Vergiss die AfD und Pegida! Bei ihnen weißt du, woran du bist. Sie versuchen nicht irgendwas zu sein, was sie nicht sind. Sie sind offen rassistisch und Grenzen sind klar definiert.

Bei selbsternannten Aufgeklärten wird die Sache schon schwieriger. Wer sich die Geschichte des Rassismus anschaut, stellt fest: Rassismus ist ein Parasit. Er verändert seine Form, um sich den Umständen entsprechend anzupassen und seine Existenz zu sichern. Vor 200 Jahren war Sklavenhandel normal. Heute, in vermeintlich politisch korrekten Zeiten, ist er so subtil, dass wir ihn nicht einmal bemerken.

Rassismus im neuen Gewand

Die britische Journalistin Reni Eddo-Lodge hat dieser Art des Rassismus ein Buch gewidmet. In “Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ schriebt sie über einen Rassismus, der sich nicht nur unter den offensichtlichen Rechten abspielt, sondern auch von denen ausgeht, die sich für tolerant und aufgeklärt halten.

Die britische Autorin Reni Eddo-Lodge.
Die britische Autorin Reni Eddo-Lodge. | Bild: Amaal Said


Ein Beispiel

Ein Beispiel für Mechanismen, die Diskriminierung ermöglichen, zeigt eine aktuelle Veröffentlichung der Universität Konstanz. Auf der Internetseite der Universität erschien kürzlich eine Studie über „Diskriminierung am Arbeitsplatz“. Forscher untersuchten, „wie sich das Arbeitsverhalten von Arbeitnehmern ändert, die in ihrem Team stark in der Minderheit sind.“

Aufgrund ihrer Erkenntnisse sprechen die Forscher eine Empfehlung für Unternehmen aus, die auf Diversität setzen: „Mitarbeiter, die demographisch weniger in ein Team passen, brauchen gerade zu Anfang mehr Aufmerksamkeit und Hilfestellung“. Wer ein Team leite, solle für diese Tatsache sensibilisiert und vorbereitet sein. Klingt ja schön und gut. Nur: Sollte die Aufmerksamkeit nicht denen gelten, die das eigentliche Problem sind? Denjenigen also, die durch ihre Vorurteile diskriminieren?

Minderheiten werden immer noch als Problem gesehen

In der Studie ist von „negativen Anker Events“ die Rede. Situationen, in denen Minderheiten in einem Team Diskriminierung durch andere Teammitglieder erfahren, und die die Zusammenarbeit über Jahre hinweg prägen.

Laut Empfehlung der Wissenschaftler sollen Personalchefs die Wenigen an die Hand nehmen, damit diese mit solchen Situationen besser umgehen können. Nicht diejenigen, die diskriminieren und die diese Situationen erst ermöglichen. Genau hier liegt das Problem. Die Empfehlung impliziert: Die Minderheiten sind das Problem.

Als wären Minderheiten selbst schuld daran, dass sie Frau, alt, oder dunkelhäutig sind

Anstatt also diejenigen anzuklagen, die wirklich für das Problem verantwortlich sind, sollen die Diskriminierten etwas gegen ihre eigene Diskriminierung tun. Als wären sie selbst daran schuld, dass sie Frau, alt, oder dunkelhäutig sind. Dieses Beispiel zeigt: Selbst Wissenschaftler, die wohlwollend daran arbeiten Diskriminierung abzuschaffen, sind Opfer ihrer eigenen Vorurteile.

„Eine manipulative, luftundurchlässige Decke der Macht“

Die Rückschlüsse der Forscher sind beispielhaft für strukturelle Diskriminierung, die auch Eddo-Lodge in ihrem Buch thematisiert. Sie widmet sich insbesondere der strukturellen Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund und sieht die universelle Privilegierung der Weißen (“white privilege“) als das Gerüst, das strukturellen Rassismus ermöglicht.

Reni Eddo-Lodges Buch „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“
Reni Eddo-Lodges Buch „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ | Bild: Tropen Verlag

„White privilege ist eine manipulative, luftundurchlässige Decke der Macht, die wie Schnee alles bedeckt, was wir kennen“, schreibt sie. Weiße werden strukturell bevorzugt, ob sie wollen oder nicht. Gleichzeitig erfahren Farbige strukturelle Benachteiligung. “White privilege“ führt dazu, dass Personaler Menschen mit ausländisch klingenden Namen von vornherein ausschließen und Vermieter Migranten bei der Wohnungssuche benachteiligen. Es führt aber auch zu ganz banalen Dingen wie „hautfarbenen“ Pflastern in hellbeigem Farbton, die implizieren: Hellbeige Haut ist der Standard.

Weiße merken‘s nicht

Weiße merken das nicht. Wird in einem hypothetischen Szenario ein Weißer aufgrund von Vorurteilen in einem Bewerbungsverfahren einem Nichweißen bevorzugt, dann ist sich der Weiße seiner Privilegien nicht bewusst. Er denkt, er wird eingestellt, weil er am besten geeignet ist, nicht weil er die “richtige“ Hautfarbe hat. Natürlich kann es auch andere Gründe für die Ablehnung eines Bewerbers geben. Doch wären es immer andere Gründe, gäbe es keine Debatte über die Unterrepräsentation von Minderheiten in eigentlich allen gesellschaftlichen Sphären.

“Farbenblindheit“ hilft nicht

Eine Einstellung, die vermeintlich progressive Weiße gerne einnehmen ist: „Ich sehe keine Farben, nur Menschen“. Rassismus verschwindet allerdings nicht einfach nur, weil wir es wollen. Wenn wir die Augen davor verschließen, belügen wir im besten Fall uns selbst und ermöglichen im schlimmsten Fall das Gegenteil davon was wir zu vermeiden versuchen, nämlich Rassismus. Wer nicht sieht, dass Weiße immer noch strukturell bevorzugt werden, begünstigt unweigerlich strukturelle Diskriminierung. Dass wir in einer “farbblinden“ Gesellschaft leben, ist Wunschdenken und Wunschdenken ist Realitätsverdrängung, die zum Nichtstun führt.

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„Farbenblindheit“ birgt ein weiteres Problem in sich. Sie verhindert, dass wir unsere Andersartigkeit schätzen lernen. Niemand will in einer grauen Suppe von Gesellschaft leben, die die Herkunft des Einzelnen ignoriert und Tradition übergeht. Wer meint, keine Hautfarben zu sehen, folgt stupide Regeln, die er selbst nicht versteht und schadet einer offenen Gesellschaft.

Keine Frage, unser Verstand muss unsere komplizierte Welt irgendwie sortieren können. Nur sollten wir aufhören sie in “bessere“ und “schlechtere“ Kulturen einzuteilen.

Weiße müssen sich ihrer Privilegien bewusst werden

Im Umkehrschluss bedeutet das: Antirassismus ist nicht nur die Vermeidung von rassistischen Äußerungen, sondern auch das Reflektieren der eigenen Person und Bewusstmachung der eigenen Privilegien. Die beständige Macht des Rassismus liegt in seiner Vieldeutigkeit, seiner Wandlungsfähigkeit und seinem Parasitismus. Wenn wir das anerkennen, sind wir auf einem guten Weg.