Wenn sich ältere Erwachsene an verstörende Fernseherlebnisse aus ihrer Kindheit erinnern, geht es meist um einen spannenden „Tatort“, ein realistisch geschildertes Verbrechen in „Aktenzeichen XY“ oder einen heimlich geschauten Horrorfilm. Heutzutage klingt das angesichts von Sex und Gewalt im Internet beinahe rührend, aber bis zur Einführung des Videoverleihs in den Achtzigern war das Fernsehen die einzige Möglichkeit, einen Blick auf verbotene Bewegtbilder zu erhaschen. Das Kino war dagegen schon immer konsequent reguliert: Wer für einen Film offenkundig nicht alt genug ist, hat keinen Zutritt.

Seit 70 Jahren FSK

Für die entsprechenden Freigaben sorgt seit 70 Jahren die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in Wiesbaden. Bei einer Kinoproduktion schauen sich fünf Prüfer gemeinsam einen Film an. Wenn die Handlung keine jugendschutzrelevanten Themen enthält, ist man sich rasch einig, bei strittigen Produktionen wird diskutiert. Kann sich die Runde nicht einigen – ab 6 oder ab 12 Jahren, ab 12 oder ab 16? –, wird die jeweils strengere Variante gewählt.

Natürlich gab es immer wieder mal strittige Fälle. Die Freigabe von Til Schweigers Beziehungskomödie „Keinohrhasen“ (2007) ab 6 Jahren stieß angesichts der teilweise sexgeprägten Dialoge auf Unverständnis bei vielen Eltern. „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ (2002) sollte dagegen erst ab 12 freigegeben werden, was garantiert zu Dramen an der Kinokasse geführt hätte; der Verleih kürzte daraufhin einige der spannendsten Szenen.

Szene aus „Zur Sache Schätzchen“, 1968: Wie viel nackte Haut und anzügliche Sprüche sind zu tolerieren?
Szene aus „Zur Sache Schätzchen“, 1968: Wie viel nackte Haut und anzügliche Sprüche sind zu tolerieren? | Bild: Brix

Im Großen und Ganzen hat sich das Verfahren bewährt. Trotzdem wird die Prüfpraxis im kommenden Jahr radikal geändert: Die FSK entwickelt derzeit laut Geschäftsführer Stefan Linz „ein kriterienbasiertes Klassifizierungs-Tool, das die Prüfverfahren vereinfachen und beschleunigen soll“. Dieses Tool bestehe „aus einem dynamischen Web-basierten Fragebogen mit Fragen zu allen jugendschutzrelevanten Sachverhalten.“ Bei einem linearen filmischen Inhalt seien die Antworten vollständig überprüfbar. Für die Prüfer nicht sichtbar ist jede Antwortoption mit einer sogenannten Beurteilungslogik verknüpft. Die Kompetenz der Prüfer ist nicht mehr gefragt. Sie werden zu reinen Erfüllungsgehilfen der Algorithmen.

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Der Fragebogen ist in verschiedene Kategorien eingeteilt. Neben der Darstellung von Gewalt und Sexualität oder der Thematisierung von Drogenkonsum werden auch weniger offenkundige Aspekte des Jugendschutzes berücksichtigt, zum Beispiel selbstverletzendes Verhalten oder Suizid. Wird eine der Kategorien nicht tangiert, fallen die zugehörigen Unterfragen weg. Wird eine Einstiegsfrage dagegen mit „Ja“ beantwortet, folgen detaillierte Fragen zu dieser Kategorie. Linz erläutert dies am Beispiel Drogenkonsum: „Der Nutzer muss zunächst angeben, ob der Konsum bildlich dargestellt oder ‚nur‘ thematisiert wird. Dann folgen weitere Fragen zu verschiedenen Details: Handelt es sich um harte oder weiche Drogen, sind Minderjährige involviert, wird der Konsum kritisch darstellt?“ Dank exakter Definitionen habe der Prüfer praktisch keinen Interpretationsspielraum, was wiederum Voraussetzung dafür sei, „dass unterschiedliche Nutzer zu identischen Ergebnissen kommen.“

Skepsis bei Jugendschützern

Jugendschützer sind skeptisch. Die Kritik basiert auf den Erfahrungen des niederländischen FSK-Pendants Nicam, das ein vergleichbares Freigabesystem schon vor geraumer Zeit eingeführt hat. Dort habe es zehn Jahre gedauert, bis das System tatsächlich praktikabel gewesen sei. Neutrale Tests hätten ergeben, dass die Übereinstimmungen mit den Freigabeentscheidungen eines Prüfausschusses bei 85 Prozent lägen.

Die Mitglieder des Prüfausschusses bei ihrer Arbeit: Rund 2 000 Langfilme werden jährlich geprüft.
Die Mitglieder des Prüfausschusses bei ihrer Arbeit: Rund 2 000 Langfilme werden jährlich geprüft. | Bild: Frank Rumpenhorst

Ähnliche Zahlen werden auch für das neue FSK-Modell erwartet. Die restlichen 15 Prozent seien der „Knackpunkt“, sagt ein erfahrener Jugendmedienschützer: „Die meisten Entscheidungen der FSK sind einstimmig, aber entscheidend sind die strittigen Fälle.“ Freigaben, die auf Algorithmen basierten, fielen erfahrungsgemäß strenger aus, „weil in den standardisierten Codierungsbögen der jeweilige Handlungskontext nicht berücksichtigt werden kann.“ Außerdem sei es schwer, Feinheiten zu objektivieren: „Gewalt ist ja nicht immer gleich Gewalt, es gibt Unterschiede in der Intensität und in der Drastik der Darstellung.“ Auch darauf hat Linz eine Antwort: In strittigen Fällen werde es wie bisher die Möglichkeit geben, in Berufung zu gehen; dann befasst sich ein Prüfausschuss mit dem Inhalt.

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Trotzdem sehen Jugendmedienschützer ihr Metier gerade angesichts des scheinbar rechtsfreien Internets am Scheideweg. Wolle die Branche nicht vollends an Glaubwürdigkeit verlieren, heißt es, müsse sie sich viel stärker an den Bedürfnissen der Verbraucher orientieren. Die FSK-Freigaben stellen ja keine Altersempfehlung dar. Eine sinnvolle Ergänzung wäre zum Beispiel eine nutzerfreundliche Grafik, die Eltern auf einen Blick vermittelt, für welches Alter ein Film geeignet ist.