Auf der Plattenhülle ihres vierten Albums "Deep Purple In Rock" (1970) sieht man die Köpfe der Deep-Purple-Bandmitglieder, überlebensgroß in den Fels gehauen, ganz so wie beim weltberühmten Mount-Rushmore-Monument, das aus den riesigen Porträts der vier US-Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln besteht. Das damals leicht anmaßend erscheinende Bild gewann im Laufe der Jahrzehnte immer mehr an Glaubwürdigkeit – ohne die Pionierarbeit der Gruppe, die sich 1968 im nahe London gelegenen Hertford formiert hatte, würde es das heutige Heavy-Metal-Subgenre vermutlich überhaupt nicht geben. Und "Deep Purple In Rock" war damals, vor einem knappen halben Jahrhundert, der phänomenale Durchbruch der Band. Im Folgenden verkaufte sie weltweit über 100 Millionen LPs, CDs und bespielte Kassetten und machte mit spektakulären Monster-Tourneen von sich reden. Das Prunkstück des Albums, die über zehnminütige Ballade "Child In Time", zählt heute unbestritten zu den größten Rock-Songs, die jemals geschrieben wurden – vergleichbar mit Led Zeppelins "Stairway To Heaven" und "Satisfaction" von den Rolling Stones.

"Child In Time" hat die Band schon lange nicht mehr im Live-Programm – Sänger Ian Gillan (der 1969 Gründungs-Frontmann Rod Evans ersetzte) trifft die ganz hohen Töne nicht mehr; kein Wunder, ist der Mann doch mittlerweile 71. Dennoch ist er für sein Alter noch erstaunlich gut bei Stimme – nachzuhören auf dem vor ein paar Tagen erschienenen 20. Album der Band: "Infinite". Fast so wie in alten Tagen röhrt Gillan beispielsweise auf "Time For Bedlam", dem Eröffnungstrack der CD; und auch seine Mitstreiter legen sich noch einmal ins Zeug, als gelte es, den Preis für die beste britische Nachwuchsband des Jahres 2017 zu gewinnen. Das Feuer ist noch da, keine Frage – ein keineswegs überraschender Umstand für all diejenigen, die das Vergnügen hatten, die Hard-Rock-Veteranen in den vergangenen Jahren live zu erleben. Im Sommer 2008 etwa sprangen sie beim Konstanzer "Rock am See"-Festival kurzfristig für die Musiker von Oasis ein, die sich am Abend zuvor heillos zerstritten hatten, rockten das Bodenseestadion wie der Teufel und erwarben sich mit diesem furiosen Auftritt Respekt auch bei einer Fan-Generation, die Deep-Purple-Musik bisher allenfalls via Schallplatten-Kollektion der Eltern kannte.

Die geradezu infantile Lust am Krach, die Ian Gillan und seine Mitstreiter Steve Morse (Gitarre), Roger Glover (Bass), Don Airey (Keyboards) und Ian Paice (Drums) auch heute noch so ungeniert zelebrieren – auch und gerade auf "Infinite", etwa in "Hip Boots" oder in "Get Me Outta Here" – wäre jedoch in all den Jahrzehnten nicht so unverschämt erfolgreich gewesen, hätten die Musiker nicht auch ein Händchen für griffige, einprägsame Melodien gehabt. Die zweite, erst vor Kurzem aus dem neuen Album ausgekoppelte Single, der Song "All I Got Is You", steht ganz in dieser Tradition: Guttural, fast festlich dröhnt Don Aireys Orgel, für feine Gitarrenlicks sorgt Steve Morse, und Paice und Glover – wohl eines der routiniertesten Rhythmus-Duos in der gesamten Rock-Szene – untermauern Gillans Gesang, der, wie schon erwähnt, in all den Jahren vergleichsweise wenig von seiner Stimmkraft verloren hat. Insbesondere Morse, mit 62 Jahren der Youngster der Band und lange Zeit von nicht wenigen Purple-Fans der ersten Stunde nicht so richtig akzeptiert, hat sich mittlerweile doch noch aus dem Schatten des großen Ritchie Blackmore (der von 1968 bis 1975 und von 1984 bis 1993 Deep-Purple-Leadgitarrist war) gelöst. So lässig und so befreit wie auf "Infinite" klang er bisher noch auf keinem Purple-Album, und die fast schon sklavischen Imitationen des Stils seines berühmten Vorgängers, zu denen er sich von Zeit zu Zeit hinreißen ließ, verkneift er sich heute glücklicherweise völlig.

Genial sein Intro zu "The Surprising" – noch so ein "Infinite"-Song, der schwer wieder aus den Gehörgängen zu kriegen ist, und das trotz diverser hin und wieder überkandidelter Synthesizer-Spielereien Don Aireys, die ziemlich Purple-untypisch eher Assoziationen an den pompösen 70er-Jahre-Prog-Rock à la Yes und Emerson, Lake & Palmer wecken als an "Smoke On The Water" oder "Highway Star". Überhaupt dominiert Airey den aktuellen Purple-Sound so deutlich wie seit den klassizistisch geprägten Anfängen der Band in den Jahren 1968 und 1969 nicht mehr – seit der Zeit, als sein 2002 aus der Band ausgestiegener und 2012 verstorbener Vorgänger Jon Lord mit Kompositionen wie "April" und "Concerto For Group And Orchestra" als De-facto-Chef von Deep Purple fungierte.

Nur den "Roadhouse Blues", ein Doors-Cover und der letzte Track des neuen Albums – den hätten sich die alten Herren sparen können. In keiner einzigen Sekunde kommen sie hier dem Original qualitätsmäßig auch nur entfernt nahe, und auch stilistisch passt der Song absolut nicht zum "Infinite"-Gesamteindruck. Aber schwamm drüber – da wollten sich die Hard Rock-Veteranen wohl einfach einmal einen Spaß erlauben. Es sei ihnen gegönnt.

"Black Night" – live in Hamburg (1970):

Einer der größten Rock-Songs aller Zeiten – "Child In Time" (1970):

Einer der größten Hits von Deep Purple – "Smoke On The Water" (1972):

Etwas Ruhiges für zwischendurch – "April" (1972):

"All I Got Is You" aus dem aktuellen Album "Infinite" (2017):

Auch neu – "Time For Bedlam":