Dem österreichischen Schriftsteller Robert Menasse ist ein Missgeschick unterlaufen – oder wie soll man das nennen: Betrug? Er hat in seinem Roman „Die Hauptstadt“ (2017), der in Brüssel spielt, in Essays und Interviews dem Europapolitiker Walter Hallstein Sätze in den Mund gelegt, die nachweislich erfunden sind. So soll Hallstein, der 1958 der erste Präsident der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wurde, gesagt haben: „Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee.“

Zuerst verbreitete Menasse, der als Befürworter eines vereinten Europas auftritt, den Satz 2013 in zwei Essays, die er mit Ulrike Guérot schrieb, einer Professorin für Europapolitik in Krems. Doch damit nicht genug. Menasse schrieb Hallstein weitere Sätze zu, die dieser nie gesagt hatte: „Das Ziel des europäischen Einigungsprozesses ist die Überwindung der Nationalstaaten.“ Und: „Ziel ist und bleibt die Überwindung der Nation und die Organisation eines nachnationalen Europa.“ Die angeblichen Zitate finden sich in Vorträgen, die Menasse im Jahr 2017 hielt. Darin behauptet der 64-Jährige auch, Hallstein habe seine Antrittsrede als EWG-Präsident in Auschwitz gehalten, was nicht der Wahrheit entspricht.

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Der Historiker Heinrich August Winkler hatte im gleichen Jahr im Magazin „Spiegel“ die Authentizität der Zitate bezweifelt: „Falls Guérot und Menasse sich auf Quellen stützen können, die der bisherigen Forschung nicht bekannt waren, sollten sie diese nennen.“ Eine Antwort blieb aus.

Winkler führte ergänzend aus, warum Hallstein durch die falschen Zitate nicht angemessen dargestellt wird. Die Abschaffung der Nationalstaaten, die Menasse als Bedingung von Europas Einheit sieht, habe nie in der Absicht des Politikers gelegen. Zu den Besonderheiten unseres Kontinents gehöre die Vielfalt, so Winkler. „Wer die Nationen und die Nationalstaaten abschaffen will, zerstört Europa und fördert den Nationalismus. Menasse und seine Mitstreiter befinden sich auf einem Holzweg.“

Frei erfundene Zitate

Winklers Zwischenruf blieb unbeachtet. Das änderte sich im Dezember. Ein Redakteur der Zeitung „Die Welt“ hatte ein angebliches Hallstein-Zitat ungeprüft übernommen. Winkler fragte nach der Quelle und Menasse räumte daraufhin ein, die Zitate erfunden zu haben. Nachdem andere Medien über den Fall berichteten, reagierte der Schriftsteller und entschuldigte sich. Die Anführungszeichen seien ein Fehler gewesen, gab er zu.

Die Kritik an seinem lockeren Umgang mit Zitaten bezeichnete Menasse als „künstliche Aufregung“. Guérot nahm ebenfalls zu den Vorwürfen Stellung. Sie habe Teile zu den Artikeln beigetragen, aber die von Menasse beigesteuerten Zitate nicht überprüft. Im Nachhinein sei es dumm gewesen, das nicht zu tun.

Die Debatte geht weiter

Damit ist die Debatte nicht vorbei, die vor dem Hintergrund der Affäre um den „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius, der Reportagen erfunden hat, besondere Brisanz entwickelt. Dennoch wird Menasse am 18. Januar 2019 die Carl-Zuckmayer-Medaille erhalten. Der Preis wird von der Landesregierung Rheinland-Pfalz vergeben, und für kurze Zeit wurde diskutiert, ob es bei dem Preisträger bleibt. Gestern gab die Staatskanzlei in Mainz bekannt, Menasse werde die Medaille für sein „engagiertes Streiten für die europäische Idee“ auf jeden Fall erhalten.