So einfach wie Walter Ulbricht im Jahr 1961 hatte es Ilya Khrzhanovsky, ein in London lebender Russe mit bulgarischem Pass, nicht. Sein Plan, im Zentrum der deutschen Hauptstadt die Mauer wiederaufzubauen, ist vorerst nicht zu verwirklichen. Wie Berlins Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos) und Stadträtin Sabine Weißler (Grüne) vom Bezirksamt Mitte mitteilten, scheiterte das Projekt an technischen Problemen und Sicherheitsfragen, obwohl die Veranstalter ihre Pläne auf weniger als die Hälfte eingedampft hatten.

In der Kürze der Zeit sei es den Behörden nicht möglich gewesen, die nötigen Überprüfungen vorzunehmen. Projekte dieser Größenordnung benötigten einen Vorlauf von einem Jahr, so Weißler. Die Unterlagen seien erst vor sechs Wochen eingegangen. Geplant war die Eröffnung für den 12. Oktober. Am historischen Datum 9. November sollte der Mauer-Nachbau fallen. Die Veranstalter wollen die Entscheidung prüfen lassen. Auch Kulturstaatssekretärin Monika Grütters (CDU) bedauert die Absage.

48 Euro für den Freiheitsentzug

Originalgetreu, exakt 3,70 Meter hoch und 800 Meter lang mit Mauerkrone und Wachturm hätte das Bauwerk auf dem 35.000 Quadratmeter großen Areal zwischen dem Boulevard Unter den Linden, Bebelplatz und Französischer Straße entstehen sollen. Überwindbar wäre das monströse Kunstprojekt, das auch die Staatsoper und das Kronprinzenpalais mit eingemauert hätte, nur mit Passierschein gewesen. Gemeint war damit ein Tagesticket für 48 Euro, mit dem sich die Besucher freiwillig der Erfahrung des totalen Freiheitsentzugs hätten hingeben dürfen.

Eigentlich sollte das Projekt geheim bleiben und die Berliner in einer Nacht-und Nebel-Aktion vom Wiederaufbau der Mauer so überrascht und geschockt sein wie beim realen Mauerbau. Doch rasch drangen Einzelheiten an die Öffentlichkeit. So wurde bekannt, dass Regisseur Khrzhanovsky innerhalb der Mauer unter anderem ein mehrstündiges Film- und Performance-Werk zeigen wollte, das den russischen Physik-Nobelpreisträger Lew Landau (1908-1968) porträtiert. Beteiligt waren auch der Regisseur Tom Tykwer und die Filmgesellschaft Phenomen. Landaus Spitzname „Dau“ ist Namensgeber für das 6,6 Millionen Euro teure Projekt, das vom Putin-Vertrauten Sergej Adonjew finanziert werden sollte.

Regisseur Tom Tykwer gehört zu den Unterstützern des Mauer- und Kunstprojekts "DAU Freiheit".
Regisseur Tom Tykwer gehört zu den Unterstützern des Mauer- und Kunstprojekts "DAU Freiheit". | Bild: Jörg Carstensen / dpa

Die Vorbereitungen waren schon weit vorangeschritten. In Brandenburg und Polen warteten 800 eingelagerte, jeweils 2,75 Tonnen schwere Mauersegmente auf ihren Transport nach Berlin. Die Touristiker in Berlin hatten sich gefreut, dass die Hauptstadt noch eine publikumsträchtige Attraktion mehr anzubieten hätte. Sie erhofften sich von der vierwöchigen Aktion eine halbe Million Besucher, 10.000 bis 15.000 Menschen hätten pro Tag die Einreise in die Gruselwelt sozialistischer Diktatur geschafft. Sie alle hätten am Eingang ihr Handy abgeben müssen im Austausch für einen elektronischen Aufpasser, der den Besuchern auf ihrer Tour erklärt, was sie dürfen und was nicht, was sie zu sehen und zu denken haben.

Bis zuletzt war das „DAU“-Projekt umstritten. Während Kulturstaatsministerin Grütters und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) dem Vorhaben wohlwollend gegenüberstanden und sich Kultursenator Klaus Lederer (Linke) aus der Sache heraushielt, fürchteten Kritiker eine Art Geisterbahn der Geschichte. Nach Ansicht des DDR-Bürgerrechtlers Konrad Weiß banalisiere das „DAU“-Projekt die kommunistischen Verbrechen und verletze die Gefühle von Angehörigen der Mauer-Toten. Die frühere Stasiunterlagen-Beauftragte Marianne Birthler, Dirigent Christian Thielemann, Filmproduzentin Regina Ziegler und Journalistin Wibke Bruhns sowie Lea Rosh, die Initiatorin des Holocaust-Mahnmals, haben einen offenen Brief geschrieben unter dem Motto: „Wir wollen keine Mauer mehr sehen.“

Die Mauer als Symbol

Zuvor hatten sich Schauspieler und andere Kulturschaffende in einer Erklärung hinter Khrzhanovsky gestellt, der sich als Opfer einer Hetzkampagne bezeichnet hatte. Die Mauer sei keine platte Nachahmung, sondern ein Symbol für eine auch gegenwärtige, reale Gefahr, so die Unterzeichner Lars Eidinger, Iris Berben, Tom Schilling und Veronica Ferres. Befürworter des Projekts hatten immer wieder den Kunst-Charakter der Aktion betont, die Möglichkeit, in einem geschützten Kunstraum den Eindruck der Unfreiheit um der Freiheit willen zu erleben. Ein erboster Leserbrief-Schreiber hatte Regisseur Khrzhanovsky daraufhin aufgefordert, auf dem Roten Platz in Moskau das Straflager Gulag aufzubauen, um dessen Schrecken erlebbar zu machen.

Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben – und der Streit um „DAU“ kann noch dauern. Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Stephan von Dassel (Grüne), empfahl den Veranstaltern, das Event auf den Herbst kommenden Jahres zu legen. Dann jähre sich der Fall der Mauer zum 30. Mal, und am 9. November 2019 könnte die Mauer dann symbolträchtig eingerissen werden.