Stell’ dir vor, es ist Krieg und niemanden interessiert’s. Zumindest nicht Johan Simons, den Regisseur von Kleists „Penthesilea“. Heere, Helden, Säbelrasseln – all das bleibt außen vor. Dabei gehört das Kriegsgeschrei zum Grundrauschen dieses Trauerspiels, das sich laut Autor auf dem Schlachtfeld bei Troja abspielt. Bei Simons spielt es sich im Innern zweier Menschen ab, die mit sich selbst und miteinander einen Kampf ausfechten – und das ist letzten Endes nicht weniger katastrophal.

Simons hat Heinrich von Kleists „Penthesilea“ entkernt und für die Salzburger Festspiele ein Zwei-Personen-Stück daraus gemacht. Aus dem Schlachten-Gemälde mit unzähligen ineinander verkeilten Amazonen und Griechen löst er ein einziges Paar: Achilles und Penthesilea. Sie bekämpfen sich – und sie verlieben sich. Und umkämpfen sich weiterhin bis zur tödlichen Katastrophe. Doch der Krieg ist keiner mit Pfeilen und Schwertern, er spiegelt nur die innere Verfasstheit der beiden Figuren. Ihr Kampf ist der Geschlechterkampf, in dem es um Eroberung und Unterwerfung des jeweils anderen geht.

Mit Jens Harzer und Sandra Hüller stehen zwei starke Schauspieler auf der Bühne.
Mit Jens Harzer und Sandra Hüller stehen zwei starke Schauspieler auf der Bühne. | Bild: Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Das klingt klischeehafter, als es sich auf der leergefegten, tiefschwarzen Bühne des Salzburger Landestheaters (Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Nina von Mechow) darstellt. Sandra Hüller (bekannt aus „Toni Erdmann“) ist hier die Amazonen-Königin Penthesilea, die sich gegen die Gesetze ihres Frauenstaats in den griechischen Helden Achilles (Jens Harzer) verliebt. Um für Nachwuchs zu sorgen, ziehen die Amazonen in den Krieg. Nur mit den Männern, die sie in der Schlacht gewinnen konnten, vereinen sie sich beim anschließenden Rosenfest. Individuelle Liebe ist dabei nicht vorgesehen.

Der Geschlechterkampf zwischen Penthesilea und Achilles steht also unter besonderen Vorzeichen. Denn für beide Seiten gilt das Prinzip der Eroberung. Für Achilles, den Mann, ist es quasi Naturgesetz, sich die Frau zu unterwerfen. Nun trifft er auf Penthesilea, deren Amazonen-Gesetz ihr ebenfalls befielt, sich den potenziellen Geschlechtspartner erst zu unterwerfen. Das kann einfach nicht gut gehen.

Die Bühne ist komplett leer und schwarz, die beiden Darsteller werden von unten angestrahlt.
Die Bühne ist komplett leer und schwarz, die beiden Darsteller werden von unten angestrahlt. | Bild: Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Geht denn das Regie-Konzept gut? Die Antwort lautet: zumindest besser als erwartet. Das Problem liegt allerdings darin, dass Kleist das Aufeinandertreffen von Penthesilea und Achilles über weite Strecken aus der Perspektive anderer erzählt. Nur in wenigen Szenen sieht man sie im direkten Gespräch. Es ist der Moment, in dem Penthesilea dem erstaunten Achilles, den sie in diesem Moment besiegt zu haben glaubt, das Gesetz der Amazonen erklärt.

Freilich muss der Regisseur auch das, was die Frontberichterstatter über Achilles und Penthesilea erzählen, in seinen Dialog einbeziehen. Die Idee dabei: Die Fremdbeschreibungen werden zu Selbstbeschreibungen und Zuschreibungen. Sie werden als Rechtfertigung, Zustimmung oder Widerspruch eingesetzt, kurz: als Kampfmittel.

Dennoch dauert es lange, bis das Stück in Fluss kommt. Die Darsteller tasten sich durch den Text, ungeduldig zappelnd wie der Tiger im Käfig, der endlich zur Beute will. Erst dort, wo bei Kleist Achilles und Penthesilea einander gegenüberstehen, sind sie frei. Großartig, wie sie dann in Kleists Sätzen wühlen, um sich mal aneinander zu schmiegen, mal auf Distanz zu gehen.

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Sandra Hüller ist mit ihrer drahtigen Figur eine perfekte Amazone. Ihre Stimme allerdings ist überraschend klein, es fehlt ihr an Autorität. Die ausgefeilte Körpersprache macht da jedoch einiges wieder wett. Jens Harzer ist weniger der strahlende Held als der verunsicherte Mann, dessen Welt- und Rollenbild ins Wanken gerät – so wie es Simons überhaupt um Liebe in Zeiten brüchig gewordener Rollenbilder geht. Er zeigt ein Paar auf der Suche nach der eigenen Identität.

Am Schluss ersticht Penthesilea Achilles im Blutrausch. Eigentlich hatte er vor, sich ihr im Kampf zu ergeben, wie es ihr Gesetz vorsieht. Doch das hat Penthesilea nicht erkannt. Diese letzte Szene spielen Hüller und Harzer eng umschlungen. Erst im Tod finden sie zusammen. Ein starkes Bild.