Es wird Zeit, unserer Kanzlerin Abbitte zu leisten. Gemeint ist ihre Redewendung, wonach manche politischen Entscheidungen „alternativlos“ seien. Wir haben sie dafür viel kritisiert, den Begriff sogar zum „Unwort des Jahres 2010“ gewählt. Eine Bundeskanzlerin, so lautete die verbreitete Ansicht, müsste doch mehrere Handlungsoptionen zur Auswahl haben, statt nur reflexhaft auf ökonomische Entwicklungen zu reagieren!

Verzweifelte Versuche

Heute können wir viele Regierungschefs beim verzweifelten Versuch beobachten, solche „Alternativen“ in Realpolitik umzusetzen. Großbritanniens Premierministerin Theresa May etwa, die ihrem Volk womöglich bald erklären muss, dass eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union doch alternativlos ist. Oder Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte, der seine versprochenen sozialen Wohltaten wohl ebenso wenig umsetzen kann wie einst Griechenlands linker Wahlkämpfer Alexis Tsipras.

Die scheinbar Mächtigen sind in Wahrheit Getriebene. Und sie waren das schon immer, sogar in einem der ältesten Dramentexte der Menschheitsgeschichte: der „Orestie“ von Aischylos, uraufgeführt 458 vor Christus in Athen.

Ein König opfert seine Tochter

Man kennt dieses Stück als Dokument der menschlichen Hybris. Ein König, der seine Tochter den Göttern opfert, bloß um günstigen Wind für die Überfahrt nach Troja zu bekommen. Und der später von der eigenen Ehefrau umgebracht wird, nur weil diese schon einen anderen hat. Und schließlich ein gemeinsamer Sohn, der glaubt, sich als Vaterrächer aufspielen zu müssen, indem er auch noch die Mutter tötet: drei Morde aus Willkür und Selbstsucht.

Am Stuttgarter Schauspielhaus hat nun der britische Regisseur Robert Icke das Stück neu interpretiert. Und siehe da: Statt tyrannischer Egomanen sehen wir ganz normale Menschen.

Agamemnon beim Abendbrot

König Agamemnon (Matthias Leja) etwa nimmt als fürsorglicher Papa am Abendbrot teil. Vor der schicken Glasschiebetür des Wohnzimmers (Bühne: Hildegard Bechtler) ist der Tisch bereits gedeckt. Ehefrau Klytämnestra (Sylvana Krappatsch) hat ein Wildgericht zubereitet. Die kleine Iphigenie und der kleine Orest sitzen schon brav auf ihren Stühlen, nur die pubertierende Elektra (Anne-Marie Lux) kommt mal wieder zu spät: Familienalltag eines Spitzenpolitikers. Wie kann so einer seine Tochter umbringen?

Nichts für schwache Nerven

Die Antwort zeichnet sich wenig später ab. Da bitten nämlich die Kabinettsmitglieder Menelaos (Michael Stiller) und Talthybios (Felix Strobel) zu einer dringenden Unterredung. Es geht um den Konflikt mit Troja: Der Feind bereite schon einen Angriff vor. Wenn man ihm den Erstschlag überlasse, drohe eine Niederlage.

Die Gutachten der Experten, heißt es, seien eindeutig: Mit dem Opfer nur eines einzigen Menschenlebens ließen sich Millionen andere retten. Kein König dieser Welt würde dieses Angebot ausschlagen. Es sei denn, bei dem geforderten Preis handelt es sich ums eigene Kind: die kleine Iphigenie, Agamemnons Tochter.

Perfide Argumente

Die Argumente sind so perfide wie bestechend. Iphigenie, heißt es, sei doch ohnehin verloren. Wenn nicht als Opfer für den Sieg, dann als gefangene Königstochter. Und wie wolle Agamemnon den Eltern aller anderen versklavten oder getöteten Kinder gegenübertreten: als König, der nicht bereit war, ihr Leid auf seine eigenen Schultern zu nehmen?

Nein, dieser Herrscher herrscht nicht. Er wird beherrscht: von Entscheidungszwängen, die nur scheinbar Alternativen bieten. Er habe als Kind immer die mutigen Entscheider bewundert, sagt Agamemnon. Heute wisse er: „Da ist nichts Heroisches an der Macht. Man schließt nur Kompromisse!“

Auch Klytämnestra macht es sich keineswegs so leicht, wie die klassische Lektüre es nahelegt. Bei Robert Icke wächst sie über sich hinaus, hält weiter zu ihrem Mann. Mit dem Mörder des eigenen Kindes zusammenleben: Was für ein Wahnsinn!

Rückkehr als Kriegsversehrter

Doch dann kehrt aus Troja ein Kriegsversehrter zurück. Einer, der im Blitzlichtgewitter der Journalisten ängstlich zusammenzuckt, weil er an Granateneinschläge denkt. Im Gepäck hat er ein Mädchen, so traumatisiert wie er selbst: nur Gefangene oder auch Kurtisane?

Sie habe von Anfang an seine Ermordung geplant, sagt Klytämnestra, als sie nach vollbrachter Tat Agamemnons Leiche aus dem Badezimmer zieht. Ihre Bereitschaft zur Forsetzung der Ehe sei nur gespielt gewesen. Doch das klingt wie eine nachträgliche Rechtfertigung.

Schockierende Brutalität

Es ist ein fast vier Stunden währender Krimi, den Robert Icke erzählt: logisch schlüssig, ästhetisch packend, in seiner Brutalität schockierend. Als die kleine Iphigenie den Giftcocktail trinkt, wird im Publikum entsetztes Stöhnen laut, manche verlassen türenschlagend den Raum. Für schwache Nerven ist das nichts. Aber großes Theater.

Sylvana Krappatsch zeigt eine Klytämnestra, die sich zwischen ihren Rollen als Staatsfrau, Ehepartnerin und Mutter zerreißt. Matthias Leja gibt einen Herrscher, der sich mit jedem neuen Entscheidungszwang weiter selbst entfremdet. Und Orest (Peer Oscar Musinowski)?

In Stuttgart wohnen wir ihm in einer Parallelhandlung bei, wie er vor seiner Psychotherapeutin (Marietta Meguid) den ganzen Horror seiner Familiengeschichte aufrollt. Warum er seine Mutter tötete: Er kann es selbst nicht mehr erklären. Seine Schwester Elektra habe ihn angestiftet, sagt er. Doch deren Existenz entpuppt sich als Einbildung. Moralische Zwangslagen entstehen nicht nur in der Politik – sondern manchmal auch im eigenen Kopf.

Kommende Vorstellungen: 25. November sowie am 1., 8., und 22. Dezember. Weitere Informationen: http://www.schauspielstuttgart.de

Drei Fragen an Matthias Leja


Matthias Leja, Ensemblemitglied am Schauspiel Stuttgart, spielt in Robert Ickes Neubearbeitung der Orestie Agamemnon und Ägisth.

Was ging Ihnen bei der Lektüre durch den Kopf?

Meine Zivildienstverhandlung 1980 vor dem Kreiswehrersatzgericht und die Gewissensfrage / Hans Martin Schleyer, den Helmut Schmidt für die BRD geopfert hat / Camus‘ „Die Pest“: Was ist das für ein Gott?

Warum sollen wir reingehen?

Robert Icke ist eine moderne Adaption gelungen – sowohl hinsichtlich des Texts als auch in der ästhetischen Umsetzung. Seine Orestie lässt uns so über eigentlich uralte Themen neu nachdenken: Darf ich überhaupt töten und wenn ja, ist ein Mord dadurch zu rechtfertigen, dass er einem übergeordneten Wohl, also dem der Gesellschaft dient?

Der stärkste Satz des Abends?

Wann haben wir festgelegt, dass sich das Richtige auch immer richtig anfühlen muss?

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