Das Konzept dieses Films ist derart ehrgeizig, dass es zumindest in der jüngeren Vergangenheit seinesgleichen sucht. „Mackie Messer“ ist die kühne Kombination mehrerer Ebenen: Bertolt Brechts 1928 uraufgeführtes Bühnenstück „Die Dreigroschenoper“ war ein derart fulminanter Erfolg, dass es umgehend verfilmt werden sollte. Brecht schwebte für die Leinwand jedoch eine deutlich radikalere Version vor.

Weil sich die künstlerischen Differenzen nicht überbrücken ließen, kam es zum Prozess mit den Produzenten. Das sind die historischen Fakten. Die zweite Ebene ist die Inszenierung von Brechts nie Wirklichkeit gewordener Vision. In der Rahmenhandlung schließlich schildert Joachim A. Lang die politische Entwicklung jener Jahre – und jetzt wird klar, dass sich die aktuellen Bezüge nicht allein auf die Kapitalismus-Kritik in der „Dreigroschenoper“ beschränken.

Tobias Moretti (Mitte) als Londoner Gangster Macheath mit seiner Verbrecherbande.
Tobias Moretti (Mitte) als Londoner Gangster Macheath mit seiner Verbrecherbande. | Bild: Stephan Pick / Wild Bunch Germany

Faszinierend ist „Mackie Messer“ schon wegen des ästhetischen Konzepts: Der Film im Film ist laut und bunt, die Auseinandersetzungen zwischen Brecht und den Geldgebern deutlich farbloser. Die Kunstfertigkeit der Produktion liegt jedoch in der Art, wie Lang die Handlungsebenen miteinander verknüpft: Während Brecht noch seine Vision schildert, wird sie bereits lebendig; dann unterbricht Lang die Illusion, weil Brecht Regieanweisungen gibt, was diese Ebene wie ein „Making of“ wirken lässt.

Der für sein Doku-Drama „George“ mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Autor und Regisseur hat über Brecht promoviert und jahrelang das Brechtfestival in Augsburg geleitet – perfekte Voraussetzungen, aber keine Garantie für eine herausragende Arbeit. Zu einem Werk von großer cineastischer Wucht wird das Projekt, weil Lang für eine beeindruckende optische Opulenz gesorgt hat.

Joachim Król ist Macheaths Gegenspieler, der Bettler-König Peachum.
Joachim Król ist Macheaths Gegenspieler, der Bettler-König Peachum. | Bild: Stephan Pick / Wild Bunch Germany

Ähnlich verschwenderisch wie die Ausstattung ist die prominente Besetzung, wobei ein zusätzlicher Reiz in der Kombination der verschiedenen Ebenen liegt, weil die meisten Mitwirkenden Doppelrollen spielen. So verkörpert Hannah Herzsprung nicht nur die Polly in der verfilmten „Dreigroschenoper“, sondern auch deren Darstellerin Carola Neher. Die treibenden Figuren sind Männer, allen voran Tobias Moretti als Gangster Macheath (Mackie Messer), der am Ende nach kühnem Zeitsprung eine Größe in der heutigen Finanzwelt wird, und Joachim Król als sein Gegenspieler Peachum.

Über diesem bemerkenswerten Ensemble thront Lars Eidinger als Bertolt Brecht. Wer sonst könnte diese überlebensgroße Figur mit ihren nur aus authentischen Zitaten bestehenden Dialogen verkörpern? Nicht jedermanns Geschmack dürfte aber der zeitgenössische Sing-Stil mit dem geradezu manisch gerollten „R“ sein.


Der Trailer zum Film: