Basel ist anders. Wenigstens sein „Theater des Jahres 2018“. Für die Bühne stimmten acht der 43 befragten Experten. Das reichte, um diese Werbung in eigener Sache zu ergattern.

Basel ist anders – das betrifft auch den Umgang mit Klassikern. Zum Konzept des Theaters gehört die Dekonstruktion. Oder wie es im Programmheft zur jüngsten Premiere heißt: Die Idee der „Basler Dramaturgie“ besteht darin, „klassische Dramentexte aus ihrer zeitlichen und lokalen Gebundenheit zu lösen, von den Zwängen der historischen Verankerung und Bedingtheit zu befreien und für die Gegenwart zu befragen.“

Molière umgeschrieben

In der letzten Saison, die dem Theater den Ehrentitel brachte, hatte Ulrich Rasche Büchners „Woyzeck“ und Ewald Palmetshofer Hauptmanns „Vor dem Sonnenuntergang“ für die Gegenwart gerettet. Aus alledem ist zu schließen: Wer Klassiker im alten Gewand sehen will, der sollte um Basel einen Bogen machen. Sucht er aber „immergrüne Klassiker“ (Intendant Andreas Beck), dann ist er am Rheinknie richtig.

Jetzt hat der Kölner Autor Peter Licht (eigentlich: PeterLicht), Molières Komödie „Tartuffe oder Der Betrüger“ zum Ausgang seiner Umschreibung „Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“ gemacht. Vor dieser Auftragsarbeit hat er bereits zwei andere Komödien Molieres in Basel aus der so genannten gesellschaftspolitischen Realität des französischen Absolutismus „befreit“ und das „heute nur unzureichend lesbare Sittengemälde“ (Programmheft) den Zeitgenossen nahe gebracht.

Tartuffe tritt als Sau auf

Die Haltung von Peter Licht gegenüber „Oldies“ ist mit dem Begriff „respektlos“ nur unzureichend beschrieben: „Das Alte hat im Theater keinen Bestand“, sagt er (im Programmheft). „Wir setzen uns ins Theater und nicht ins Museum. Alte Texte muss man zerstäuben. Man muss sie Wort für Wort zerreiben. Und den Plot verschleißen, dann entsteht wieder etwas, was da mal war…“. Ist das so? Gehört dann nach dieser Logik nicht auch „etwas, was da mal war“ zerstäubt? So gedacht, wird (unsere) Geschichte und die die Erinnerung daran gelöscht. Welch arrogante Haltung!

Ein großartiger Autor

Kunst darf alles? Ja. Kein Aber oder so. Oder vielleicht doch. Denn: Peter Licht ist ein großartiger Autor. Im Ernst. Wer seinen Molière-Verschnitt gesehen hat, wird zu keinem anderen Urteil kommen. Der Haken dabei: Sein Stück ist eine Neudichtung. Es hätte der Referenz nicht bedurft. Das verwirrt, jedenfalls Freunde der Klassik. Der Zusatz „nach Molière“ macht ihn kleiner, als er ist.

Dada-Deutsch

Peter Licht hat die betuliche Sprache des Altmeisters nicht nur zerstäubt, er hat sie komplett entsorgt und durch ein Dada-Deutsch („geil“, „ungeil“) ersetzt, dem wir auf der Straße begegnen. Auch den gotteslästerlichen Inhalt der Story hat er umgekrempelt. Das Glaubenskorsett entfällt, dagegen stellt er die große Freiheit und mit ihr die große Leere. Nur die Namen der Figuren und der Tisch, in Molières Original bespielte Requisite, dürfen bleiben. Tartuffe, Inbegriff des Heuchlers, tritt nicht als Biedermann, sondern von Anfang an als Sau auf – zunächst in der Maske eines Schweins mit mächtigen Gemächt, dann erst gibt er sich als Mensch zu erkennen.

Was das für einer ist? Kein Weiser. Tüffi ist die Riesenenttäuschung für Orgon, dem „Bürger des Reichs der Mitte der Gesellschaft“, bei dem alles okay ist, der glaubte, einen Mann des Glaubens in sein Haus geladen zu haben – Molières Original zielt auf die falschen Frommen.

Sex-Schamane im Schweinekostüm

Der Schurke entsteigt dem Schweinekostüm als stinknormaler „Sex-Schamane“, als „Kursgebührenkrämer“ einer Produktplatte sexueller und spiritueller „Peak-Erfahrungen“. Dass er Orgis Frau Elmire „kontextualisieren“ (also flach legen) will, bringt ihn wieder aus dem Haus. Großes Aufatmen der „Okay-Familie“. 

Was für eine Schweinerei: Szene aus "Tartuffe oder Das Schwein der Weisen" in Basel. | Bild: Priska Ketterer

„Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“ spielt in einer männlich dominierten kapitalistischen Gesellschaft und ihrer „Ausstülpungsideologie“. Sie kennt Sieger und Verlierer – Letzteres sind es die Frauen. Das ist nicht sonderlich neu. Aber darüber muss wohl geredet werden. Es wird viel geredet in Peter Lichts Stück, auch im Chor, und auch langatmig über weltbewegende Dinge wie künstlich verlängerte Nasenhaare.

Das Vage ist Programm

Was auch immer auf der Bühne passiert, im Haus Orgis, wird es „penisförmig“ zerredet. Und das in einem Tempo, dass einem der Notizblock aus der Hand zu fallen droht. Aber das Vage ist hier Programm. Es muss nicht, es soll nicht alles verstanden werden. Peter Lichts Text denken die Dinge gern ums Eck. Es gibt ja noch die Bilder.

Es fließt viel Schweiß

Und ja, optisch macht die Inszenierung viel her – bunte Barockfiguren mit Perücken auf den Diskursköpfchen (Kostüme: Vanessa Rust), die in Endlosschleifen abstrakte Lautfolgen von sich geben, über die goldfarbigen Geschosse der Drehbühne rasen oder – von einer Kamera beobachtet – durch die Garderoben huschen (Bühne: Andreas Auerbach). Da fließt viel Schweiß. Regisseurin Claudia Bauer, die schon Peter Licht inszeniert, hat an alles gedacht und jeden Schritt, jeden Umfaller, Lacher oder Seufzer, jeden Blick und jede Träne einstudiert. Sie schafft Bilder mit einem Detailreichtum, der sprachlos macht und zugleich nachdenklich: Vielleicht funktioniert das Stück und seine kryptische Botschaft – nur Zauberei kann uns retten – allein durch ihre Regie?

Was noch? Hingehen!

Und dann diese Schauspieler, die ihre Inszenierung tragen: „Oberaffengeil“, Katja Jung (Herr Frau Pernelle), Florian von Manteuffel (Orgon), Miriam Schröder (Elmire), Leonie Merlin Young (Mariane), Max Rothbart (Cléante), Pia Händler (Dorine) und Nicola Mastroberardino (Tartuffe). Ganz großes Theater! Was noch? Hingehen!

Theater Basel. Die nächsten Vorstellungen: 18. Und 28. September sowie 4. Oktober. www.theaer-basel.ch

Drei Fragen

Herr Peter Licht, was war die größte Schwierigkeit?

Die größte Schwierigkeit war, fertig zu werden. Denn es geht ja immer weiter! Wenn irgendjemand irgendwo ein Ende sieht, dann soll er bitte Bescheid sagen, also ich kann keins erkennen.

Warum sollen wir reingehen?

Weil es total geil ist und nicht ungeil. Und weil – das muss man ja mal sagen dürfen – es total geil ist, wenn in einer Welt der ungeilen Phänomene auf total geile Art und Weise die Ungeilheit der Welt so dargestellt wird, dass es auch schon wieder total geil ist. Und dann muss man sagen, ist das voll geil und nicht – wie man ja auch denken könnte, wenn man die ungeilen Auswucherungen der Welt betrachtet – ungeil. Also das muss ja wohl einmal sagen dürfen.

Der stärkste Satz des Abends?

Ok ok versteh versteh.

Peter Licht, Autor, Regisseur und Musiker über „Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“