichel sich dem Blutrausch im sündigen Jerusalem nur als Darstellerin oder in ihrer ganzen Person ergeben hat. Das ist grandios und umwerfend und ein Theater, wie man es sich vorstellt. Am Ende versinkt der Palast in der Erde und vielleicht in der Hölle. Zurück bleibt der Sternenhimmel. Und damit die Chance der Menschheit auf einen Neuanfang.

Weitere Aufführungen von "Salome" am 1., 23. und 27. Juni 2018 im Schauspielhaus Stuttgart. Weitere Informationen gibt es hier.