Ein Museum, ein Stadttheater, ein Orchester. Noch vor wenigen Jahrzehnten war das der institutionelle Standardzuschnitt für das Kulturleben einer mittelgroßen deutschen Stadt. Das Orchester bot Abonnement-Reihen mit Orchesterkonzerten an, darüber hinaus vielleicht noch einige Kammerkonzerte – und gestaltete so das Musikleben der jeweiligen Stadt. Das Geld dafür kam von der öffentlichen Hand, und solange es da war, wurde der Mechanismus auch nicht hinterfragt.

Das ist heute in groben Zügen noch immer so. Und doch hat sich einiges grundlegend geändert. Das Kulturleben ist komplexer, das kulturelle Angebot vielseitiger geworden. Freie Künstler und private Veranstalter drängen auf den Markt. Die großen Institutionen gestalten das kulturelle Angebot nicht mehr allein. Damit steigt der Legitimierungsdruck auf sie. Und das hat Folgen: Orchester werden aufgelöst oder fusioniert, Budgets werden zusammengestrichen.

Von ehemals 168 Klangkörpern nach der Wende sind heute in Deutschland nur noch 130 Orchester zu finden. Bei den Stadttheatern sieht es nicht viel anders aus. Dabei galten die Orchester und Stadttheater mal als so etwas wie das Rückgrat der Kulturnation Deutschland. Doch inzwischen geht es nicht mehr um kulturellen Nationalstolz, sondern um die Frage, von wem das kulturelle Angebot überhaupt genutzt wird und in welchem Verhältnis das zu dem finanziellen Aufwand steht, der dafür notwendig ist.

 

 

„Die Erwartung, dass sich in dem Besucheraufkommen einer Institution, die von der öffentlichen Hand getragen wird, diese Öffentlichkeit in den ungefähren Mehrheitsverhältnissen auch spiegeln muss, ist noch gar nicht so alt“, hat Beat Fehlmann, Intendant der Südwestdeutschen Philharmonie, beobachtet. Damit einher gehen etliche Vorbehalte, die insbesondere der klassischen Musik entgegengebracht werden: Sie richte sich an eine kleine, elitäre Schicht, die zudem überaltere; klassische Konzerte oder Opernbesuche seien zu teuer und ohnehin schwierig zu verstehen. Mit anderen Worten: Wenn ein Angebot von allen finanziert wird, soll es auch für alle interessant sein.

Wie begegnet eine Kulturinstitution wie die Südwestdeutsche Philharmonie einer solchen Erwartungshaltung? Beat Fehlmann sieht da zwei Möglichkeiten: „Entweder man sagt, das ist halt ein Nischenprodukt und macht das Angebot extra exklusiv – oder man versucht sich zu öffnen.“ Fehlmann geht den Weg der Öffnung – und den der Transparenz. Er sucht nach neuen Spielorten, Formaten oder Kooperationen. Und versucht für Gemeinderat und Öffentlichkeit nachzuzeichnen, „wie wir die Gelder einsetzen, für was und was wir damit bewirken.“ Denn: „Natürlich wäre es günstiger, man würde sich ein paar Mal im Jahr ein Gastorchester einkaufen. Aber dann wären die Projekte an den Schulen, mit den Hochschulen und viele andere eben nicht möglich. Das fiele dann einfach weg. Diese müssen als Mehrwert erlebt werden. Wenn uns das gelingt, haben wir einen Teil der Legitimationsfrage beantwortet.“

So kommt es, dass das Orchester auf dem Oktoberfest oder dem Campusfestival spielt, für die Handball-Fans der Konstanzer HSG eine Hymne einspielt oder mit dem Theater der Fachhochschule Projekte in der Disco und in der Therme macht. Manchmal geht es dabei einfach nur darum, überhaupt ein Bewusstsein für die Existenz des Orchesters zu schaffen. „Kürzlich gab es die Studie einer Studentin, die sich damit beschäftigt hat, wie hoch der Bekanntheitsgrad der Südwestdeutschen Philharmonie unter den Studierenden ist“, so Fehlmann.

Das erschreckende Ergebnis: 46 Prozent der Konstanzer Studenten ist nicht so richtig klar, dass es ein Orchester gibt. Obwohl sie über das Kulturticket Theater und Konzerte sogar kostenlos besuchen können. Daher der Auftritt auf dem Campusfestival. Er erreicht viele, aber die Begegnung zwischen Orchester und Publikum bleibt vergleichsweise unverbindlich.

Anders ist das bei Projekten, in denen Orchester und Studierende zusammenarbeiten – wie in dem Theaterprojekt „Liebe Macht Nass“ in der Konstanzer Therme. Die gemeinsame Arbeit über einen längeren Zeitraum verbindet. „Am Schluss steht das persönliche gemeinsame Erlebnis. Ich glaube, dass diese Art der Verbindung die nachhaltigste ist“, sagt Fehlmann. Gleichzeitig ist ihm auch klar, dass Studierende per se eine unzuverlässige Zielgruppe sind: „Im Schnitt bleiben sie drei Jahre in Konstanz und gehen dann woanders hin. Das heißt, wir werden nicht diejenigen sein, die ihnen ein Abo verkaufen. Davon profitieren andere. Aber kurzfristig können wir sagen, es funktioniert. Sie kommen zurück.“

Das Heilmittel der breitenwirksamen Öffnung birgt freilich auch Risiken und Nebenwirkungen. Schließlich darf man jene Stammhörerschaft nicht vergraulen, die Projekte wie das in der Therme oder auf dem Oktoberfest als marktschreierische Event-Kultur beargwöhnen. Daher hält Fehlmann den Zuschnitt der Abo-Konzerte, in denen das Stammpublikum sitzt, eher traditionell. Experimente findet man hier kaum – weder im Programm noch im formalen Ablauf der Konzerte. Bekannte Werke sorgen für genügend Wiedererkennungswert. Geht es also doch auch hier vor allem um die Quote? „Ich glaube, langfristig ist die Mischung das Entscheidende“, sagt Fehlmann. Ein Programm nur mit Klassik-Hits funktioniert für ihn ebenso wenig wie eines nur mit unbekannten Werken.

Und vor allem: „Die Programmgestaltung hat ganz klar mit der Verortung des Orchesters zu tun.“ In einer Großstadt mit mehreren Klangkörpern sähe sie anders aus. „Hier aber geht es um ein großes Einzugsgebiet und darum, dass ein Programm genügend Zuhörer findet, selbst wenn wir es drei Mal in der Woche spielen“, sagt Beat Fehlmann. „Das ist mir wichtiger, als dass die Fachleute innerhalb der Stadt stolz darauf sind, was für ein avanciertes Programm wir machen.“