Ist Wien nun, musikhistorisch gesehen, fortschrittlich oder rückständig? Gustav Mahler soll mal gesagt haben, wenn die Welt untergehe, dann ziehe er nach Wien: „Denn dort passiert alles erst 15 Jahre später.“ Was nun nicht gerade für Wien als Metropole des Fortschritts spricht.

Andererseits ist der Spruch schon verschiedenen Berühmtheiten in den Mund gelegt worden und traf dann außer Wien auch Mecklenburg, Königsberg oder Holland. Auch hat Wien die Wiener Klassik und im frühen 20. Jahrhundert die Zweite Wiener Schule hervorgebracht. Das spricht dann wieder für den Fortschritt.

Den hatte sich nun auch die Südwestdeutsche Philharmonie auf die Fahnen geschrieben und spielte in ihrem Abo-Konzert Werke der Wiener Klassik und der Zweiten Wiener Schule – allerdings ohne dass ein Ton von Haydn, Mozart oder Beethoven erklungen wäre.

Wiener Klassik also ohne Wiener Klassiker? Durchaus. Stattdessen sprang Schubert ein. Seine 3. Sinfonie, ein Frühwerk, klingt so gar nicht nach dem Komponisten der „Winterreise“, dafür noch herrlich unbeschwert und nach Mozart oder Haydn – vor allem, wenn ein tänzelnder Michael Hof-
stetter am Pult steht und das Orchester zu einem ebenso schlanken wie zupackenden Spiel animiert. Allenthalben vor sich hin grinsende Musiker zeugten davon, dass Hofstetter etwas in ihnen entfacht hatte, was vielleicht nicht jedem Dirigenten gelingt: Musizierlaune. Und die übertrug sich natürlich aufs Spiel und aufs Publikum.

Eigentlich war in diesem hochspannenden Programm nichts wie man es erwarten würde: ein Schubert, der wie Wiener Klassik klang (und im letzten, von Hofstetter rasant genommenen Satz nach Rossini), dazu Schubert-Lieber, die von Max Reger in einen Orchestersatz gekleidet und somit ihrer Zeit weit voraus waren; sodann ein großorchestrales Idyll mit dem Titel „Im Sommerwind“, das zwar von Anton Webern, einem Komponisten der Zweiten Wiener Schule, komponiert war, allerdings mehr nach Wagner, Mahler oder Strauss klang. Nur Alban Bergs solistisch besetzte Altenberg-Lieder waren so, wie man es von der Schönberg-Schule erwartet: knapp, 12-tönig, für viele Ohren schwer zugänglich.

Die Sopranistin Sarah Wegener zauberte allerdings auch daraus hoch expressive Aphorismen und stellte einmal mehr ihre Affinität zur Neuen Musik unter Beweis.

Sie kann aber auch Schubert. Und wie! Die von Max Reger orchestrierten Lieder, darunter „Gretchen am Spinnrade“ und der „Erlkönig“, gerieten zum unangefochtenen und emotionalen Höhepunkt dieses Konzerts. Sie interpretierte diese Lieder nicht nur, sie durchlebte sie. Wie sie Gretchens Schmachten zur existenziellen Dringlichkeit auswachsen lässt (man weiß ja, wie es ausgeht...), wie sie das Drama vom Vater mit dem kranken Kind auf dem Arm gestaltet – da dürfte sich mancher verstohlen eine Träne aus den Augen gewischt haben. In einem akustisch so sperrigen Raum wie dem Konzil eine solche emotionale Wucht zu entfalten – das ist wahrhaftig eine große Kunst.