Keine Künstlerbiografie ist so oft verfilmt worden ist wie das Leben von Vincent van Gogh. Selbst Menschen, die sich nur am Rande für Kunst interessieren, kennen seine Bilder. Die meisten bekannten Gemälde sind in seinen letzten beiden Lebensjahren entstanden, als der Holländer im südfranzösischen Arles endlich das Licht fand, das er für seine Arbeit brauchte.

Im Grunde hat Vincente Minelli mit „Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft“ (1956) schon vor über 60 Jahren ein Porträt geschaffen, das alle weiteren überflüssig machte – bis Robert Altman „Vincent und Theo“ gedreht hat (1990). Dann kam 2017 „Loving Vincent“ in die Kinos, ein biografischer Trickfilm. Der Künstler schien entschlüsselt.

Die Entstehung der Kunst

Dennoch ist es Julian Schnabel gelungen, dem Leben und vor allem dem Werk van Goghs mit „An der Schwelle zur Ewigkeit“ weitere neue Facetten abzuringen, denn es gibt einen Unterschied zwischen Schnabel und den anderen Regisseuren: Der Amerikaner ist selbst Maler. Stand bei „Loving Vincent“ die Kunst im Zentrum, so rückt nun ihre Entstehung in den Mittelpunkt.

Dabei bedient sich Schnabel einer Methode, die er womöglich den sogenannten Ego-Shootern abgeschaut hat. Ziel dieser gewalttätigen Videospiele ist die Eliminierung der Feinde, die Aufnahmen zeigen die Perspektive des Spielers, dessen Waffe am unteren Bildrand ins Geschehen ragt. Auf gleiche Weise zeigt Schnabel van Gogh bei der Arbeit: Dessen Waffe ist der Pinsel.

Der Zuschauer als Künstler

Der Einfall ist ein brillanter Beleg dafür, wie aus etwas Schlechtem etwas Gutes werden kann: Im Killerspiel wird der Spieler zum Mörder, bei Schnabel wird der Zuschauer zum Künstler. Diese subjektive Sichtweise behält der Film auch bei, wenn van Gogh mit seinem Freund Gauguin spricht. Filmpartner Oscar Isaac schaut dann direkt in die Kamera. Die Fachsimpeleien der Maler sind ebenso faszinierend wie das den Gemälden nachempfundene Licht.

Künstlerfreundschaft: Oscar Isaac als Paul Gauguin (links) und Willem Dafoe als Vincent van Gogh im Film "Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit".
Künstlerfreundschaft: Oscar Isaac als Paul Gauguin (links) und Willem Dafoe als Vincent van Gogh im Film "Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit". | Bild: DCM / dpa

Bei Schnabel ist der Künstler der Star des Films, zumal sich Willem Dafoe die Rolle mit Haut und Haaren einverleibt hat. Der Schauspieler hat viele große Charaktere dargestellt, aber es wirkt, als habe er auf diesen Film gewartet. Dafoe ist für seinen van Gogh bei den Filmfestspielen von Venedig als bester Schauspieler ausgezeichnet worden.