In Basel sprechen sie von einem Wunder. Gemeint ist nicht etwa ein kaum für möglich gehaltenes Fußballergebnis – das 2:1 vom 1. FC Basel neulich beim Pep-Guardiola-Club Manchester City könnte in diese Kategorie passen –, sondern ein Kunstereignis, das ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Dass dieses Ereignis die Menschen immer noch bewegt, darüber gibt die Ausstellung „Kunst. Geld. Museum. 50 Jahre Picasso Story“ im Kunstmuseum Auskunft. Die Ausstellung betreibt aber nicht nur nostalgische Erinnerungsarbeit, sie stellt auch kritische Fragen zur Kunst der Gegenwart. Doch der Reihe nach.

Am Anfang der „Picasso Story“ stand eine Tragödie. Am 20. April 1967 stürzte ein Flugzeug der Basler Globe Air auf Zypern ab und riss mehr als 120 Menschen in den Tod. Diese Katastrophe führte zur ersten Insolvenz einer eidgenössischen Fluggesellschaft. Der Hauptaktionär von Globe Air, Peter A. Staechelin, musste für die finanziellen Folgen geradestehen. Der Basler hatte kaum Geld, dafür aber millionenschwere Kunst. 27 Bilder hingen als Leihgabe im Kunstmuseum. Staechelins Vater hatte die Sammlung in eine Stiftung überführt, allerdings mit der Auflage, dass die Bilder verkauft werden dürfen, wenn ein Familienmitglied in Not geraten sollte. Das war hier der Fall.

Zum Entsetzen der Basler Kunstwelt verkaufte Staechelin ein erstes Bild nach Paris: Vincent van Goghs „La Berceuse“ (1889). Er erlöste 3,25 Millionen Franken für das „Herzstück der Malerei van Goghs“, wie der damalige Museumsdirektor Franz Meyer sagte. Acht weitere Staechelin-Objekte von Cézanne, Degas, Monet, Pissarro, Renoir und Sisley (vier davon aus dem Museum) übernahm der Galerist Ernst Beyeler, der später die Fondation Beyerle in der Baseler Vorstadt Riehen gründen sollte.

Die höchsten Einnahmen versprach sich Staechelin jedoch von den Picasso-Bildern „Arlequin assis“ (1923) und „Les deux frères“ (1905), die ebenfalls im Kunstmuseum hingen. Ihm lagen Offerten von bis zu elf Millionen Franken vor. Beide Werke gelten als eine Art Klammer um Picassos Kubismus-Phase. Den drohenden Ausverkauf vor Augen, nahm die Kunstkommission der Stadt mit der Staechelin-Stiftung Gespräche auf – und hier erzählt die Ausstellung „Kunst. Geld. Museum“ die Geschichte im Detail weiter.

Nicht zuletzt Museumsdirektor Meyer brachte den Stiftungsrat so weit, dass er die Picassos der Stadt Basel für vergleichsweise günstige 8,4 Millionen Franken anbot. Das Kantonsparlament zog mit und bewilligte mit den Stimmen aller Parteien – und zum Wohl des Museums, das seit dem 17. Jahrhundert Kunst sammelte –, sechs Millionen Franken. Der offene Betrag sollte von privater Seite erbracht werden. Binnen kürzester Zeit gingen 1,9 Millionen Franken ein, vornehmlich aus Töpfen heimischer Firmen. Den Rest besorgten die Bürger von Basel – eine Spendenliste liegt in der Ausstellung aus – und mit einem „Bettlerfest“, über das selbst der „Spiegel“ berichtete: „Regierungsräte schenkten Wein aus, Künstler verlosten Bilder, höhere Töchter verkauften Popcorn und putzten Schuhe.“ Schon diese Aktionen erhielten das „Wunder von Basel“-Etikett. Aber es zeigte sich: Ein Wunder allein reicht nicht.

Einem Basler missfiel diese Euphorie. Alfred Lauper, Besitzer einer Autowerkstatt, hatte als Aktionär beim Konkurs der Globe Air auch Geld verloren und sah keine Notwendigkeit für Investitionen der öffentlichen Hand in Kunst. Er ergriff das so genannte Referendum gegen den Parlamentsbeschluss und brachte bald die nötigen Unterschriften zusammen. Nun spaltete sich das Volk. Der Fotograf Kurt Wyss, heute 81 Jahre alt, der die „Picasso Story“ journalistisch begleitete – seine Aufnahmen bereichern die Ausstellung –, erinnert sich: „Wir jungen Redaktoren waren absolut überzeugt, dass die Stadt die Bilder kaufen muss. Die Älteren auf der Redaktion sagten: Ihr spinnt. Für dieses Geld baut man zwei Altenheime.“ Gegner und Befürworter hielten sich die Waage. Überall in der Stadt las man Slogans wie „I like Pablo“ (Ich mag Pablo) oder „All you need ist Pablo“ (Alles, was du brauchst, ist Pablo). Der FC Basel warb mit Plakaten für die Kunst.

Am 17. Dezember 1967 stimmte das Baseler Stimmvolk mit großer Mehrheit dem Picasso-Kredit zu. In den Gassen der Stadt brach Jubel aus. Von seinem Alterssitz in Südfrankreich aus hatte der 86-jährige Picasso die Ereignisse verfolgt. Dass in einer Volksabstimmung die Menschen für den Kauf seiner Bilder stimmten, begeisterte ihn. Er lud Museumsdirektor Meyer nach Mougins ein. Picasso wollte sich dankbar zeigen.

Die Legende sagt: Meyer durfte sich ein Bild aussuchen, konnte sich aber nicht für eine Arbeit entscheiden. Das Schlitzohr bat den Künstler, die Spätwerke „Vénus et l’amour“ (1967) und „Le couple“ (1967) nebeneinander zu stellen, damit er eine Wahl treffen könne. Daraufhin soll Picassos Frau Jacqueline gesagt haben, dass die Bilder sowieso zusammen gehörten und Picasso beide nach Basel geben solle. So geschah es. Aber damit nicht genug. Picasso gab noch „ein Geschenk an die Basler Jugend“ dazu, wie er betonte – das Gemälde „Homme, femme et enfant“ (1906) und die Skizze zu „Les Demoiselles d’Avignon“ (1907), einem seiner berühmtesten Werke. So kehrte Meyer mit vier Picassos nach Basel zurück.

Gerührt von der Geste, entschied sich die Basler Kunstmäzenin Maja Sacher, dem Museum ebenfalls einen Picasso zu überlassen. Sie brachte „Le poéte“ (1912) ins Museum – und erntete dafür leise Kritik ihres Mannes, wie in der Ausstellung nachzulesen ist. Mit den Schenkungen besaß das Museum sieben Werke des Jahrhundert-Künstlers.

Die Kuratoren der „Picasso Story“, Eva Reifert und Christoph Stratenwerth, bleiben nicht bei der Erzählung des „Wunders von Basel“ stehen, die sie mit Protokollen, Dokumenten, Filmen und Fotos reich dokumentieren. Wenn es um Kunst, Geld und Museen geht, sind die Streitlinien von damals den heutigen nicht unähnlich. Ist die Kunst wirklich Millionen wert? Sollten Steuergelder nicht besser eingesetzt werden? Gehört diese Kunst ins Museum? Reifert und Stratenwerth haben Statements heutiger Künstler eingeholt, die angesichts dieser globalen Fragen zu unterschiedlichen Antworten kommen. Verständlich. Aber auch die Besucher sind gefragt: Wäre das „Wunder von Basel“ heute noch möglich?

„Kunst. Geld. Museum. 50 Jahre Picasso Story“ ist bis 12. August 2018 im Kunstmuseum Basel zu sehen. Geöffnet ist bis 30. Juni jeweils Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr und Donnerstag von 10 bis 20 Uhr, ab 1. Juli Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr und Mittwoch von 10 bis 20 Uhr. Informationen auf www.kunstmuseumbasel.ch

Der Künstler

Pablo Picasso wurde am 25. Oktober 1881 im spanischen Málaga geboren. Er war Maler, Grafiker und Bildhauer. Sein umfang-reiches Gesamtwerk umfasst Gemälde, Zeichnungen, Collagen, Plastiken und Keramiken, etwa 50 000 an der Zahl. Zu den bekanntesten Werken Picassos gehören „Les Demoiselles d’Avignon“. (1907). Es wird als Wendepunkt in der Geschichte der abendländischen Malerei angesehen und leitete zugleich den Kubismus ein. Der Jahrhundert-Künstler Picasso starb am 8. April 1973 in Mougins in Südfrankreich.