Weihnachten rückt näher und damit auch die Frage: Braucht es wirklich noch immer diesen Literaturkalender für die Wand? Wo wir doch Dichtung längst auf E-Books lesen und für den Wochentag ein Blick aufs Smartphone genügt? Die überraschende Antwort: Ja, solche Kalender braucht es tatsächlich. Und zwar mehr als je zuvor.

Der Buchmarkt steckt in einer Krise, glücklich aber sind Verlage, die Kalender im Angebot haben. Seit Jahren steigen allerorten die Verkäufe. Was bei Romanen und Sachbüchern verloren geht, reißt der Kalender mit den stimmungsvollen Schwarzwald-Fotografien wieder raus. Mag auch der jeweils aktuelle Wochentag auf noch so vielen Apparaten blinken, auf Küchenherden, Armbanduhren oder Fernsehgeräten: Die Deutschen wollen ihn trotzig auf Papier geschrieben sehen, auch wenn sie dafür zum Seitenumblättern – ganz analog – selbst Hand anlegen müssen.

Sinnliche Bereicherung

„Es geht ja nicht nur um das aktuelle Datum“, sagt Catrin Polojachtof vom Berliner Aufbau-Verlag. Sie gibt den „Aufbau Literatur Kalender“ heraus: Er ist der älteste seiner Art in ganz Deutschland. So ein Kalender, sagt sie, sei vielmehr eine sinnliche Bereicherung des Alltags. „Er hat in meiner Wohnung einen ganz bestimmten Platz und erzählt mir von dort aus Geschichten.“ Jede einzelne davon sei das Angebot zu einer „literarischen Entdeckung“: 52-mal im Jahr, ohne Sortierung und ohne thematische Festlegung.

Wo gibt es das noch in unserer digitalen Wirklichkeit? Literarische Vorlieben werden von Algorithmen geprägt, Lektüre-Erlebnisse gibt es oft nur noch durch Filterblasen. Der Kalender an der Wand aber konfrontiert uns mit dem Neuen, Ungewohnten, Überraschenden. Zum Beispiel mit Texten wie diesem: „Auf einer Anhöhe in Kreuzlingen, bevor der Weg nach Konstanz weiterführt, sieht man einen riesigen Abschnitt vom See, und jedes Mal, beinahe bei jedem Wetter, ist es überraschend, wenn an dieser Anhöhe plötzlich die große Wasserfläche auftaucht.“

Alltägliche Beobachtungen

Zsuzsanna Gahse hat ihn geschrieben, zu lesen ist er im neuen Bodensee-Literaturkalender des Stadler-Verlags. „Als Herrn Stadlers Anfrage kam, suchte ich nach einem schon vorliegenden Text“, berichtet sie auf SÜDKURIER-Anfrage: „Nachträglich kann ich Ihnen nicht sagen, wo ich ihn fand. Ich glaube, in einem früheren Beitrag für die Literaturzeitschrift ‚Mauerläufer’. Die Zeilen habe ich dann neu zusammengerückt.“

Illustriert wird ihr Text von einer Schwarz-Weiß-Ansicht des Bodensees: Ob der Fotograf auf exakt jener beschriebenen Anhöhe in Kreuzlingen stand, lässt sich nicht erkennen. In jedem Fall aber rücken Text und Bild eine Beobachtung des Alltags unversehens ins Bewusstsein des Betrachters. Für einen Moment wird der flüchtige Blick aus dem Auto Fixpunkt unseres Lebens, der See in seiner Größe, Lage und Bedeutung zum Spiegel unserer Identität. „Der Bodensee ist für mich die Mitte der Welt“, sagt Gahse.

Verständliche Texte

Damit ein Text diese Wirkung entfalten kann, muss er einige Bedingungen erfüllen. Die wichtigste: auch ohne Hintergrundwissen noch verständlich sein. „Wir achten darauf, einen Text niemals so sehr aus seinem Zusammenhang zu reißen, dass man nicht mehr versteht, worum es überhaupt geht“, sagt Polojachtof vom Aufbau-Verlag. „Ein Text, der für einen Literaturkalender geeignet ist, muss für sich alleine stehen können und sollte in jede Zeit passen.“

Nicht immer sind Schriftsteller erpicht darauf, in einem Literaturkalender zu erscheinen. Manche verwechseln das künstlerisch anspruchsvolle Format mit jenen Ansammlungen kitschiger Sinnsprüche, die zu Sonnenuntergängen ewige Liebe oder Freundschaft beschwören. Andere wiederum erkennen zwar den Anspruch, halten aber trotzdem nichts davon.

Im ablaufenden Literaturkalender des Aufbau-Verlags zum Beispiel befindet sich ein kurioser Text von Max Goldt. So ein Literaturkalender, das sei doch unsinnig und interessiere niemanden, nein, er weigere sich, an einem solchen Projekt teilzunehmen. Polojachtof sagt, mit diesen Worten habe er bei den Planungen zu diesem Kalender ihre Anfrage abgelehnt. Der Verlag aber machte aus der Not eine Tugend und druckte Goldts rüde Abfuhr ab.

Vier Empfehlungen

Was ist der geeignete Literaturkalender fürs kommende Jahr? Im Folgenden stellen wir eine Auswahl vor.

Bildunterschrift
Bildunterschrift | Bild: Arche-Verlag
  • Arche Literatur Kalender: Der Arche-Verlag stellt seine Kalender allährlich unter ein Jahresmotto. Für 2019 lautet dies: „Lesen und Leben“. Auf 53 Wochenblättern findet der Leser Texte und Bilder von Autoren aus 75 Jahren Arche-Verlag.
Bild: Aufbau-Verlag
  • Aufbau Literatur Kalender: Laut Verlag handelt es sich um den „mit Abstand dienstältesten deutschen Literaturkalender“. Wer hier veröffentlichen will, muss mindestens zwei Mal bereits mit einer großen Buchveröffentlichung in Erscheinung getreten sein.
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Bildunterschrift | Bild: Korsch-Verlag
  • Korsch Literaturkalender: Der auf Kalender spezialisierte Korsch-Verlag widmet gleich mehreren Themen eigene Literaturkalender – Wälder, Hunde, Pferde. Die Fotografien sind oft eindrucksvoll, die meist klassischen Texte dafür illustrativ, nah am Sinnspruch.
Bildunterschrift
Bildunterschrift | Bild: Stadler-Verlag
  • Stadler Literaturkalender Bodensee: Ein hochwertiger Kalender mit 27 Seiten (zwei Wochen pro Seite). Zu Texten von zeitgenössischen Autoren wie Arnold Stadler und Beat Brechbühl gibt es Schwarzweiß-Fotografien (Fotograf: Thomas Bichler) rund um den See.