Herr Frey, die Panflöte kennt man vor allem aus den Fußgängerzonen. Dort haben jahrelang Peruaner gestanden und gespielt, bis man es nicht mehr hören konnte. Was hat Sie zur Panflöte gebracht?

Die Panflöte, die ich spiele, hat mit der peruanischen Panflöte gar nichts zu tun. Es gibt südamerikanische und rumänische Panflöten. Die Panflöte ist in der rumänischen Volksmusik nämlich ebenfalls beheimatet und wird sehr virtuos gespielt. Man spielt sogar virtuose Geigenstücke darauf. Der berühmteste Vertreter ist Gheorghe Zamfir. Die rumänische Panflöte kann man auch chromatisch spielen.

Und das geht mit der peruanischen Flöte nicht?

Nein, das ist da nicht möglich. Die Chromatik erzeugt man, indem man anders in die Flöte hineinbläst. Dazu braucht es spezielle Mensuren, das heißt die Verhältnisse zwischen Durchmesser und Länge der Röhren sind bei den beiden Flötentypen unterschiedlich. Die peruaischen sind dünn und lang. Das ergibt ein dunkles, eher perkussives Geräusch. Bei den rumänischen ist der Durchmesser im Verhältnis zur Länge größer. Sie sind eher auf Klang und Klangfarbe ausgerichtet.

Und wie sind Sie nun zur Panflöte gekommen?

Zu der Zeit, wo Gheorghe Zamfir herumgetourt ist, wurde ich auf dieses Instrument aufmerksam. Ich hatte dann das Glück, bei einem Hornisten, der autodidaktisch für sich Panflöte lernte, schon als kleiner Bub Unterricht zu nehmen. Später wollte ich dann Panflöte studieren, aber man konnte es nirgends studieren. Daher bin ich nach Rumänien gegangen. Damals war noch Ceausescu am Hebel. Da hatte ich meinen ersten Lehrer. Später kam ich am Konservatorium in Winterthur in eine Querflötenklasse. Ich habe also mit meiner Panflöte die Literatur der Querflötisten gespielt.

Das war einfach so möglich, dass Sie in diese Klasse aufgenommen wurden?

Ich habe mit der Panflöte ganz normal die Aufnahmeprüfung gemacht und wurde dann als Experiment aufgenommen. Allerdings konnte ich in Winterthur nicht das Diplom machen, habe dann aber herausgefunden, dass es an der Hochschule in Amsterdam eine Panflötenklasse gab und konnte dann dort das Lehrdiplom machen.

Was fasziniert Sie an der Panflöte?

Letztlich ist es dieser Klang, der sehr im Körper wirkt, um es mal so auszudrücken. Als Musiker fasziniert mich aber auch, dass der Aufbau des Instruments sehr einfach, sein Beherrschen aber letztlich sehr kompliziert ist. Dieses Instrument sehr sauber zu spielen ist ähnlich schwer wie bei einer Geige.

Wo können Sie die Panflöte überhaupt zum Einsatz bringen?

Man muss immer wieder neu damit experimentieren. Grundsätzlich funktioniert es in der Barockmusik sehr gut. In der Klassik wird es teilweise etwas schwieriger, geht aber auch noch gut. Und letztes Jahr habe ich auch ein Jazzprojekt gemacht. Auch das ist also möglich. Und ich habe auch schon eine CD gemacht mit lauter Originalkompositionen. Die Komposition von Fabian Müller, die ich jetzt mit der Südwestdeutschen Philharmonie uraufführen werde, ist das erste Stück für großes Orchester überhaupt. Er hat die Spielweise dafür ziemlich erweitert. Die Panflöte ist nämlich in G-Dur gestimmt. Es gibt in diesem Stück auch Partien, die klar in G-Dur stehen. Aber trotzdem wechselt Fabian Müller ständig zwischen G-Dur und Ges-Dur. Er reizt also dieses Halbtonspielen, das auf der rumänischen Panflöte möglich ist, ziemlich aus.

Konnten Sie irgendwie Einfluss nehmen auf die Komposition?

Zu Beginn habe ich Fabian Müller Kurzvideos geschickt, damit er sehen kann, was möglich ist auf dem Instrument. Er hat aber ohnehin eine große Affinität zur rumänischen Volksmusik und kannte die Panflöte bereits gut. Daher hat er sich auch sehr über den Kompositionsauftrag gefreut. Im Nachgang gab es noch ein paar kleine Änderungswünsche von mir, auf die er auch eingegangen ist.

Hat das neue Stück dann auch eine Nähe zur rumänischen Volksmusik? Kann man das hören?

Nicht direkt. Aber vor allem der letzte Satz mit dem Titel "Tanz der Satyrn" hat etwas Tänzerisches, das nahe an der Panflöte ist. Müller komponiert sehr intuitiv. Die Musik ist zwar nicht tonal, aber es gibt doch immer wieder so ein tonales Gefühl. Aber von Volksmusik zu sprechen, ginge doch zu weit. Ich würde sagen, es ist eine Mischform zwischen tänzerischer, möglicherweise sogar Volksmusik, und zeitgenössischer Musik.

Sie kennen die Noten also und üben schon?

Ja, genau. Es ist durchaus eine Herausforderung – und für alle Seiten ein großes Experiment. Weil ja das ganze Orchester, also ein Riesenvolumen gegen die Panflöte steht. Die Panflöte ist im oberen Bereich recht laut, unten braucht sie viel Luft und ist nicht so laut. Es wird also spannend, wie das dann funktioniert. Und 25 Minuten am Stück zu spielen, wobei erster und dritter Satz recht virtuos sind, ist ohnehin schon eine Herausforderung.

Generell sind Sie mit der Panflöte in der klassischen Musik zu Hause?

Ja. Ich bin emotional ein "klassischer" Mensch. Aber Experimente in alle Richtungen faszinieren mich ebenfalls.

Sie leiten ja auch ein Panflötenfestival in Winterthur? Was bekommt man zu hören, wenn da hingeht?

Es gibt in der Schweiz unterdessen einige Berufs-Panflötisten. Und die zeigen ihre Schwerpunkte. Es gibt jemanden, der hat sich auf Alte Musik spezialisiert und spielt auch mit alten Stimmungen. Ich selber hab neuerdings eine Studentin in Winterthur, die Jazz auf der Panflöte studiert. Es gibt also das ganze Spektrum von Volksmusik über Barockmusik bis zum Jazz.

An Volksmusik erklingt aber nur die rumänische?

Die südamerikanische hört man in diesem Zirkel tatsächlich überhaupt nicht, weil es eben ein völlig anderes Instrument wäre.

Da gibt es auch keinen Kontakt zwischen beiden Szenen?

Im Moment nicht. Ich denke, man scheut das im Moment auch noch deswegen, weil die südamerikanische Panflöte extrem kommerzialisiert ist.

Wobei sich Gheorghe Zamfir mit James Last ja auch einen eher zweifelhaften Ruf erworben hat.

Ja. Aber man kann auch sagen, dass er dem Instrument damit viel eröffnet hat, weil viele Leute so erst darauf aufmerksam wurden. Zugleich hat das dem Image des Instruments auch etwas geschadet. Das kann schon sein.

Fragen: Elisabeth Schwind

Zur Person

Urban Frey wurde 1964 in Frauenfeld geboren und wuchs dort auf. Seinen ersten Unterricht auf der rumänischen Panflöte erhielt er mit etwa zehn Jahren von einem Hornisten. Da man Panflöte in der Schweiz nicht studieren konnte, ging Frey zunächst nach Rumänien. Anschließend wurde er am Konservatorium Winterthur in eine Querflötenklasse aufgenommen. Das Studium beendete er in Amsterdam und ist damit der erste Schweizer, der ein Lehr- und Konzertdiplom einer Hochschule auf der Panflöte erworben hat. Frey lebt in Bülach im Kanton Zürich. (esd)

  • In dem Programm „Idylle“ der Südwestdeutschen Philharmonie spielt Urban Frey die Uraufführung des Konzerts für Panflöte und Orchester von dem Schweizer Komponisten Fabian Müller. Weiterhin auf dem Programm, das von Ari Rasilainen geleitet wird, steht Johannes Brahms’ 2. Symphonie. Termine sind am Mittwoch und Freitag, 25. und 27. April, jeweils 19.30 Uhr, im Konstanzer Konzil; am Samstag, 28. April, 20 Uhr, in der Stadthalle Singen, und am Sonntag, 29. April, 18 Uhr, wieder im Konstanzer Konzil. Informationen und Tickets unter:www.philharmonie-konstanz.de