Ein berühmtes Zitat von William Shakespeares Tragödien-Held Hamlet ist zurzeit in aller Munde: Die Zeit, so heißt es angesichts von Brexit, Trump und Erdogan, sei „aus den Fugen“ geraten. Doch wenn die Zeit aus den Fugen ist, so müssen eben neue Fugen her. Ganz einfach. Oft helfen hier schon bloße Bezeichnungen weiter.

Die Fugen, aus denen die Zeit nun zu fallen scheint, tragen den Namen Moderne. Sie leisten ihren Dienst seit mehr als hundert Jahren – kein Wunder also, dass sie allmählich porös werden. Jetzt wird diese Moderne zu Grabe getragen und zwar dort, wo man sich schon immer zuständig fühlte für die Bezeichnung von Fugen und Epochen: in der Geisteswissenschaft. „Die Epoche der Moderne“, erklärt der Kulturwissenschaftler und ehemalige Direktor der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Werner Heinrichs, „wurde inzwischen durch das digitale Zeitalter abgelöst“. Was aber war das überhaupt, die Moderne?

Die ersten Assoziationen: schräge Töne und schrille Farben. Atonale Kompositionen von Arnold Schönberg, aber auch Punk-Rock nach Art der Sex Pistols. Abstrakte Malerei von Wassily Kandinsky, aber auch Pop Art von Andy Warhol. Doch Moderne war noch weitaus mehr: eine Bewegung, die nicht nur die Kunst, sondern auch die Politik und die Wirtschaft erfasste. Kurzum die gesamte Gesellschaft.

Ihr Ursprung, sagt Werner Heinrichs, liege in der „Säkularisierung der menschlichen Erkenntnis“. Und damit bei Immanuel Kant. Der Philosoph der Aufklärung hatte bekanntlich den Menschen dazu aufgefordert, sich seines „Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Vor der Moderne galt ein kirchlicher Verhaltens-Kanon, der mit dem Versprechen auf ein Leben nach dem Tod warb. Mit ihrem Beginn gab sich das autonom denkende und handelnde Individuum seine Regeln plötzlich selbst – und stellte damit im 20. Jahrhundert alles auf den Kopf, von den Naturwissenschaften über die Kultur bis hin zur Wirtschaft.

Naturwissenschaften

Modern wurden sie an dem Tag, als sie von unzuverlässigen Vergleichsgrößen aus Gottes Natur Abschied nahmen. Wie lang ist schon ein Fuß oder eine Elle? Mit dem metrischen System wurde das Messen von Längen, Flächen, Räumen zuverlässig, international und vor allem rational. Moderne bedeutete, dass sich Physiker bislang ungelöste Rätsel unseres Universums ganz ohne kirchliche Erlaubnis zu lösen trauten: Nach den durchschlagenden Erfolgen mit Einsteins Relativitätstheorie und Heisenbergs Unschärferelation glaubte man sogar, die Weltformel finden zu können, also eine einheitliche Theorie für alle Bereiche der Physik.

Kultur

Moderne gleich Kants Erbe – diese einfache Formel lässt sich auch auf Kunst und Kultur übertragen. Bis ins 19. Jahrhundert hinein hatten Künstler noch zu gehorchen, sowohl ihren Mäzenen als auch strengen Regel-Katalogen. Jede Architektur, jede Skulptur, jedes Theaterstück hatte sich an den Proportionen und Strukturen antiker Vorbilder bemessen zu lassen. Jetzt aber gaben sich die Künstler plötzlich ihre Regeln selbst. Und für die finanzielle Absicherung sorgten schon bald – juristisch flankiert durch ein Urheberrecht – bürgerliche Musikvereine, Galerien und schließlich neue Vermarktungsmöglichkeiten wie Tonträger, Filme und moderne Drucktechnik.

Wirtschaft

Dass ein freies Wesen auch eines freien Handels bedarf – auf dieser Einsicht gründete die soziale Marktwirtschaft. In einer Situation der totalen Zerstörung, als viele Bürger nach der schnellen Hilfe eines starken Staates riefen, setzte die neue Regierung unter dem maßgeblichen Einfluss von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard auf ein liberales Wettbewerbsmodell, das die Möglichkeiten staatlicher Lenkung allein auf Steuer- und Sozialpolitik beschränkt. Für den Wohlstand sollte der Bürger mit seinen Bedürfnissen selbst sorgen – und nicht ein fürsorglicher Staat. Tatsächlich bewährte sich der moderne Ansatz auch hier, ganz im Gegensatz zur DDR, wo man sich mit der Planwirtschaft für ein Prinzip entschied, dass dem Grundgedanken der Moderne komplett widersprach.

Freiheit, Selbstbestimmung, Erkenntnisstreben ohne Beeinflussung durch Dogmen von Kirche und Staat: Das waren die Merkmale der Moderne. Warum ist diese Zeit vorbei?

Heinrichs sieht die ersten Tendenzen ihres Niedergangs schon in den 1980er- und 1990er-Jahren, jener Zeit, in der von Postmoderne die Rede war. Das gängige Verständnis dieser Phase bestand in einer Vermischung unterschiedlicher Stile und Epochen. Postmoderne Architektur etwa wie das Stuttgarter Ensemble von Staatsgalerie und Musikhochschule verbindet barocke Formensprache mit modernen Elementen. Was in der Kunst vielfach das Ausdrucksspektrum zu erweitern vermochte, entwickelte sich in anderen Bereichen zum Symbol für die Konsumgesellschaft: Einkaufszentren boten plötzlich auch Cafés, Kinos und Kletterhallen an. Heinrichs spricht von einer „an Narzissmus grenzenden Innenorientierung der Erlebnisgesellschaft“, die aus jedem Angebot ein Event gemacht habe – eine Pervertierung des modernen Freiheitsgedankens.

Hinzu kam: Als Religionsersatz hatte die Wissenschaft versagt. Entgegen aller Hoffnungen wollte sich die Weltformel nicht finden lassen, im Gegenteil: Trotz aller Spitzentechnologie erwiesen sich selbst scheinbar einfache Aufgaben wie eine längerfristige Wetterprognose als unlösbar. Die Chaostheorie, wonach der Flügelschlag eines Schmetterlings eine ganze Modellrechnung über den Haufen werfen kann, führte der Menschheit vor Augen, dass auch Wissenschaft an Grenzen stößt. Im digitalen Zeitalter glaubt niemand mehr an eine abschließende Erklärung der Welt.

Und so zeichnet sich dieses Zeitalter zunächst durch einen Verlust an Errungenschaften der Moderne aus. Datenschutz und Fernmeldegeheimnis waren einst Ausdruck bürgerlicher Selbstbestimmung: In Zeiten der Selbstentblößung auf sozialen Netzwerken scheint dies obsolet geworden zu sein. Das Urheberrecht als schärfste Waffe zur eigenständigen kreativen Arbeit: stark ausgehöhlt. Werte wie Arbeitsschutz und Chancengleichheit sind nicht mehr in Mode: Den Konsumenten des digitalen Zeitalters kümmern die Produktionsbedingungen in Bangladesch wenig, wenn der Preis fürs T-Shirt stimmt.

Auch in der Kunst sind die Umwälzungen bemerkbar. Der autonome Künstler tritt in den Hintergrund, entscheidend sind dagegen Gemeinschaften. Das gilt für Komponisten, die zunehmend auf Software-Spezialisten angewiesen sind, ebenso wie für Fotokünstler, bei denen die Bildbearbeitung immer mehr Raum einnimmt. „Nicht mehr das individuelle Genie schafft allein das Kunstwerk“, sagt Heinrichs, „sondern ein Kollektiv von Personen.“

Das Genie ist tot, es lebe die Gemeinschaft – wie es sich in dieser neuen Epoche leben lässt, muss sich zeigen. Den Niedergang der Romantik hat die Menschheit bis heute nicht wirklich verwunden. Möglich, dass die Trauer um die Moderne ähnlich lange anhält.

 

Werner Heinrichs: Die Moderne – Bilanz einer Epoche. UVK 2017, 49,99 Euro

 

So nähert man sich moderner Kunst: