Die Zeit der Proteste ist vorbei. Jedenfalls was die Fusion der beiden SWR Orchester angeht. Sie ist Realität geworden. Musiker und Publikum haben sich gefügt. Viele Freiburger Musiker pendeln nun nach Stuttgart. Aber das hört man ja nicht, wenn das neue SWR Symphonieorchester auf dem Podium der Baar-Sporthalle sitzt und erstmals die Donaueschinger Musiktage eröffnet. Ein paar mehr Freiburger als Stuttgarter sollen es sein, die in Donaueschingen mitspielen. Noch sortiert sich das Fusionsorchester in zwei Teilorchester. Es dauert wohl noch eine Weile, bis sich alle als ein Klangkörper fühlen.

Dateiname:Musiktage 2016 - Klangbeispiel Joanna Bailie - Music in public places.MP3
Dateigröße:9.27 MBytes.
Datum:16.10.2016
Download:Jetzt herunterladen
Dateiname:Musiktage 2016 - Klangbeispiel Klaus Schedl - Blutrausch.MP3
Dateigröße:9.68 MBytes.
Datum:16.10.2016
Download:Jetzt herunterladen
Dateiname:Musiktage 2016 - Klangbeispiel Bernhard Gander.MP3
Dateigröße:7.72 MBytes.
Datum:16.10.2016
Download:Jetzt herunterladen

Jan W. Morthensons Orchesterstück „Omega“ ist da vielleicht ein guter Einstieg. Der 76-jährige Schwede, der davon ausgeht, dass dieses sein letztes Werk sein wird, hat hier ein auf sympathische Weise altmodisches Stück Neue Musik abgeliefert – mit klaren musikalischen Motiven und wenigen Geräuschanteilen. Es ist ein Stück, auf das man sich einigen kann, ohne dass es Begeisterung hervorriefe.

Doch die Kompromissfähigkeit sinkt im Verlaufe des Konzerts. Und das ist auch gut so. Kompromisse sind der Tod der Kunst. An Klaus Schedls „Blutrausch“ für Orchester und Elektronik scheiden sich die Geister. Das Stück sei „roh, laut, ohne Regeln und unerträglich“ schreibt der Komponist selbst. Dem ist eigentlich nur hinzuzufügen, dass es geradezu fotorealistisch wirkt. Anlass der Komposition war eine psychologische Feldstudie der Universität Konstanz, die sich mit Kindersoldaten im Kongo beschäftigte. Erschreckendes Resultat: Ehemalige Soldaten erlebten das Töten als lustvoll und vermissten auch im Nachhinein das Gefühl von Macht.

Gewaltverherrlichende Musik?

In Schedls Stück hört man diesen Blutrausch, das Töten und die Lust daran so überdeutlich, dass man sich fragt, ob ein Orchesterstück kriegsverherrlichend sein kann. Manchen im Publikum ist das zu plakativ. Sicherlich, man hört unentwegt Maschinengewehre, Schreien und Stöhnen (den Vokalpart übernahm Schedls Komponistenkollege Moritz Eggert). Vielleicht geht das vielen aber auch einfach nur zu nah.

Deutlich friedfertiger und trotzdem lustvoll kommt da Martin Jaggis Beitrag daher. Der Schweizer hat mit „Caral“ eine Art ethnologische Studie über die Musik der Anden erstellt. Darin spielen Flöten eine große Rolle. Doch ganz wird man das Gefühl nicht los, dass der Basler Komponist Anregungen dafür auch aus dem Morgenstraich der heimischen Fastnacht gezogen hat. Durchaus nicht zum Nachteil des Resultats.

Überhaupt die Schweizer. Sie fallen in diesem Jahrgang, zusammen mit ihren alpenländischen Kollegen aus Österreich, immer wieder auf, als Komponisten wie als Interpreten. Vor allem in dem Konzert, in dem sich das Klangforum Wien mit Steamboat Switzerland zusammentut. Das Trio mit Dominik Blum (Hammond Orgel), Marino Pliakas (E-Bass) und Lucas Niggli (Schlagzeug) bezeichnet sich selbst als „Hammond Avantcore Trio“, das sich musikalisch irgendwo zwischen Jazz, Avantgarde, Rock und Hardcore bewegt. Allein dem Drummer Lucas Niggli zuzuschauen, der in unserer Region als Avantgarde-Jazzer wohlbekannt ist, macht riesigen Spaß. Konzentriert wie ein Leistungssportler sitzt er da und prügelt mit einem Höchstmaß an Energie und Präzision die komplexen Metren nach Partitur in sein Drumset ein.

Die eine Partitur stammt von Michael Wertmüller, ebenfalls Schweizer. Halb Jazzer, halb Neue-Musik-Komponist möchte man sagen. „Discord“ amalgamiert, was man normalerweise nicht zusammenzudenken wagt: Zwölftonigkeit und körperbetonten Drive. Aber das Stück lässt auch unterschiedliche Klangwelten aufeinanderprallen. Etwa die Harfe, Symbol wohlgesitteter klassischer Musik, und das Trio aus Hammond-Orgel, Bass und Schlagzeug.

Auch der Österreicher Bernhard Gander hat für diese Besetzung komponiert. Und was bei Wertmüller noch irgendwie Jazz war, ist bei Gander irgendwie Rock. Nur dass er das klassische Instrumentalensemble geschickt für seine Musik vereinnahmt, ohne auch nur einen Gedanken an fragwürdige Versionen von symphonischem Rock aufkommen zu lassen.

Die Zeit der Proteste ist eben auch hier vorbei. Und Festival-Intendant Björn Gottstein empfindet es als Befreiung, dass sich Pop und Klassik, Rock und Avantgarde nicht mehr säuberlich voneinander abgrenzen müssen, um zu zeigen, wer im Recht ist. Zumindest werde die Selbstverständlichkeit, den Schulterschluss zu üben, immer größer, so Gottstein. Man kann die Werke von Gander und Wertmüller als Beleg für diese These nehmen – und als Hinweis darauf, in welche Richtung der neue Leiter die Donaueschinger Musiktage verstärkt lenken möchte.

Auch der Schlager findet einen Platz

Eine ganz andere Auseinandersetzung mit Popmusik kam von Peter Ablinger – interessanterweise ebenfalls ein Österreicher. In seinem Stück „Die schönsten Schlager der 60er- und 70er-Jahre“ (gespielt vom Freiburger ensemble recherche) dreht er sechs Schlager so lange durch den avantgardistischen Fleischwolf, bis sie nur noch bruchstückhaft zu erahnen sind. Konsequenterweise ist die Uraufführung mit einem Preisausschreiben verknüpft: Wer die sechs Schlager errät, schreibt eine Mail an Ablinger und kann eine handsignierte CD von ihm gewinnen. Ein großer Interlektuellen-Ratespaß.

Der Schulterschluss mit Rock und Pop ist das eine. Daneben ist aber auch zu hören, wie in der Neuen Musik eine weitere Berührungsangst fällt: nämlich die zum Schönklang. Das gilt etwa für Martin Smolkas „A yell with misprints“. Das Stück arbeitet mit ganz elementaren Gegensätzen wie laut und leise, hässlich und schön, geräuschhaft und wohlklingend, wirkt aber dennoch nicht banal. Noch ein Stück weiter an der Schraube zum Schönklang dreht Joanna Bailies Werk für Chor (SWR Vokalensemble, Leitung: Marcus Creed), Streichquartett (Améi Quartett) und Elektronik. Wo andere Komponisten dekonstruieren und Klang zersetzen, geht die englische Komponistin in „Music Public Places“ den umgekehrten Weg und entwickelt aus zwei Stadtaufnahmen aus Berlin und Brüssel eine himmlische Chormusik, die passenderweise in der Christuskirche aufgeführt wurde. Von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Wellness-Avantgarde eines Arvo Pärt. Das wäre vor zehn Jahren in Donaueschingen gewiss auch noch nicht denkbar gewesen.