Nichts macht glücklicher, als einen Liebesbrief zu erhalten. Nichts macht wütender, als einen Liebesbrief von Sir John Falstaff zu bekommen. Dieser trunksüchtige Raufbold, ständig knapp bei Kasse, macht sich an zwei Frauen heran, nur um an ihr Geld zu kommen. Und schickt ihnen zwei tupfengleiche Liebesbriefe.

Die zwei Damen, Alice Ford und Meg Page, sind Freundinnen und lesen sich die Briefe vor. Unglücklich verheiratet, fühlt sich Alice um ihre Liebessehnsucht betrogen. Erst recht Betrug wittert ihr Ehemann Ford. Falstaffs zwielichtige Diener schlagen sich auf die Seite von Ford. Ein Rendezvous wird arrangiert, um Falstaff zum Gespött zu machen.

Wahre Liebe ist selten

Echte Liebe gibt es nur zwischen Fords Tochter Nanetta und ihrem Fenton. Es beginnt ein rasantes Spiel der Irrungen, Verwirrungen und Verkleidungen, um Falstaff dingfest zu machen. Ein zweites Rendezvous wird für ihn zum Sommernachts-Alptraum.

Die Moral von der Geschicht‘ über den unmoralischen Falstaff: Alles Theater. Alle stimmen in die grandiose Schlussfuge ein: „Tutto nel mondo è burla, l‘uom è nato burlone“ – Alles ist Spaß auf Erden, der Mensch als Narr geboren.

Falstaff (Juan Orozco) ist am Ende.
Falstaff (Juan Orozco) ist am Ende. | Bild: Paul Leclaire / Theater Freiburg

Das ist Shakespeare fast pur, verarbeitet von Arrigo Boito zu einem genialen Libretto, das den greisen Guiseppe Verdi zu seiner letzten Oper inspirierte – ausgerechnet einer Komödie, uraufgeführt 1893 in Mailand. Seitdem sind viele Jahre vergangen. In der Freiburger Inszenierung jetzt ist nicht mehr alles Spaß auf Erden, sondern vieles Sozialkritik.

Verdis „Falstaff“, extrem kleinteilig komponiert, setzt auf Aktion, Rasanz, Bewegungswitz, Leichtigkeit. Die Regisseurin Anna-Sophie Mahler scheint auf das Gegenteil zu setzen: auf Kritik an der bürgerlichen Ehe, auf Emanzipation der Frau, was statt Leichtigkeit eine gewisse Schwerfälligkeit zur Folge hat.

Elvis-Tollen und Mondrian-Kleider

Der Freiburger „Falstaff“ spielt zu Beginn der 1960er-Jahre. Bei den Männern sind Jeans und Elvis-Tollen angesagt, bei den Frauen Mondrian-Kleider von Yves Saint Laurent. Bühnenbildner Duri Bischoff hat eine riesige zweigeschossige Wohnhöhle aus den damals angesagten Ziegelwänden bauen lassen. Unten der Wohnraum mit Schrankwand, Durchreiche zur Küche und Mobiliar von 1960.

Oben wird geschlafen – Lamellenschränke aus Holz bieten sich geradezu an als Versteck, werden aber selten genutzt. Hier wird keine türklappende Komödie gespielt, hier wird Ernst gemacht. Nach stummem Vorspiel bricht Falstaff Knall auf Fall mit der Musik ein ins kalte Heim von Ford.

Die Bühne von Duri Bischoff hat zwei Etagen.
Die Bühne von Duri Bischoff hat zwei Etagen. | Bild: Paul Leclaire / Theater Freiburg

Das Philharmonische Orchester, sehr witzig unter Leitung von Fabrice Bollon, nimmt immer wieder Anlauf, als wolle es die Bühnenhandlung in Verdis Sinn beschleunigen, allein: Die Inszenierung, insbesondere die Personenführung, bleibt zurück, uninspiriert, behäbig.

Ist Falstaff nicht ein sinnenfreudiger Kraftkerl, der alle Ketten sprengt? In Freiburg darf man als Zuschauer schon froh sein, wenn die Haushälterin, die pfundige Mezzosopranistin Anja Jung, zum Schnapsglas greift.

Viele Möglichkeiten verschenkt

Slapstick-Momente, von Libretto und Komposition angeboten, werden verschenkt. Ebenso die Möglichkeit zu Simultan-Aktionen auf den zwei Hausgeschossen. Tragik und Komik werden bevorzugt am Boden ausgeübt, kniend, liegend – gesungen allerdings von einem überwiegend hervorragend disponierten Ensemble.

Die ersten zwei Akte von Verdis „Commedia lirica“ dehnen sich bis zur Pause hin. Dann aber folgt der dritte Teil. Und jetzt ist die Inszenierung sowohl auf der Höhe des Gegenwartstheaters als auch auf Augenhöhe mit der Verdi-Oper. Die Abrechnung mit Falstaff wird zum großen Reinemachen im Hause Ford. Weg mit dem Schandfleck.

Falstaff (Juan Orozco, Mitte) geht es an den Kragen.
Falstaff (Juan Orozco, Mitte) geht es an den Kragen. | Bild: Paul Leclaire / Theater Freiburg

Schauplatz ist der neongrelle Keller mit Waschmaschine. Schwer angeschlagen, nur noch in Unterwäsche, entwickelt Juan Orozco als Falstaff plötzlich eine muskelglänzende Männlichkeit, eine den Spießern überlegene Körperlichkeit und Sinnlichkeit, gerade auch durch die bewegliche Fülle und Stärke seines Baritons.

Wenn es Mitternacht schlägt, wallt geheimnisvoll Dampf in der Waschküche. Orozco muss nur einmal beide Arme heben, und schon beginnt alles zu schweben – ein wundersames Bild tragischer Kraft. Gegenspielerin ist jetzt vor allem Samantha Gaul als Nannetta. Zur Geisterstunde ertönt glockenhell ihr sicherer Sopran, stark wie ihre ehrliche Liebe zu Fenton (leidenschaftlich: Joshua Kohl).

Gefährliche Meute auf Socken

Die saubere Gesellschaft in Unterwäsche, stimmgewaltig verstärkt durch den Chor, kommt lächerlich auf Socken daher und wirkt dennoch wie eine gefährliche Hetzmeute. Ihr Anführer Ford ist ein Herr Saubermann, ausstaffiert mit schneeweißer Wäsche, ausgestattet mit einem voluminösen Bariton (Martin Berner).

Ford (Martin Berner) ist ein Saubermann.
Ford (Martin Berner) ist ein Saubermann. | Bild: Paul Leclaire / Theater Freiburg

Ihm gewachsen ist Irina Jae-Eun Park als Ehefrau Alice. Stimmen und Musik, Kraftwerk der Gefühle, ergießen sich in der Schlussfuge: „Alles ist Spaß auf Erden, der Mensch als Narr geboren.“

Die zwei unzufriedenen Frauen Alice und Meg allerdings kennen keinen Spaß: Sie verlassen die Männer und verschwinden durch den Zuschauerraum. Ein netter Einfall, eine modische Geschenktüte für die emanzipierte Frau. Zwei Vorhänge und einige Buhs beim Applaus – und aus.

Weitere Aufführungen von „Falstaff„ am 3., 10. und 16. Oktober 2019 sowie am 1. und 24. November. Informationen zum Stück und zum Ticketkauf finden Sie hier.