Warum bloß lieben wir in der Weihnachtszeit besonders die Barockmusik? Offenbar erleben wie sie als festlich – vor allem dann, wenn sie mit den sprichwörtlich gewordenen Pauken und Trompeten daher kommt. Um zu verstehen, warum das so ist, muss man ein bisschen in der Historie kramen.

In der Barockzeit waren Pauken und Trompeten das Sahnehäubchen der Militärmusik. Immer wenn es wichtig und festlich wurde, kamen sie zum Einsatz. Das übertrug sich dann auch auf die Musik am Hofe. Die Trompete wurde zu einem Herrschaftssymbol. Und wenn man den Auftritt eines weltlichen Königs mit Pauken und Trompeten untermalen kann, dann wird das zur Ankunft des Messias ja wohl erst recht passen.

So gesehen sind Pauken und Trompeten tatsächlich adäquate Instrumente für die Weihnachtszeit – eine musikalische Botschaft aus dem Barock, die wir instinktiv auch heute noch verstehen. Wir erleben die Barockmusik als festlich – häufig auch dann noch, wenn sie ohne Trompeten auskommt.

Paradestück für jeden Trompeter

Auch die Südwestdeutsche Philharmonie stimmte sich mit ihrem jüngsten Abo-Konzert in Konstanz auf Weihnachten ein, auch ohne dass es sich explizit um ein Weihnachtprogramm gehandelt hätte. Die Trompete war Solo-Instrument. Mit Gábor Boldoczki hatte man einen Solisten geladen, der sich insbesondere auf die glanzvollen Klassiker versteht, und mit Marco Comin am Pult einen versierten Aufführungspraktiker der Barockmusik.

Joseph Haydn zählt zwar nicht mehr zum Barock, aber sein Trompetenkonzert steht im Gestus den barocken Werken noch sehr nahe. Es gehört zu den Paradestücken für jeden Trompeter und steht beispielhaft für Glanz und Virtuosität dieses Instruments – zumal Haydn hier das seinerzeit frisch erfundene Klappensystem der Trompete für die Komposition geschmeidiger Läufe nutzte.

Auch wenn das Stück ein gewisses Angeberpotential in sich trägt: Boldoczki nutzte es nicht dafür. Er gab nicht den Poser, sondern teilte die Kräfte gut ein, legte Wert auf einen ästhetischen Ton und gesangliche Linien. Alles steuerte auf den letzten Satz zu – einer Feier für Pauken-und-Trompeten-Fans. Boldoczki und die Philharmonie entfachten heir ein Feuerwerk an Virtuosität und Spielfreude, das sich auch auf das Publikum übertrug.

Der Trompeter Gabor Boldoczki war Solist der Südwestdeutschen Philharmonie.
Der Trompeter Gabor Boldoczki war Solist der Südwestdeutschen Philharmonie. | Bild: Marco Borggreve

Für Giuseppe Torellis D-Dur-Trompetenkonzert wechselte Boldoczki auf die kleine, höhere Barocktrompete, die an Lichterglanz noch mal eins obendrauf setzt. Das kleine Konzert entzückt mit barocken Spielfiguren, großer Beweglichkeit und im langsamen Mittelteil mit schön ausgekosteten Seufzer-Motiven und sogar einem einleitenden Cembalo-Solo. Als Boldoczki zur Zugabe auch noch das Largo von Händel spielte, war die Weihnachtsstimmung perfekt.

Damit schloss sich auch der Kreis, startete der Abend doch mit einem der Concerti grossi von Händel. Im 3. Concerto seines Opus 3 geben sich Violine und Flöte ein solistisches Stelldichein. Gattungsgeschichtlich handelt es sich dabei noch nicht um Solokonzerte, sie sind erst auf dem Weg dorthin, aber die Philharmonie-Musikerinnen Eszter Simon (Flöte) und Kyoko Tanino (Violine) – erstere wie eine Solistin vor dem Orchester platziert – zeigten im eleganten Wechselspiel beide ihre solistischen Qualitäten.

Symphonie der fliegenden Fahnen

Dann die Epochenzäsur. Mit barockem Hochglanz hat Beethovens Siebte nichts mehr zu tun. Und doch bleibt sie gewissermaßen beim Thema – nicht bei Weihnachten, sondern beim Militär. Es ist eine Symphonie der fliegenden Fahnen. Bei ihrer Uraufführung 1813 in Wien erklang sie neben dem Schlachtengemälde „Wellingtons Sieg“ in einem Wohltätigkeitskonzert für die Invaliden aus den Napoleonischen Kriegen. Und so wurden die beiden Stücke dort auch begeistert aufgenommen: Als Metaphern für den Kampf gegen und den (erhofften) Sieg über Napoleon.

Marco Comin leitete das Dezember-Programm der Südwestdeutschen Philharmonie.
Marco Comin leitete das Dezember-Programm der Südwestdeutschen Philharmonie. | Bild: Robert Brembeck

Man muss diesen Hintergrund nicht kennen, um den Enthusiasmus zu spüren, der in dieser Musik steckt. Freilich darf er nicht nach Zweckoptimismus klingen. Aber die Gefahr ist bei Marco Comin nicht gegeben. Hatte er den ersten Konzertteil noch mit bloßen Händen dirigiert, greift er nun zum Dirigentenstab, der bis in die Spitze zu vibrieren beginnt, so als solle nur ja keines der Gestaltungsdetails verloren gehen.

Begeisterter Applaus

Comin ist ein Mann der Punktgenauigkeit und der genau ausformulierten Gestaltungsdetails. Und auch wenn er den stilisierten Trauermarsch des zweiten Satzes, dem als melancholisches Gegengewicht eine wichtige Funktion zukommt, betont rasch nahm, obsiegte weder hier noch im Rest der Sinfonie das Triumphale. Dafür aber das Temperament. Comin verbindet gewissermaßen den militärischen Stechschritt mit italienischer Eleganz und verwandelte sie in jubilierende Lebensfreude. Ein entfesseltes Musizieren, das mit entsprechend begeistertem Applaus belohnt wurde.