Über der Bühne hängt etwas, das aussieht, als hätte einer ein Loch in die Decke gesprengt. Eine rote Zunge wird heruntergelassen, überdimensional und plüschig wie ein Sofa. Die Beach Boys spielen „Do It Again“ und ein Chor aus jungen Frauen in spacig glänzenden Blousons und Miniröcken schreit aus vollem Hals „Ich bin der Mann“: Willkommen in René Polleschs neuem skurrilem Theaterklamauk „Was hält uns zusammen wie ein Ball die Spieler einer Fußballmannschaft?“, der am Freitag im Schauspielhaus Stuttgart die frenetisch beklatschte Uraufführung feierte.

Der Applaus galt dabei vor allem auch den Darstellern, die sich in dem neuen Stück wieder den überdrehten Einfällen des Autors und Regisseurs aussetzen, während ihnen der Text, an dem, wie bei Pollesch üblich, bis zum Schluss gefeilt wurde, gelegentlich abhandenkommt und von der Souffleuse eingeworfen werden muss. Die Grenzen zwischen Spiel und Realität sind fließend. Doch liegt dies im Sinne des Autors und Regisseurs, wenn er und seine Dramaturgin Anna Haas etwa Astrid Meyerfeldt, die sich in den Chor als Ganzes verliebt hat und Sex auf der Bowlingbahn sucht, das Bühnenbild von Janina Audick erklären und auf wundersame Weise mit Donald Trump in Verbindung bringen lassen. Dann setzt sich die Mimin wieder zu Christian Czeremnych, Julischka Eichel, Abak Safaei-Rad und Christian Schneeweiß auf das hölzerne Katapult, das aussieht wie eine der Erfindungen von Leonardo da Vinci aus dem 15. Jahrhundert, aber auch eine übergroße Tatze der „Pussycat“ sein könnte, nach der Meyerfeldt die ganze Zeit sucht. Auch ohne Videos, derer sich Pollesch in früheren Produktionen mit Vorliebe bediente, ist der Film gegenwärtig in diesem neuen absurden Spektakel, von dem nicht klar ist, ob es noch Theater oder schon in eine nächste, noch unbekannte Dimension vorgestoßen ist.

Nicht, dass es der Inhalt eines Films im Speziellen wäre, der Pollesch interessiert und mit dem er die Zuschauenden nötigen würde, jene Kinostreifen zu kennen, die er selbst kennt, um möglicherweise verstehen zu können, was er damit gemeint haben könnte. Nein, es geht vielmehr um die dort verhandelten Objekte. Einen Aufzug bei Hitchcock zum Beispiel oder die Hasenpfote in „Mission Impossible“. Eine Sache, die eine gewisse Rolle spielt. Wie der Ball beim Fußball eben.

Und während die Zuschauer in Polleschs Stück knappe anderthalb Stunden auf der Suche nach dem Sinn sind, sind die Darsteller neben dem pausenlosen Sprecheinsatz, aus dem ihnen ohne erkennbare Absicht Worte und Halbsätze wie bei einem Tourette-Syndrom als tierischer Schrei entweichen, auf der Suche nach dem Ding. Nach dem Hitchcock’schen McGuffin, etwas Belanglosem, das die „die Handlung vorantreibt.“

Nach Belanglosem muss man in Polleschs neuer Produktion nicht lange suchen. Nur treibt es die Handlung auch nicht voran. Denn was gibt es Wichtigeres, als sich in Pseudo-Unterhaltungen den Kopf über die Allianz von LSD und Computerkultur zu zerbrechen oder darüber, dass man erst in den Sechzigerjahren darauf kam, ein Foto von der gesamten Erde zu schießen, auf dem ausgerechnet die fotografierenden Astronauten fehlen?

Statt zu schauspielern lässt Pollesch das Ensemble sich künstlich aufregen, sich gegenseitig persiflieren, Deklamation in Wiederholungsschleife zum Running Gag werden und mit gelungener Situationskomik aussprechen, was das Publikum sich schon die ganze Zeit fragt: Warum es hier keine Handlung gibt, man hier so rumschreien und dauernd irgendwelche Sätze wiederholen muss.

Doch warum Ernst machen? Ist das Leben nicht schon ernst genug? Was man Pollesch nicht vorwerfen kann ist, aktuelle Themen zu verhandeln. Lieber macht er sich über die Trivialitäten des Alltags lustig. Und über das Publikum, was dieses nicht zu stören scheint. Im Gegenteil: man amüsiert sich. Und lässt sich vom Pussycat-Plakat in Übergröße die Zunge rausstrecken. Letztere dient wiederholt als Sofa, auf dem der Frauenchor herumtollt, bevor er sich in Bärenfell-Kostüme (Svenja Gassen) wirft und außer mit beeindruckendem Synchron-Sprechen mit ausgefeilter Choreografie zu überlauter Film- und Popmusik der Sechziger und Siebziger Jahre beeindruckt.

Im sinnfreien Stück lässt sich allenfalls auf einer Art Metaebene ein Hintergrund suchen: Es ist ein Stück für die allgegenwärtige Katz, in dem ein spielfreudiger Pollesch mit 17 Chormitgliedern und anfangs nur vier Darstellern Assoziationen an ein Kartenspiel wachruft. Seltsam nur, dass bei später 22 Agierenden kein Ball wie im Titel nahegelegt eine Rolle spielt.

Kommende Aufführungen: 4., 17., 24. November, 1., 10., 18. Dezember im Schauspielhaus Stuttgart. Weitere Informationen unter: www.schauspiel-stuttgart.de

Der Autor

René Pollesch, 55, ist Dramatiker und Regisseur. Er gehört zu den ersten Absolventen des Anfang der Achtzigerjahre gegründeten Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und machte in den Neunzigerjahren im Zuge der sogenannten Postdramatik von sich reden. Diese Strömung zeichnete sich aus durch ihre Öffnung gegenüber anderen Genres der darstellenden Kunst sowie neuen Technologien – vor allem aber durch ihre Loslösung von dramatischen Textvorlagen. (brg)