Der opulente Schein trügt. Sicherlich fährt „The Favourite“ einiges auf, was man von einen Kostümfilm erwarten würde: prachtvolle Kleider, turmhohe Perücken, verschwenderisches Interieur. Doch wenn Yórgos Lánthimos, der sich so bizarre Kino-Eigentümlichkeiten wie „The Lobster“ ausgedacht hat, Regie führt, stellt er erwartungsgemäß einiges auf den Kopf. Sein Genre-Schlenker „The Favourite“ fällt verlässlich aus dem historischen Rahmen: als sattes, gern groteskes und ziemlich galliges Kostümdrama, das dem grandiosen Trio Olivia Colman, Rachel Weisz und Emma Stone einiges abverlangt.

Queen Anne hat es nicht leicht

Schon die historische Begebenheit, die dem Film zugrunde liegt, ist ungewöhnlich. „The Favourite“ blickt an den Hof von Königin Anne, der letzten Regentin aus dem Hause Stuart, im England des 17. Jahrhunderts. Die Monarchin hat all ihre 17 Kinder verloren, schleppt sich gebrechlich durchs Palastleben und ist Liebschaften mit Frauen nicht abgeneigt. Als wäre das nicht genug, befindet sie sich politisch in einer schwierigen Lage, weil sie für Englands Krieg gegen Frankreich die Steuern drastisch erhöhen will – dagegen rührt sich Widerstand, angeführt von Robert Harley (Nicholas Hoult).

Der Film konzentriert sich allerdings auf ein anderes Geschehen: Am Hof entbrennt eine Rivalität zweier Frauen um die Gunst der Queen. Rachel Weisz auf der einen Seite tritt als Lady Sarah Churchill manipulativ mit eigener Agenda als engste Vertraute, etablierte Strippenzieherin und gewogene Liebhaberin auf, die die Launen der Herrscherin im Zaum hält.

Rachel Weisz spielt im Film "The Favourite" Lady Sarah Churchill.
Rachel Weisz spielt im Film "The Favourite" Lady Sarah Churchill. | Bild: Jon Kopaloff / AFP

Auf der anderen Seite stört Emma Stone ihre Pläne. Nachdem sie als neues Dienstmädchen Abigail, Sarahs arme Cousine, an den Hof gekommen ist, will sie die Lieblings-Zugehdame vom Thron schubsen und verfolgt dabei so smart wie skrupellos ihre eigenen Interessen. Inmitten dieser bösen Rangeleien brilliert Olivia Colman als tragische Adelsgestalt: kindisch und unberechenbar launisch, laut und verloren gleichermaßen.

Emma Stone spielt in "The Favourite" das Dienstmädchen Abigail.
Emma Stone spielt in "The Favourite" das Dienstmädchen Abigail. | Bild: Jordan Strauss / Invision / AP / dpa

Allein, wie sich die Hauptdarstellerinnen mit herrlichster Spitzzüngigkeit und Momenten körperlicher Komik in die höfischen Spielchen stürzen, macht „The Favourite“ sehenswert. Darüber hinaus kommt noch Lánthimos‘ Sinn für das Absurde und den Exzess ins Spiel. Das findet sich in den Beobachtungen am Palast ebenso wieder wie in den verzerrten Weitwinkelaufnahmen.

Anders als in seinen vorherigen Filmen entfesselt Lánthimos dieses Mal die intensiven Emotionen, die in dieser Konstellation mit den drei so unterschiedlichen, komplexen Frauenfiguren stecken. All das macht „The Favourite“ zu einem unterhaltsam entrückten Hof-Intrigenspiel und modernen Historiendrama.