Ganz neue Wege ging das letzte Konzert der Höri Musiktage im Hexenkeller des Öhninger Rathauses, das Igor Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten“ mit dem Bilderzyklus „Der Krieg“ von Otto Dix illustrierte. Aus den 50 Radierungen hatte Andrea Dix, Ehefrau des im Januar verstorbenen jüngsten Sohnes Jan Dix, Passendes zur Musik und zur Strawinsky-Moritat ausgewählt.

Musiker und Maler erlebten den ersten Weltkrieg. Strawinsky schuf 1917 im Schweizer Exil die faustische Fabel und legte sie für Wanderbühne und kleines Musikensemble an. Otto Dix, der 1914 eingezogen wurde, als der Weltkrieg gerade einmal drei Wochen alt war, zeichnete, malte und radierte, um die grausamen Erlebnisse zu verarbeiten: „Man muss Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen.“

Der Teufel triumphiert

Die sieben Musikerinnen und Musiker des Festivalorchesters unter der Leitung von Eckart Manke interpretierten Strawinsky authentisch – sachlich, spielerisch, parodistisch. Und Sprecher Timo Ben Schöfer entführte mit überzeugender Rezitation, indem er jeder Figur eine eigene Klangfarbe in der Stimme verlieh, in die wundersame Welt des Soldaten, der aus dem Krieg heimkehrt. Seine geliebte Geige (und seine Seele) vermacht er dem Teufel, der ihm ein Buch schenkt, mit dem er die Zukunft voraussehen kann und reich wird. Als er merkt, dass Reichtum nicht alles ist – denn in seinem Dorf kennt ihn keiner mehr – macht er den Teufel betrunken und nimmt ihm die Geige wieder ab. Mit ihrem Spiel kann er in einem fernen Land die Königstochter heilen, die er heiratet. Als er sie in sein Heimatdorf führen will, bleibt sie zurück, aber der Teufel triumphiert.

Passende Dix-Bilder zur Musik

Den rhythmisch-schmissigen Marsch des Soldaten unterstreicht das projizierte Dix-Bild vom Zug der abgerissenen, ausgemergelten und verwundeten Soldaten in erschreckender Deutlichkeit. Das Entsetzen des Soldaten, als ihn keiner erkennt, begleiten eine Trauer-Kantilene und ein Bild, das Entsetzen im Gesicht der Figur mit weit aufgerissenen Augen zeigt. Soldaten in Schützengräben mahnen, die Totenfratze mit Stahlhelm illustriert die Textstelle „Bin tot unter Lebenden“. Nicht immer unterstreichen die Bilder die Erzählung, sie konterkarieren, führen weiter, regen zum Nachdenken an.

Was war, kehrt nie zurück

Ein schräger Choral erklingt zum Glück des Prinzenpaares, scharf artikuliert Strawinsky den Teufelstanz, baut verquere Walzer, Tangos und Ragtimes ein, lässt den Soldatenmarsch aus dem Takt geraten oder die Violine eine dumpfe, fahle Melodie spielen, die vom Bläserquartett aufgeheizt wird. Und die Moral von der Geschichte: „Man soll zu dem, was man besitzt, begehren nicht, was früher war. Man kann zugleich nicht der sein, der man ist und war. Was war, kehrt nie zurück.“ Zusammen mit den Dix‚schen Kriegserlebnissen erhält die Essenz eine noch tiefgründigere Bedeutung.