Dieser Duft nach frischem Popcorn! Keine Erinnerung, wann die Spiegelhalle ihr Publikum je so geruchsintensiv empfangen hätte. Vielleicht haben sie vor der Premiere ausprobiert, ob die Popcornmaschine auch wirklich funktioniert. Sie hat.

Heruntergekommener Jahrmarkt

Sie ist Teil einer etwas heruntergekommenen Jahrmarktskulisse, im Zentrum ein Karussell, das schon bessere Zeiten gesehen hat, aber gerade deshalb den Charme einer Art außerterritorialen Zwanglosigkeit versprüht (Ausstattung von Marie Labsch). Hier kann man ausprobieren, etwas wagen und schauen, was dabei herauskommt. Wie in „King A“, der „Ode an jedes Ritterherz“ von Inèz Derksen.

Sage von König Artus

Dem Jugendstück zugrunde liegt die Sage von König Artus, dem heiligen Gral und der Tafelrunde. Letzteres quasi der Prototyp unseres runden Tischs. Und schon ist man in der Jetztzeit. Inèz Derksen hat mit klarem Blick gesehen, was Artus und die Idee vom Ritterorden mit heute zu tun hat.

Bild: Bjørn Jansen

Zuerst einmal geht es um Verantwortung und darum, dass man sich an dieser leicht verheben kann. Artus weiß das, deshalb muss er ausgetrickst werden, damit er das Schwert aus dem Stein zieht und somit König wird. Vielmehr: aus der Popcornmaschine. Arlen Konietz beeindruckt mit seiner langen hinten zusammengebundenen Haarpracht. Zum Kämpfen zwar unpraktisch, dafür aber ein schöner Held.

Präpotente Führungspersönlichkeiten

Eine angenehme Vorstellung in Zeiten der Huldigung präpotenter sogenannter Führungspersönlichkeiten: einer, der nicht Chef sein will. Artus hat Angst, dem Job nicht gewachsen zu sein. Arlen Konietz zeigt, wie einer daherkommt, der Zweifel hat und trotzdem stark ist. Eben weil er zweifelt.

Bildunterschrift
Bildunterschrift | Bild: Bjørn Jansen

Sich das anzuschauen könnte sich auch für Menschen lohnen, die weit über die acht Lenze zählen, die das Theater als Mindestalter empfiehlt. Dass sein Bruder Kai das Gegenteil davon ist, Taten sehen möchte, anstatt zu reden, bis ein Konsens zustande gekommen ist, gehört dazu. Axel Julius Fündeling spielt diesen Typen frisch und fröhlich, nicht als Fiesling. Das Potenzial, alles in die Luft fliegen zu lassen, ist ihm trotzdem anzumerken.

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Fieslinge gibt es in der Inszenierung von Ingo Putz nicht. Es sind eher Typen, Figuren, Menschen, die mitmischen, wenn es darum geht, auszuhandeln, wie wir leben möchten. Da es sich um eine Sage handelt, darf auch einer wie der Zauberer Merlin dabei sein, der den Edelleuten am Hof den Zungenschlag einfrieren lässt.

Guter Geist

Georg Melich mit dicker Zopffrisur ist ein bisschen der gute Geist, der ein schalkhaftes Auge auf die Menschen hat. Großartige Idee, wie in der Spiegelhalle die Hofschranzen der Macht, diese Lobbyisten des gesellschaftlichen Ist-Zustandes, dahocken. Mit ihren sehr hohen spitzen Hüten, unter denen ihre menschliche Zwergenhaftigkeit gen Himmel wächst. Klasse Szene für Antonia Jungwirth, Axel Fündeling und Peter Posniak. Und natürlich für das Publikum.

Am runden Tisch

Peter Posniak spielt vor allem den Lanzelot, den Freund von Artus, das Mitglied des runden Tisches, an dem alle die gleiche Stimme haben, an dem ausgehandelt und am Ende abgestimmt wird. Das passt wie im richtigen Leben nicht allen. Kai ist das zu enervierend, vor allem, wenn er in der Abstimmung unterliegt. Das nagt an ihm.

Auf zum Drachenjagen

Damit es nicht zum Gemeinschaftskundeunterricht wird, geht’s im Stück dann auch mal zum Drachenjagen. Es wird dann richtig schön kindisch mit diesem luftgefüllten Dino. Ingo Putz nutzt solche Gelegenheiten, um immer mal wieder aus dem Spiel auszusteigen und diese spielerische Versuchsanordnung sichtbar zu machen. Das Stück selbst gibt die Rahmenhandlung vor: Schauspieler probieren aus, was Rittertum sein kann.

Im Einsatz für die Gemeinschaft

Artus, der moderne Ritter also, der sich für die Gemeinschaft einsetzt. Was heißt modern – das war eigentlich schon die Idee der Artus-Sage aus dem Mittelalter. Verantwortung ist das eine große Thema, das die Zeiten überdauert, Liebe und Treue das andere. Antonia Jungwirth ist das Mädchen in der Gang, die beweisen möchte, dass sie nicht weniger drauf hat als die Jungs. Die Schauspielerin geht das sehr entspannt an, auch wie sie Artus klarmacht, dass ein König eine Königin braucht. „Ich würd‘s machen.“

Keine Gefühligkeit

Die Inszenierung setzt das Konzept des Ausprobierens konsequent um, weshalb es auch nicht gefühlig oder tragisch wird, als sich der Mädchenritter noch vor der Königshochzeit in Lanzelot, den besten Freund ihres künftigen Gatten, verliebt. Soll vorkommen.

Zwischen Liebe und Verliebtheit

Richtig gut ist, wie differenziert diese Episode im Stück verhandelt wird, wie Arlen Konitz, der den Schauspieler spielt, der den König gibt, hier beide Rollen zusammenführt, wie man merkt, dass hier einer in vollster Übereinstimmung mit sich selbst handelt, indem er zu verzeihen wagt. Wie hier auch zwischen Liebe und Verliebtsein unterschieden wird, wie menschliche Konstanten klar zutage treten. Es geht ums Ganze, darum, wie das Utopie-Experiment endet.

Klug und witzig

Der Vorteil einer solchen Versuchsanordnung ist immerhin, dass die Möglichkeit besteht, noch einmal von vorne zu beginnen. Das Premierenpublikum zeigte sich höchst angetan von dieser sehr klugen und witzigen Produktion des Jungen Theaters.

Weitere Abendvorstellungen am 8., 16., 17. und 20. März. Karten unter Tel. 07531 900150 oderhttp://theaterkasse@konstanz.de