Gut, böse Zungen werden argumentieren, das seien ja gar nicht Foreigner gewesen an diesem Abend in Salem – ist doch schließlich nur Leadgitarrist Mick Jones von der Urbesetzung übrig geblieben. Es handle sich also im Grunde genommen um einen krassen Fall von Etikettenschwindel. Aber erstens trifft dies auch für etliche andere Rockgruppen zu, ohne dass musikalische Qualitätseinbußen zu beobachten sind – bei Uriah Heep etwa ist ebenfalls Gitarrist Mick Box das letzte verbliebene Gründungsmitglied – und zweitens: Na und? Das Einzige, was zählt, ist unter Live-Bedingungen doch schließlich die Bühnenpräsenz – und daran gemessen war das Konzert auf dem Salemer Schloßplatz durchaus geeignet, auch eingefleischte Foreigner-Abstinenzler zu Fans zu konvertieren.

In ihren Glanzzeiten – vom Gründungsjahr 1977 bis Mitte der 1980er Jahre – zählte die Truppe um Mick Jones zu den populärsten Rock-Acts überhaupt, verkaufte an die 80 Millionen Tonträger weltweit und landete eine ganze Reihe von hochkarätigen Single-Hits, von "Cold As Ice" über "Waiting For A Girl Like You" bis "I Want To Know What Love Is". Selbstverständlich wurden diese alle in Salem präsentiert – und was sofort auffiel, war der Umstand, dass Sänger Kelly Hansen, der seit 2005 an Deck ist, sich hinter seinem berühmten Vorgänger, dem langjährigen Frontmann Lou Gramm, keineswegs zu verstecken braucht. Seine Stimme ist etwas wärmer und erdiger als die Gramms – und das gereicht den sattsam bekannten Foreigner-Gassenhauern durchaus zum Vorteil, verleiht den Songs ganz neuen Glanz.

Etwa "Cold As Ice": Radiomäßig ist dieses Stück in den letzten 40 Jahren ja schon zu Tode genudelt worden, aber auf dem Salemer Schlossplatz wirkte es so frisch wie am ersten Tag – und wurde von den knapp 4000 Konzertbesuchern schon nach den ersten paar E-Piano-Akkorden stürmisch bejubelt. Sehr druckvoll und souverän spielte da die – insgesamt siebenköpfige (!) – Band auf, und Gruppen-Boss Mick Jones brillierte zur Abwechslung mal nicht an der Gitarre, sondern am Synthesizer.

Kein Zweifel: Hier präsentierte sich nicht eine abgeschlaffte Alt-Herren-Truppe, die mit suboptimaler Einsatzbereitschaft ihre All-Time-Hits herunterschrubbt, sondern eine Gruppe von Musikern, denen man anmerkt, dass sie mit viel Herzblut bei der Sache sind. Und versierte Instrumentalisten sind sie schließlich alle: Bassist und Gitarrist Jeff Pilson, einst bekanntgeworden als Mitglied der US-Metal-Legende Dokken, Keyboarder Michael Bluestein (der sich gegen Ende des Konzerts ein minutenlanges Instrumental-Duell mit Drummer Christopher Frazier lieferte), und Gitarrist Bruce Watson, ehedem Gründungsmitglied der Celtic-Rock-Formation Big Country.

Und besonderer Erwähnung bedarf natürlich Thom Gimbel, der nicht nur kompetent die E-Gitarre bearbeitete, sondern auch – bei "Urgent", noch so ein Foreigner Mega-Hit, von dem man eigentlich geglaubt hatte, ihn wirklich nicht mehr hören zu können – zum Saxophon griff, mit phänomenalem Ergebnis. Selbst Andy McKay (von Roxy Music), der wohl aufregendste Saxophonist der gesamten Rockmusik-Szene, wäre hier wohl beeindruckt gewesen: Ein wildes und schräges Solo nach dem anderen entlockte Gimbel seinem Instrument, und wiederholt erntete er damit spontanen Beifall auf offener Szene. Schon oft sind die bekannten Foreigner-Gassenhauer als entschieden zu glatt und zu durchkalkuliert kritisiert worden – hier brach auf einmal pure musikalische Anarchie sich Bahn: ein echtes Aha-Erlebnis.

Unübersehbar war auch der Respekt, den die "Neumitglieder" dem Bandgründer Jones entgegenbringen: einem Veteranen der Szene, der inzwischen 72 Lebensjahre auf dem Buckel hat. Unzählige Songs hat er in seiner langen musikalischen Karriere geschrieben, einst sogar für die französischen Pop-Legenden Francoise Hardy und Johnny Halliday, und als Gitarrist der Blues-Rock-Formation Spooky Tooth und als Studiomusiker für George Harrison und Peter Frampton machte er sich zu Beginn der 1970er Jahre einen Namen. Bescheiden und unspektakulär agiert er heutzutage auf der Bühne – was ihn aber nicht daran hindert, aus seiner Gitarre ein formidables Solo nach dem anderen zu zaubern.

Für das Spektakel ist hingegen der "neue" Frontmann Kelly Hansen zuständig, ein Youngster (Jahrgang 1961) verglichen mit Jones. Unablässig tobte er in Salem über die Bühne, kletterte einmal sogar fast bis zur Dachabdeckung hinauf. Als er sein Publikum schließlich in die Nacht entließ, nach einem ausgedehnten Zugaben-Set, sah man ringsum nur glückliche Gesichter: zweifellos ein gelungener Auftakt für die diesjährige Salem Open Air Saison.

Salem Open Air 2017

Die Termine der weiteren Konzerte:

  • Freitag, 16. Juni: Söhne Mannheims
  • Donnerstag, 20. Juli, Zucchero
  • Samstag, 22. Juli, Die Fantastischen Vier
  • Donnerstag, 27. Juli, Rolando Villazón.Tickets gibt es bei allen SÜDKURIER-Geschäftsstellen. Das Konzert der Fantastischen Vier ist bereits ausverkauft.