Seine Hände sind verschwitzt, die Knie sind weich, seine Arme so schwer. Nicht, dass man Eminem bei seinem Auftritt beim Openair Frauenfeld diese körperliche Ermattung anmerken würde. Er behauptet sie bloß: Wer kennt sie nicht, diese berühmten Zeilen aus seinem Hit „Lose yourself“, mit dem er 2003 einen Oscar für den besten Song gewann?

Die Fans wollen seine alten Songs hören

In Wahrheit dürften weiche Knie nicht mehr das Problem dieses Superstars der Rapmusik sein. Vielmehr jene seiner Fans: Nervös zitterten sie seit Monaten seinem Auftritt entgegen, die Karten für diesen Auftritt beim Festival waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft.

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Eminem, immer noch der weiße Junge wie eh und je, präsentiert sich dagegen völlig unaufgeregt. 20 Jahre an der Spitze der Rapkultur: Da weiß man, was das Publikum hören möchte. Und das sind besonders die alten Lieder wie „Lose yourself“ oder „The Way I Am“ statt die seines neuen Albums „Revival“ – damit erlebt er zwar eine Wiederauferstehung, kann aber nicht an den alten Glanz anknüpfen. 

Eminem inszeniert sich als Gigant. Ein Video zeigt ihn übergroß, wie er in Godzilla-Manier durch eine Großstadt wankt. Möchte er die hohen Häuser seiner Vergangenheit, die er mit ikonischen Titeln wie „The Real Slim Shady“ geschaffen hat, einreißen und etwas Neues schaffen? Oder die Kritik vernichten, die besonders in den vergangenen Monaten und Jahren laut geworden ist?

Eminem war nie einfach

Man weiß es nicht. Eminem war nie einfach, schon durch seine Hautfarbe nicht: Marshall Mathers, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, ist weiß und hat die bis dahin von Schwarzen geprägte Rapszene aufgemischt.

Er hat beleidigt und verbal um sich geschlagen, hat seiner Exfrau den Tod gewünscht und Worte in den Raum geschleudert mit der Geschwindigkeit eines Maschinengewehrs. Das tut er bis heute mit bis zu 6,7 Worten pro Sekunde – Rekord, was sonst.

Der Erfolg gibt ihm Recht

Nicht nur was das Geburtsdatum in seinem Ausweis angeht, ist Eminem erwachsen geworden. In Frauenfeld steht er – 45 Jahre alt – in Jogginghose und Kapuzenpullover auf der Bühne. Statt einer schmalen Schattengestalt wie früher (entsprechend heißt sein Alter Ego „Slim Shady“) sehen wir nun aber einen bärtigen Mann, der sich in seinen Texten auch mal für die Eskapaden der Vergangenheit entschuldigt.

Bild: JEREMY DEPUTAT

Bei seiner Tochter zum Beispiel oder auch bei seiner Exfrau. Rekordverdächtig ist er weiterhin: Dass sich die Fans um Karten zu seinem Auftritt geradezu prügelten, ist Beweis dafür, dass Eminem nicht viel auf die Kritik geben muss, die angesichts eines zusammengeschusterten Neuwerks mit zu vielen Partnern aus der Popmusik erklingt.

König des Hip-Hop

Es gibt viele Königliche in der Musikszene: Michael Jackson als King und Madonna als Queen of Pop. Wenn es einen König des Hip-Hop gibt, dann ist das Marshall Mathers alias Eminem. So sagt es das Rolling Stone Magazin im Jahr 2011, so sagen es seine Fans schon viel länger und so schildert er es in seinem Song „Rap God“. Mit Worten wie „Ich beginne, mich wie ein Rapgott zu fühlen, all meine Fans von der ersten bis zur letzten Reihe nicken“ beschreibt er, was auch beim Frauenfeld zu sehen ist: 50.000 Menschen wippen mit den Armen, rufen fast jede Zeile in die Sommernacht und nicken mit den Köpfen zu „Without me“.

Doch zwischendurch scheint Eminem sich selbst nicht mehr sicher: „Glaubt ihr noch an mich?“, fragt er in „Believe“ vom neuen Album „Revival“, das im Dezember erschienen ist. Kritiker sehen das Neuwerk mit gemischten Gefühlen. Und die Verkaufszahlen sind zwar gut, aber nicht so gut wie bisher. Von den US-Amerikanern griffen in der ersten Woche knapp 200.000 zum neuen Album, vier Jahre zuvor waren es bei „Marshall Mathers LP 2“ noch fast viermal so viele.

Acht Stunden warten auf den Rap-Gott

Die Antwort beim Openair Frauenfeld lautet: Ja, wir glauben an dich, hören aber lieber deine alten Songs. „Es ist anders“, sagt etwa Leon Zeh über das neue Album. Ob das besser oder schlechter sei? Der 19 Jahre alte Fan aus Weil am Rhein zuckt mit den Schultern. „Weder noch.“ Und doch wartet er besonders auf die älteren Titel – „Lose yourself“ dürfe nicht fehlen.

Um das aus nächster Nähe zu erleben, hat er mit seinem Freund Alexej Ott bereits knapp acht Stunden vor Eminems Auftritt in der ersten Reihe gestanden. Im vergangenen Jahr sind die beiden bereits ins englische Leeds gereist, wo Eminem eines seiner seltenen Konzerte gab. Warum? Weil sein erstes Album bereits von Eminem stammte, erzählt Ott. Er habe den Rapper schon immer einmal live sehen wollen. 

Acht Stunden haben sie auf Eminem gewartet: Leon Zeh (links) und Alexej Ott. Bilder: Isabell Arndt, Jeremy Deputat/@jeremydeputa
Acht Stunden haben sie auf Eminem gewartet: Leon Zeh (links) und Alexej Ott. Bilder: Isabell Arndt, Jeremy Deputat/@jeremydeputa | Bild: Arndt, Isabelle

Den treuen Fans widmet Eminem den Song „Not afraid“ – die Ermunterung, keine Angst zu haben, wird zu einer Hymne. Der Rapper grinst über das bärtige Gesicht, als er fragt, wie viele ihn seit dem ersten Tag begleiten, und die vielen Arme sieht, die sich daraufhin heben. Ein seltener Moment der deutlichen Regung bei dem Star, der sich nur von einem ausgewählten Fotografen ablichten lässt statt von der versammelten Presse, und lieber die Breite der Bühne nutzt, als das Bad in der Menge zu suchen.

Das einzige Deutschlandkonzert war nach wenigen Minuten ausverkauft

Beim Openair Frauenfeld sucht er die Nähe anderer Musikern: Seinem guten Freund 50Cent, der vor einem Jahr auf der gleichen Bühne stand, gratuliert er mit dem Publikum zum Geburtstag, und mit Skylar Grey zeigt er „Stan“ oder „Walk on Water“, wo sonst Dido und Beyoncé erklingen. Der Rapper, der in der Vergangenheit mit Partnerinnen wie Rihanna bei „Monster“ radiotauglich wurde, hat sich auch für das Album „Revival“ bewährte Stimmen eingeladen wie Ed Sheeran („River“) – und kümmert sich offensichtlich nicht, wenn er dafür Kritik erntet. „River“ erklingt an diesem Abend ebenso wie „Toy Soldier“.

Und so ist er zwar alt geworden, die schmale Schattengestalt von einst. Doch seines Status als Rapgott kann er sich sicher sein. In den nächsten Wochen wird Eminem wieder und wieder ein Revival feiern. Am Dienstag ist er in Hannover zu sehen, das einzige Deutschlandkonzert war nach wenigen Minuten ausverkauft – rekordverdächtig, was sonst.

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