Helden werden überschätzt. Es sind oft die Antagonisten, die einen Film tragen. „Goldfinger“ zum Beispiel gehört nicht wegen Sean Connery zu den besten Bond-Filmen aller Zeiten, sondern weil Gert Fröbe den finsteren Schurken spielte.

So ist es auch mit Comic-Verfilmungen: Die Weltenretter in ihren Elastan-Anzügen kommen nur in Auseinandersetzung mit veritablen Widersachern wirklich zur Geltung – und manchmal ist es dennoch der Bösewicht, der am Ende die Gunst des Kinopublikums gewinnt.

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Als vor elf Jahren Christopher Nolans „The Dark Knight“ erschien, sprach keiner über Christian Bales Batman-Figur, sondern alle über Heath Ledgers Joker. Das unkalkulierbare Böse nahm in dessen Darstellung geradezu greifbar Gestalt an und bündelte die Verunsicherung der amerikanischen Gesellschaft nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf der Leinwand.

Joker wurde zur wichtigsten Kino-Ikone seines Jahrzehnts und Ledgers früher Tod wenige Monate nach Ende der Dreharbeiten ließ die Figur mit dem Schauspieler-Mythos verschmelzen.

Schauspieler Joaquin Phoenix steht vor einem riesigen Plakat des „Joker“, dem eine Träne die Wange hinunterläuft.
Schauspieler Joaquin Phoenix steht vor einem riesigen Plakat des „Joker“, dem eine Träne die Wange hinunterläuft. | Bild: Kevin Winter / AFP

Nun geht Todd Phillips (48, „Hangover“) mit seinem neuen Film „Joker“ noch einen Schritt weiter: Er macht den Mann mit dem Clownsgesicht zum alleinigen Protagonisten und taucht tief in die Seelenstruktur des angehenden Bösewichts ein. Die Handlung ist in den frühen 80er-Jahren in Gotham City angesiedelt. Der Müll stapelt sich auf den Straßen.

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist größer denn je. Die Kriminalitätsrate schnellt in die Höhe. Kein Superheld weit und breit. In der Stadt, in der es nichts mehr zu lachen gibt, schlägt sich Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) als Straßenclown durch und wird von ein paar Jugendlichen brutal verprügelt – die erste von vielen Erniedrigungen, die ihn im Verlauf des Films zunehmend emotional radikalisieren.

Der Traum von der Komiker-Karriere

Der Clown ist ein Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs, der von grotesken Lachanfällen heimgesucht wird. Sieben verschiedene Psychopharmaka nimmt er zu sich und träumt davon, ein berühmter TV-Komiker zu werden – genauso wie sein großes Vorbild Murray Franklin (Robert De Niro).

Als ihn in der U-Bahn drei betrunkene Banker belästigen, zieht Arthur die Pistole und schießt die Angreifer nieder. Die Morde landen in den Schlagzeilen und werden als politische Tat gewertet. „Tötet die Reichen“ steht auf den Schildern der Demonstranten, die Clowns-Masken tragen.

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Während Arthur als Held der Armen missverstanden und gefeiert wird, verliert er zunehmend die Kontrolle, kann Vorstellung und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten und beginnt, sich für die erlittenen Erniedrigungen zu rächen.

Joaquin Phoenix spielt den Psychopathen mit einer sich langsam steigernden Intensität, die gleichzeitig Empathie und Beklemmung hervorruft. Der heruntergehungerte Körper ist der eines Schmerzensmanns, der enorme Energien freisetzt, wenn sich sein Leid in Aggression verwandelt.

Eine Performance für die Filmgeschichte

In die zwanghaften Lachanfälle mischt sich ein bedrohliches Röcheln, das sich tief aus der Seele den Weg durch den Körper frei kämpft. Es ist eine Performance, die zweifellos in die Filmgeschichte eingehen wird, auch weil sie die widersprüchlichen Ängste und Aggressionen unserer Zeit in sich aufnimmt.

Regisseur Phillips hält sich fern von plumpen Analogien. Aber die Assoziationen, die der Film vor allem auf die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit in den USA freisetzt, sind unübersehbar: Die unerträgliche Kluft zwischen Arm und Reich, ein zynischer Bürgermeister, der sich über die Systemverlierer lustig macht, die alltägliche Wut auf der Straße, die fehlende Hoffnung auf eine gesellschaftliche Veränderung, die dazu führt, dass sich der Mob ausgerechnet einen wahnsinnigen Clown als Leitfigur wählt.

Erlösung gibt es nicht

Mit erstaunlicher Konsequenz beharrt Phillips auf seinem düsteren Szenario, in dem es keine Erlösung, sondern nur den Weg in die aggressive Entladung der sozialen Spannungen gibt.

Brachte „The Dark Knight“ den Seelenzustand Amerikas nach dem 11. September auf den Punkt, ist es nun „Joker“, der ein Psychogramm der gespaltenen Gesellschaft in der Ära Trump metaphorisch abbildet und den Finger an den Puls unserer finsteren Zeit legt.