Als erster deutscher Beitrag ist „Systemsprenger“ ins Berlinale-Rennen um den Goldenen Bären gegangen. Das Drama erzählt die Geschichte der neunjährigen Benni, die nicht bei ihrer überforderten Mutter leben kann und immer wieder gegen das Sozialsystem rebelliert. Sie ist aggressiv, fliegt wiederholt aus betreuten Wohngruppen und lässt die Verantwortlichen ratlos zurück. „Systemsprenger“ ist das Spielfilmdebüt von Nora Fingscheidt (35), die damit auch eine von sieben Regisseurinnen im diesjährigen Wettbewerb ist. Im Interview erzählt sie von ihrer Inspiration für den Film und davon, welche Rolle Andreas Dresen bei dem Projekt spielte.

Frau Fingscheidt, warum genau haben Sie sich für Ihr Spielfilmdebüt die Geschichte der kleinen Systemsprengerin Benni ausgesucht?

Ich wollte schon lange einen Film machen über ein kleines, wütendes Mädchen und habe nie richtig die Geschichte dafür gefunden. Eines Tages, als ich einen Dokumentarfilm drehte über ein Heim für wohnungslose Frauen, zog plötzlich ein 14-jähriges Mädchen ein. Ich habe mich gefragt: „Huch, was macht eine 14-Jährige hier?“ Da sagte eine Sozialarbeiterin: „Ach, Systemsprenger, die dürfen wir immer an ihrem 14. Geburtstag aufnehmen.“ Das war der Moment, wo ich mich fragte: „Systemsprenger? Was ist das denn für ein Begriff?“ Dann habe ich angefangen zu recherchieren. Das war vor sechs Jahren.

Haben Sie seitdem an dem Film gearbeitet?

Die sechs Jahre, die wir jetzt schon an dem Projekt sitzen, sind nicht non-stop in den „Systemsprenger“ geflossen. Es sind mehrere Filme in dieser Zeit entstanden; es gab Zeiten, wo ich die Arbeit an dem Film unterbrechen musste für ein Jahr, weil ich irgendwann gemerkt habe, die Recherche geht mir zu nah, ich kann's nicht mehr ertragen. Da brauchte ich Abstand, dann ging's wieder. So gab es immer wieder Wellen.

Regisseurin Nora Fingscheidt (links) und die Schauspieler Helena Zengel und Albrecht Schuch kommen zur Premiere des Film "Systemsprenger".
Regisseurin Nora Fingscheidt (links) und die Schauspieler Helena Zengel und Albrecht Schuch kommen zur Premiere des Film "Systemsprenger". | Bild: Jens Kalaene / dpa

Sie haben mit diesem Filmprojekt 2017 auch schon an der Berlinale Talents Script Station teilgenommen – was waren wichtige Impulse aus dieser Erfahrung?

In einer späten Drehbuchphase habe ich mich bei Berlinale Talents für die Script Station beworben und hatte da die Möglichkeit, mit Filmprofessionellen aus ganz anderen Ländern drüber zu sprechen.

Sie haben unter anderem den Kompagnon-Förderpreis Berlinale Talents für das Drehbuch gewonnen. Ein Teil der Auszeichnung war eine Zusammenarbeit mit dem Regisseur Andreas Dresen. Können Sie dazu etwas erzählen?

Genau, Teil des Preises war, dass ich mir eine Begleitung meiner Wahl aussuchen kann – vorausgesetzt der- oder diejenige stimmt auch zu. Das habe ich aufgeteilt in dramaturgische Betreuung bei Bernd Lange und Regiebetreuung von Andreas Dresen. (…) Die Zusammenarbeit mit Andreas Dresen ging eher auf die konkrete Umsetzung. Er hat mir sehr gute Tipps gegeben fürs Casting, für den Dreh, für den Umgang mit den Szenen. Er hat am Ende auch den Schnitt gesehen, Feedback gegeben.

Sie sind eine von sieben Regisseurinnen im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb. Immer wieder wird über die Rolle von Frauen im Filmbusiness gesprochen. Ist es als Frau schwieriger hinter der Kamera, wie ist da Ihre Erfahrung?

Meine persönliche Erfahrung ist eine gute, gleichwohl ist es wichtig, dass die Debatte geführt wird. Ich bin sehr glücklich, dass ich in einer Generation aufgewachsen bin, wo mir Türen offen standen. Als ich gerne Regisseurin werden wollte, hat nie jemand gesagt: „Aber das geht doch nicht“. (...) Meine Zusammenarbeit mit Männern ist toll. Ich erlebe viele aufgeschlossene Männer, die auch gerne mit einer Regisseurin zusammenarbeiten wollen. Ich bin mal gespannt, wie es weitergeht. Es sind gute Zeiten für Regisseurinnen. Es ist toll, dass sich das Blatt jetzt wendet. Ich merke, dass sich da viel ändert.