Es waren meist Pianisten oder Geiger, die bislang als Artist in Residence zum Bodenseefestival eingeladen wurden. Naturgemäß, möchte man sagen, denn für diese Instrumente wurde auch der größte Teil an Sololiteratur geschrieben. Im vergangenen Jahr stellte mit dem Pavel Haas Quartett erstmals ein Ensemble den Artist in Residence. Auch in diesem Jahr ist die Wahl wieder ungewöhnlich. Sie fiel auf die Trompete. Doch nicht nur das: Artist in Residence ist eine Frau, die norwegische Trompeterin Tine Thing Helseth – die nordischen Länder bilden den Schwerpunkt im diesjährigen Festivalprogramm. Die 28-jährige Helseth hat bereits eine steile Karriere hingelegt. Sie war noch keine zwanzig Jahre alt, da wurde sie bei den norwegischen Grammy Awards ausgezeichnet, und sie spielte bei der Gala zur Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo. Längst ist ihr Ruf auch über die Landesgrenzen hinaus geeilt. 2003 wurde sie auch mit dem Echo Klassik als beste Nachwuchskünstlerin ausgezeichnet.

Noch immer gelten die Blechblasinstrumente als Männerdomäne. Doch für Tine Thing Helseth war die Instrumentenwahl kein Akt der Rebellion oder Emanzipation. Bereits ihre Mutter spielte Trompete, der Vater Horn – und so lag es für die kleine Tine nahe, es den Eltern gleichzutun. Überhaupt findet sie nichts Besonderes darin, als Frau Trompete zu spielen. Schon in der Schule hätten viele ihrer Freundinnen Blechblasinstrumente gespielt. Und generell ändere sich in dieser Hinsicht gerade viel – was man ja tatsächlich auch in deutschen Orchestern beobachten kann, wo man immer häufiger auch Frauen in der Blechbläsersektion findet.

Beim Bodenseefestival gibt Tine Thing Helseth zehn Konzerte auf unterschiedlichen Bühnen rund um den See. Als Solistin eröffnet sie am 23. April mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg das Festival in Friedrichshafen. Und als erste Artist in Residence wird sie (mit ihrem Tine Thing Helseth Jazz Quintet) auch zum Festivalabschluss spielen, der wieder als kinderfreundliches Picknick-Fest im Schlosspark Salem stattfinden soll. Daneben tritt Helseth auch mit der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz und dem Stavanger Symfoniorkester auf sowie in kammermusikalischen Besetzungen. Eine besondere Attraktion verspricht das Konzert in Ravensburg am 26. April mit dem tenThing Brassensemble – einer Ensemblegründung Tine Thing Helseths nur mit Frauen. Natürlich werde sie immer wieder auf diese ungewöhnliche Besetzung angesprochen: „Wenn es nur Männer wären, würde kein Mensch danach fragen. Aber da es nur Frauen sind, fragt jeder. Deswegen antworte ich am liebsten gar nichts darauf“, sagt sie augenzwinkernd. In Ravensburg bietet das Ensemble ein breit gefächertes Programm mit Werken von Händel über Edvard Grieg bis zu Kurt Weill.

Ensemblegründungen wie ten Thing, das Tine Thing Helseth Trio oder das Tine Thing Helseth Jazz Quintett lassen erahnen, mit welcher Energie die junge Musikerin ihre Karriere angegangen ist. Nun allerdings muss sie kürzer treten. Nachdem sie ein halbes Jahr ausgesetzt hat, hat sie auf Anraten ihrer Ärzte auch das anstehende Programm beim Bodenseefestival gekürzt und umdisponiert. Der Meisterkurs am Vorarlberger Landeskonservatorium in Feldkirch fällt aus. Und in den beiden Konzerten in Salem und Münsterlingen (5. und 7. Mai) wird sie durch den Trompeter Giuliano Sommerhalder ersetzt. Zwei weitere Termine (Schloss Achberg und Meersburg) wurden auf das Ende des Festivals verlegt, so dass die Künstlerin in zwei Konzertphasen zu Beginn und gegen Ende des Festivals am Bodensee präsent sein wird.

Der Länderschwerpunkt lässt den Blick in diesem Jahr also Richtung Norden streifen. Wer an Skandinavien denkt, denkt meist an faszinierende Naturschönheiten und beeindruckende Landschaften. Aber die „Nordlichter“ haben auch kulturell viel zu bieten – man denke nur an Komponisten wie Jean Sibelius, Edvard Grieg oder Carl Nielsen und an Schriftsteller wie Henrik Ibsen oder August Strindberg. Neben den „klassischen Namen“ finden sich aber auch zahlreiche zeitgenössische Künstler auf dem Festivalprogramm.

Die aktuelle nordeuropäische Kulturszene ist lebendig. So wird die Konzertreihe „Alte Mauern – Junge Künstler“ in diesem Jahr von jungen Musikern und Komponisten aus Island gestaltet, die sich unter dem Namen Skark zu einem Ensemble formiert haben. Unterschiedliche Filmreihen widmen sich dem nordischen Kino – wobei auch ein Name wie Aki Kaurismäki nicht fehlt. Für das umfangreiche Programm mit Kinderveranstaltungen bieten die lausbübischen Charaktere Astrid Lindgrens natürlich eine wahre Fundgrube. Das Theater Konstanz steuert eine Inszenierung von Hendrik Ibsens „Volksfeind“ zum Programm bei. Lesungen stellen Literatur aus Skandinavien vor. Und natürlich dürfen Musiker wie der Jazzposaunist Nils Landgren oder die ehemalige Schlagersängerin Gitte Hænning nicht fehlen. Bereits jetzt auf große Nachfrage stößt auch das Joik-Seminar in Feldkirch, das sich dem urtümlichen kehligen Joik-Gesang der Sámi widmet. Langweilig wird es mit den Nordlichtern jedenfalls nicht.

 

Bodenseefestival: 23. April bis 16. Mai. Karten gibt es bei den jeweiligen Vorverkaufsstellen vor Ort oder zentral bei der Bodenseefestival GmbH in Friedrichshafen, Tel. 07541/203-3300